Seine Kindheit verbindet Martin Karplus, Nobelpreisträger für Chemie 2013, unter anderem mit einem Zwischenfall mit Spinat. "Popeye gab es damals noch nicht - Spinat aber leider schon. Unser Dienstmädchen meinte, ich müsse meinen essen. Mit aller Wucht, die ich aufbringen konnte, warf ich einen damit voll gefüllten Löffel an die Decke", sagte Karplus am Montagnachmittag bei einer Online-Buchpräsentation seiner Autobiografie aus Cleveland im US-Staat Ohio. "Spinach on the Ceiling": The Life of a Theoretical Chemist" heißt der farbig illustrierte Band, der ab sofort online und ab 31. Juli als Buch erhältlich ist.

Der Spinatfleck blieb noch eine ganze Weile an der Decke des Grinzinger Hauses. Wenn sie klar machen wollten, welch schlimmes Kind er war, wiesen die Eltern des 1930 in Wien geborenen Karplus darauf hin.

Die Wissenschaft war dem Spross einer jüdischen Medizinerfamilie in die Wiege gelegt. Auch Karplus sollte Arzt werden, doch die Nationalsozialisten machten alle Pläne zunichte. Wenige Tage nach dem "Anschluss" 1938 musste die Familie ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und über die Schweiz und Frankreich in die USA flüchten. "Unser wohlhabendes Leben in Wien gehörte der Vergangenheit an, wir waren nun relativ arm", erinnerte er sich in einem Interview mit der "Austria Presse Agentur" an die ersten Jahre in den USA.

"Der Glaube an mich selbst ermöglichte es, Schwierigkeiten zu überwinden": Martin Karplus (hier im Mai 2015 in Wien). - © apa/Neubauer
"Der Glaube an mich selbst ermöglichte es, Schwierigkeiten zu überwinden": Martin Karplus (hier im Mai 2015 in Wien). - © apa/Neubauer

Karplus berichtet über seine Studienjahre an der Universität Harvard im US-Staat Massachusetts und am California Institute of Technology. Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn nach Oxford, an die Columbia University, an die Universität Strasbourg und wieder nach Harvard. Seine Leidenschaft für das Kochen entdeckte er in den USA, seine Liebe zur Fotografie aber bereits als Kind, als ihm seine Eltern eine Leica-3 schenkten. Trotz seiner durch antisemitische Erfahrungen genährten Distanziertheit gegenüber Österreich hat Karplus seine Verbundenheit mit und seine Liebe zu Europa nach eigenen Aussagen nicht abgelegt.

Niemand tritt die Reise des Lebens alleine an, wir werden nicht ohne Hilfe exzellent: So lautet ein Grundsatz von Martin Karplus. Er gibt an, dass seine Studenten der Schlüssel zu seinem Erfolg seien, da sie Herausforderungen annähmen und Lösungen fänden, auf die er selbst so nicht gekommen wäre. Der Emeritierte Professor am Department für chemische Biologie in Harvard im US-Staat Massachusetts ist ihnen nach wie vor ein passionierter Mentor, "daher habe ich unter anderem meine Autobiografie geschrieben: Um junge Menschen in der Wissenschaft zu inspirieren und ihnen zu vermitteln, welche Schwierigkeiten sich mir in meiner Arbeit stellten, und dass es mir der Glaube an mich selbst ermöglichte es, sie zu überwinden."

Dauerhafte Grippeimpfung

In den 1960er Jahren untersuchte Karplus simple chemische Reaktionen zwischen Atomen und Molekülen von Wasserstoff. Als er sich Proteine und DNA vornehmen wollte, die Tausende Atome enthalten, zweifelten seine Kollegen an der Machbarkeit. Karplus ließ sich aber nicht beirren. Sein damals begonnener Ansatz führte zur höchsten Anerkennung durch die Verleihung des Chemie-Nobelpreises (mit Michael Levitt und Arieh Warshel) "für die Entwicklung von Multiskalenmodellen für komplexe chemische Systeme". Er selbst betont jedoch, dass für ihn der Bereich der Simulation molekularer Dynamiken noch wichtiger sei.

Derzeit arbeitet Karplus an einem von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung geförderten, dauerhaften universellen Impfstoff gegen die Grippe. "Wir haben das Design für die Antigene, die sich als stabile Antikörper erwiesen haben. Der nächste Schritt ist, sie in Mäusen zu testen, später folgen Tests auf Wirksamkeit und Verträglichkeit am Menschen", erklärte Karplus: "Wenn aber alles nach Plan läuft, könnten wir eine dauerhafte Influenza-Impfung in ein bis eineinhalb Jahren haben." Womit sich aus Sicht des Chemikers auch erklärt, wann es frühestens eine Impfung gegen die Lungenkrankheit Covid-19 geben könnte. "Zwar reichen unzählige Teams Patente für eine Impfung gegen Covid-19 ein. Aber wegen der erforderlichen Tests dauert es selbst im Schnelldurchlauf mindestens ein bis zwei Jahre, bis es eine solche geben kann", erklärte Karplus auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". "Leider sind wir dem Coronavirus länger unterworfen, als unser Präsident (Donald Trump, Anm.), der hauptsächlich Lügen verbreitet, angibt. Wir werden nicht heuer eine Impfung haben und das Virus wird nicht schnell verschwinden." Außer, der Erreger Sars-CoV-2 verhalte sich unerwarteterweise wie die Spanische Grippe 1918, die plötzlich abklang. "Vielleicht erfüllt sich diese Hoffnung."