Dass "eine mysteriöse Lungenkrankheit in Zentralchina ausgebrochen" sei, berichtete die Austria Presse Agentur erstmals am 31. Dezember 2019. Die Millionenstadt Wuhan zähle 27 Infizierte. Zwei Wochen danach identifizierte der deutsche Virologe Christian Drosten die Ursache als Coronavirus von der Art des Erregers der schweren Lungenerkrankung Sars, deren Ausbruch 2002 mit einer zehnprozentigen Todesrate einhergegangen war. Ende Februar gab es die neue Lungeninfektion Covid-19 in fast jedem Land und ihr Auslöser Sars-CoV-2 wurde und bleibt die Causa prima der Wissenschaft. Im Folgenden der Versuch einer Bestandsaufnahme des Wissens über das neue Coronavirus, das die Welt im Griff hat, sowie der Rätsel.

Woher stammt Sars-CoV-2? Obwohl selbst renommierte Fachjournale die Frage thematisieren, ob das Virus quasi als Biowaffe im Labor erzeugt wurde, gilt es als belegt, dass Sars-CoV-2 vom Tier, wahrscheinlich der Fledermaus, stammt und andere Tiere in Zivilisationsnähe als "Mischgefäße" nutzte, um eine besondere Transmissionsfähigkeit beim Menschen entwickeln zu können. "Im Labor wäre dieses Ergebnis nicht machbar. Man muss sich die Kosten für Testreihen vorstellen, die nötig wären, um ein Virus zu erzeugen, das sich auf diese Weise von Mensch zu Mensch verbreitet", betont Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Labors für Virus-Isolation der Medizinischen Universität Wien. Zweiter Punkt: Menschengemachte Einschnitte in die Evolution, etwa durch die Gen-Schere CRISPR-Cas/9, konnten bisher nicht nachgewiesen werden.

Seit wann gibt es das Virus? Bereits im März 2019 hatten chinesische Forscher im Fachmagazin "Viruses" vor dem Auftauchen eines Coronavirus gewarnt, das von Fledermäusen in China ausgehen könnte. "Wir nehmen an, dass es schon im Herbst 2019 vorhanden war und davor möglicherweise unentdeckt in Tier-Populationen kursierte", sagt Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien.

Wie steckt man sich an? Über Viren, die infizierte Menschen etwa durch Husten, Niesen oder Spucken abgeben. Größere, schwerere Tröpfchen fallen nach etwa einem Meter zu Boden. Kleinere, leichtere Aerosole halten sich länger und können über größere Distanzen getragen werden. "Ein infizierter Mensch hinterlässt infektiöse Aerosole in Innenräumen. Jedoch müssen die Viren in einer ausreichenden Konzentration und Dichte vorhanden sein und eingeatmet werden, um zum Rezeptor ACE-2 in der Nase und in der Lunge gelangen zu können. ACE-2 öffnet Tür und Tor ins Organinnere", erklärt Wenisch. Normalerweise versorgt ACE-2 das Zellinnere und schützt vor Organversagen. Doch Sars-CoV-2 dockt an das Protein an und entert wie ein Pirat, um sich quasi im gekaperten Schiff zu vermehren. Ansteckungen über unbelebte Oberflächen gelten als unwahrscheinlicher.

Wie lassen sich Infektionen verhindern? Mit Barrieren zwischen Atmungsorganen und Viren in der Luft. "Die beste Weise, eine Ansteckung zu vermeiden, ist, indem alle einen banalen Mund-Nasen-Schutz tragen", sagt Wenisch. Eine Studie der Universität Jena bestätigt dies. Als zweite effektive Methode hat sich das Abstandhalten erwiesen.

Warum verbreitete sich das Virus derart rasant? 80 Prozent der Infizierten überstehen Covid-19 symptomfrei. Sie geben die Erreger unwissend so lange weiter, wie die Krankheit dauert - zwei Wochen. Personen mit Symptomen sind zudem bereits 24 bis 48 Stunden vor deren Auftreten besonders ansteckend.

Warum werden Kinder seltener krank? Kinder unter zehn Jahren besitzen eine niedrigere Konzentration von ACE-2-Rezeptoren (siehe oben). Das Virus gelangt schwerer in ihre Atemwege. Als Gruppe sind somit Kinder weniger ansteckend als über 25-Jährige. Wenn ein Kind aber doch an Covid-19 erkrankt, hat es die gleiche Virenlast wie Erwachsene.

Wie viele Stämme gibt es? Derzeit sind fünf Stämme mit Untergruppen bekannt. O für "origin" heißt der erste, der am Ursprungsort Wuhan identifiziert wurde. Er mutierte zu S, L, V, G, GR und GH. In Europa sind die G-Stämme verbreitet. "Genetisch sind unterschiedliche Stämme nicht überraschend. Wichtig ist, dass der Körper eine effektive Immunantwort auf sie findet, und das ist der Fall", erläutert Redlberger-Fritz. Welcher Stamm der aggressivste ist, wird derzeit unterschiedlich bewertet.

Warum waren strenge Maßnahmen in Österreich rasch erfolgreich, während in manchen Regionen Spaniens nach wie vor Shutdown herrscht? Je früher Maßnahmen gesetzt werden, desto erfolgreicher sind sie. Im Kampf gegen eine Pandemie gibt es einen Punkt, bis zu dem sich die exponentielle Verbreitung effektiv bremsen lässt. Österreich hat diesen Zeitpunkt getroffen, nämlich "als die Hintergrund-Zirkulation (Dunkelziffer) noch gering war", erläutert Redlberger-Fritz. "Auch jetzt müssen wir eine neuerliche Ausbreitung abfangen, indem wir Infektionsherde schon sehr früh bemerken", betont die Virologin. Auch rigorose Zugangsbeschränkungen in Krankenhäusern und Pensionistenheimen sowie an Grenzübergängen seien maßgeblich für den Erfolg gewesen.

Warum steigt hierzulande die Zahl der Neuinfektionen trotz der Lockerungen kaum? "Die Effizienz der Behörden nimmt bei geringen Fallzahlen zu", meint Wenisch. Das heißt: Es ist umso leichter, die Kontaktketten von Infizierten zu prüfen, desto weniger Fälle es gibt. "Österreich hat heute ein sehr effektives System aufgestellt, das es im März noch nicht gab. Jetzt können wir tausende Menschen am Tag testen. Wir wissen, wie Infizierte zu isolieren sind, und wir können ihre Kontakte leichter ausmachen, weil wir Routine gewonnen haben", erklärt der Infektiologe.

Covid-19 kann auch bei gesunden Personen schwere Verläufe nehmen. Warum? Das ist noch ungeklärt, aber immerhin lassen sich heute drei Problemkreise benennen. - Nummer eins: Da der Rezeptor ACE-2 in vielen Organsystemen existiert, können Coronaviren viele Organe ereichen. So können sie Gefäßentzündungen auslösen oder ein Fehlverhältnis zwischen der Durchblutung der Lunge und dem Ges-Austausch, wodurch der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt. Bewusstseinsstörungen und Nierenschäden können die Folge sein. - Zweitens kann es ab Tag sieben zu Störungen der Blutgerinnung kommen. "Jeder, der im Bett liegt mit Covid-19, sollte eine Thrombose-Prophylaxe nehmen, um die Gefahr eines Lungeninfarktes zu bannen", legt Wenisch nahe. - Zum Dritten kann die Immunabwehr "Amok" laufen. Bei einem Zytokinsturm lösen Botenstoffe des Immunsystems eine Über-Entzündung im Körper aus, die wiederum weitere Organschäden verursacht. "Wir haben gelernt, diese Komplikationen mit Standardmedikamenten erfolgreich zu behandeln, aber warum sie nicht in jedem fall auftreten, ist zu erforschen", sagt er.

Erleiden Afroamerikaner schwerere Verläufe? Ein Sprichwort besagt: Wenn Weiße eine Erkältung kriegen, holen sich Schwarze eine Lungenentzündung. Überdurchschnittlich viele Menschen mit afroamerikanischer Abstammung sterben an den Folgen des Coronavirus, berichten amerikanische und britische Behörden. Viele Schwarze arbeiten in Jobs, in denen Social Distancing oder Homeoffice nicht möglich sind. Noch aber fehlen Studien zur Kausalität hinsichtlich Covid-19.

Ist Blutgruppe A stärker betroffen? Deutsche und norwegische Forschende berichten, dass Menschen mit Blutgruppe A ein höheres und solche mit Blutgruppe 0 ein geringeres Risiko für einen schweren Verlauf haben. Stimmt das? "Da ist die Suppe noch dünn", meint Wenisch. "Zwei Millionen Menschen weltweit sind noch kein klares Signal bei einer Pandemie. Natürlich gibt es Menschen, die immunologisch besser mit Covid umgehen, aber welche das sind, ist nicht eindeutig identifiziert."

Sind Genesene immun gegen Covid und wenn ja, für wie lange? Diese Woche wurden bei 57 Prozent von 10.400 Bürgern der norditalienischen Stadt Bergamo Antikörper gegen das Coronavirus nachgewiesen. Bergamo war von dem Ausbruch besonders schwer betroffen. Über das längerfristige Ausmaß der Immunität nach einer überstandenen Erkrankung sagt die Studie jedoch wenig aus. "Es handelt sich um eine Momentaufnahme, die zeigt, dass es eine Immunantwort gibt. Über (die für längerfristige Immunität entscheidenden) neutralisierenden Antikörper ist die Studie nicht aussagekräftig", betont Redlberger-Fritz. Darüber, wie nachhaltig Genesene vor der Krankheit geschützt sind, gibt es noch keine belastbaren Erfahrungswerte - auch zumal Antikörper aus vorherigen Infektionen mitunter sogar schaden können. "Denkbar ist, dass eine zweite Infektion durch eine Antikörper-verstärkte Immunaktivierung schwerer verläuft", räumt Wenisch ein. Dann könne ein Impfstoff das Gegenteil dessen tun, was er soll, nämlich den Krankheitsverlauf verschlechtern.

Wie wahrscheinlich ist eine zeitnahe Impfung? "Da schützende und infektionsverstärkende Antikörper noch nicht bekannt sind, wissen wir nicht, wann ein Impfstoff zur Anwendung kommen kann", dämpft Wenisch die Erwartungen. "Wir wissen zu wenig über Immunität." Dennoch startet das US-Biotech-Unternehmen Moderna im Juli einen Impfstoff-Test an 30.000 Freiwilligen.

Sind Genesene, die ein zweites Mal Sars-CoV-2-positiv sind, ansteckend? Die Medizin rätselt über ehemalige Patienten, die Wochen nach ihrer Genesung erneut positiv auf das Virus testen. "Nachgewiesen wurden Nukleinsäuren des Erregers nach überstandener Infektion", erklärt Redlberger-Fritz: "Damit jemand aber infektiös ist, müsste er vermehrungsfähige Viren-Partikel ausscheiden. Wenn das der Fall ist, kann es vorkommen, dass er lange ansteckend ist. Würde dies an vielen Personen zutreffen, hätten wie die Pandemie aber nirgends unter Kontrolle gebracht", sagt sie. Denkbar sei, dass Viren als nicht-infektiöses Restsymptom verbleiben, etwa wie Reizhusten nach einer schweren Verkühlung.

Wie schwer sind die Folgeschäden? Folgeschäden an Lunge, Herz oder Gehirn werden an mehreren Kliniken untersucht, aber noch nichts ist klar. "Über die Ergebnisse sollten wir nächstes Jahr reden", findet Wenisch.

Könnte Sars-CoV-2 einfach wieder verschwinden, so wie sein Bruder Sars-CoV-1? Möglich ist alles. Redlberger-Fritz geht aber nicht davon aus."Sars war erst dann ansteckend, wenn man bereits im Bett lag. Da bei Sars-CoV-2 die meisten Infizierten nicht merken, dass sie Covid haben, verbreiten sie es überall. Dem Virus wird der Wirt nicht ausgehen." Wenisch sieht es anders: "Coronaviren sind ,schlampig‘ in der Vervielfältigung ihrer selbst. Bei Mutationen passieren ihnen Fehler. Meine Hoffnung ist, dass sie so mutieren, dass dominante Viren entstehen, die sich schlechter von Mensch zu Mensch übertragen - so wie es Sars-1 vor 17 Jahren passiert ist". Möge er recht behalten!