Washington. Jemand ist in Not und alle stehen nur untätig herum, weil auch kein anderer etwas unternimmt. Dieses als "Zuschauer-Effekt" bekannte Verhalten ist bei Menschen verbreitet - nun haben US-Forscher es auch bei Ratten beobachtet, schildern sie im Fachblatt "Science Advances".

Sie sehen darin einen Erklärungsansatz für ein Verhalten wie beim tödlichen Polizeieinsatz gegen den Afroamerikaner George Floyd, bei dem keiner der übrigen Beamten einschritt.

Vergleich mit George Floyd

Die Wissenschafter setzten in ihrem Versuchsaufbau eine Ratte in eine Falle in Form einer Plastikbox. Kam eine einzelne Ratte dazu, befreite sie ihren Artgenossen in der Regel aus seiner Notsituation, indem sie ein Türchen öffnete. Setzten die Forscher aber vorher zwei Ratten neben die Falle, die Angstlöser erhalten hatten und daher untätig blieben, griff dieselbe Ratte, die geholfen hatte, nicht mehr ein. Der Artgenosse saß weiter in der Falle fest.

Standen die als Augenzeugen fungierenden Ratten aber nicht unter Drogen und bemühten sich um Hilfe, war die hinzukommende Ratte der Studie zufolge noch stärker darauf erpicht, zu helfen, als wenn sie allein mit der Situation konfrontiert wurde.

Die Forscher gehen davon aus, dass die Entscheidung, ob jemand hilft, weniger durch die Frage bestimmt wird, wer in dem Fall die Verantwortung trägt, als durch Belohnungsmechanismen im Gehirn.

Der Fall George Floyd passe hier gut ins Bild. Die Forscher verglichen die untätigen Polizisten mit den unter Drogen stehenden passiven Ratten in ihrem Experiment - "nur dass sie nicht die Chill-Pille genommen haben, sondern jahrelanges Training hatten", heißt es.