Die Zeit rast, wenn man sich amüsiert. In diesem Lichte erschien der Lockdown - Woche um Woche ohne Ablenkungsmöglichkeiten mit Betreuungspflichten im Home Office - wie eine Ewigkeit. Andererseits scheint die Zeit wie verflogen: Jetzt ist schon Juli, das halbe Jahr ist vorbei, aber immer noch dreht sich alles um Covid-19. Vor uns wiederum liegt eine Zeit der Unsicherheit, von der niemand weiß, wie lange sie dauern wird.

Während des Lockdown griffen die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung massiv in den Alltag ein. Kinder konnten nicht in die Schule. Menschen arbeiteten von daheim, Freunde und Verwandte durften einander nicht sehen. "Derart gravierende Veränderungen lassen die Umwelt anders erfahren", betont Ruth Ogden von der John-Moores-Universität im britischen Liverpool. Für ihre im Fachjournal "Plos One" veröffentlichte Studie hat sie 600 Menschen in Großbritannien zwischen 7. und 30. April dazu befragt, wie schnell der Lockdown für sie verging.

Nach dem Sonnenstand verstreicht die Zeit linear. Das subjektive Zeiterleben von Menschen hängt hingegen davon ab, wie intensiv wir eine Erfahrung machen und welche Gefühle wir damit verbinden. Dass das subjektive Zeitempfinden von der Normalität abweichen kann, zeigen Experimente in einem abgeschlossenen Atombunker oder in Selbstisolation. Wissenschafter gehen außerdem davon aus, dass die Minuten schnell zu verfließen scheinen, wenn etwas Spaß macht, während sie sich bei Langweile ins scheinbar Endlose ziehen. Als bestätigt gilt auch, dass anspruchsvolle kognitive Aufgaben das Zeitempfinden beeinflussen. "Ob aber gesellschaftlich atypische Perioden die Gefühle zur Umwelt und damit die Wahrnehmung des Zeitlaufs verändern, wurde bisher noch nicht untersucht", begründet das Forschungsteam seinen Ansatz.

Alltag verändert das Erleben

Mit Hilfe eines Online-Formulars befragten Ogden und ihre Kollegen die Studienteilnehmer zu ihrem subjektiven Zeitempfinden, ihrem Gemütszustand und den persönlichen Umständen während der Kontaktsperren. Auch der Tages- und Wochenablauf, die empfundene Alltagsbelastung und die Zufriedenheit mit dem Ausmaß an sozialer Interaktion mussten angegeben werden. Das Ergebnis: Bei mehr als 80 Prozent der Teilenehmenden verzerrte sich während des Lockdown die Zeitwahrnehmung im Vergleich zur Normalität. Für Menschen höheren Alters, die entweder mehr Stress ausgesetzt waren oder plötzlich weniger zu tun hatten, und dabei unter einen Mangel an Sozialkontakt litten, schien die Zeit langsamer als sonst zu abzulaufen. Für eher jüngere Menschen mit nach eigenen Angaben ausreichendem Sozialkontakt wiederum schien sie schneller zu fließen. Das galt sowohl für einzelne Tage als auch für ganze Wochen.

"Die Ergebnisse zeigen, dass erhebliche Alltagsveränderungen signifikante Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung des Zeitverlaufs haben", betonen Ogden und ihre Kollegen: "Generell verging der Lockdown für junge Menschen mit mehr Sozialkontakt schneller." Zusammengefasst lasse sich sagen, dass die Zeit der Kontaktsperren von Personen mit mehr Sozialkontakt, entweder im Haushalt oder über soziale Medien, eiliger war, während sie sich für Personen mit wenig Kontakt in die Länge zog.

Auch für jene, die am Höhepunkt der Krise stärker gefordert waren als davor - etwa Eltern im Home Office, Beschäftigte in systemrelevanten Berufen oder solche, die anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen hatten - schien die Zeit zu verfliegen, egal ob jung oder alt. Diese Menschen zählen wohl auch zu jenen, die recht verblüfft sind, dass es schon Juli ist.

Interessant wird der Lockdown aber wohl auch im Rückblick erscheinen. Frühere Studien zeigen, dass ältere Menschen einen Zeitraum von zehn Jahren im Rückblick gewöhnlich als kürzer wahrnehmen als Jüngere, weil sie die Periode an den Highlights festmachen. Für sie könnten sich die paar Wochen der Kontaktbeschränkungen, die naturgemäß eher wenige Highlights boten - wie eine Ewigkeit anfühlen.