London/Genf/Wien. Nachdem britische Wissenschafter am Dienstag von einem "großen Durchbruch" bei der Covid-19-Behandlung berichtet hatten, hat die Weltgesundheitsorganisation die Ergebnisse der Studie mit dem Wirkstoff Dexamethason begrüßt. Mit der Substanz hätte man eine Behandlungsform in der Hand, welche die Todesrate bei an Beatmungsmaschinen angeschlossenen Patienten nachgewiesenermaßen senke. Es handle sich um einen "lebensrettenden wissenschaftlichen Durchbruch", urteilte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in der Nacht zum Mittwoch in Genf. Die Richtlinien für Covid-19-Patienten sollen nun aktualisiert werden.

Ihnen sei es gelungen, mit Dexamethason die Sterblichkeit schwerstkranker Corona-Patienten um ein Drittel zu senken, hatten die Forscher der Universität Oxford berichtet. Das entzündungshemmende Steroid-Medikament war zehn Tage lang mehr als 2000 Betroffenen verabreicht worden. Bei Kranken, die nur Sauerstoff verabreicht bekamen, wurde die Sterblichkeit um ein Fünftel gesenkt, heißt es.

Bei Patienten mit milderem Verlauf zeigte die Behandlung hingegen keine Wirkung. Zur Kontrolle untersuchten die Wissenschafter 4000 weitere Kranke, die nicht mit Dexamethason behandelt wurden. Detaillierte Überprüfungen des klinischen Versuchs wurden bisher aber noch nicht veröffentlicht.

Die Substanz ist in einer Vielzahl von entzündungshemmenden Medikamenten enthalten. Es wird zur Behandlung von allergischen Reaktionen, rheumatoider Arthritis und Asthma angewendet. Nach Angaben der britischen Forscher könnten tägliche Dosen jeden achten Tod bei schwerstkranken Covid-Patienten verhindern.

"Kortison setzen wir in der Intensivmedizin seit Jahrzehnten ein", erklärt Walter Hasibeder, zukünftiger Präsident der österreichischen Intensivmedizin-Fachgesellschaft. Doch müsse der Einsatz mit Vorsicht diskutiert werden. "Das wäre eine niedrig dosierte Kortisontherapie", so der Arzt. An sich sei damit ein derart großer Effekt mit dem Medikament unter dieser Dosierung eher nicht zu erwarten. "Diese Steroidtherapie bei verschiedenen sehr schweren Infektionen wurde immer wieder versucht", längst nicht immer seien damit Erfolge erzielt worden.

Dämpft Immunabwehr

Dexamethason hat keinen Effekt gegen Sars-CoV-2. Bei Intensivpatienten erhofft man sich eine Dämpfung der überbordenden Entzündungsreaktion - ähnlich wie bei einem septischen Schock. Hier könne die Gabe von Kortison einen positiven Effekt haben.

Die Wirkung dürfte aber auch in diesen Fällen über einen Umweg zum Tragen kommen. Zur Aufrechterhaltung des Blutdrucks bekommen diese Patienten oft hoch dosiert Adrenalin-artige Medikamente. Kortison kann hier einem Wirkungsverlust dieser Arzneimittel gegensteuern helfen.

Für einen Hype sollten die vorläufigen Studienergebnisse nicht sorgen. Kortison in höherer Dosierung dämpft auch die Immunabwehr. "Das ist ein zweischneidiges Schwert", so Hasibeder.

Auch international äußerten sich Experten sehr vorsichtig. Wichtig sei, die Nebenwirkungen noch weiter herauszuarbeiten, erklärte der deutsche Infektiologe Jörg-Janne Vehreschild. Laut Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, muss geprüft werden, inwieweit der Mehrwert von Steroiden hinsichtlich der Sterberate mit schweren Infektionen anderer Art - etwa Superinfektionen - erkauft werden muss.

Rund um Covid-19 hat es bereits einige Hypes gegeben - etwa rund um das Malariamittel Chloroquin, das auch US-Präsident Donald Trump angepriesen hatte. Dessen Notfallzulassung für die Therapie schwerer Sars-CoV-2-Infektionen hat die US-Arzneimittelbehörde FDA erst vor wenigen Tagen zurückgezogen.