Mit am Dienstag 890.799 Fällen liegt Russland nach den USA, Brasilien und Indien bei Corona-Infektionen an vierter Stelle. Als erstes Land der Welt hat es jedoch Dienstagfrüh eine Impfung gegen die Lungenkrankheit Covid-19 zugelassen. "Ich weiß, dass sie wirksam ist und dass sie dauerhafte Immunität gibt", sagte Präsident Wladimir Putin in einer vom Fernsehen übertragenen Videokonferenz mit Regierungsvertretern.

Die Impfung solle ab dem 1. Jänner in den Umlauf gebracht werden, berichten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf das Arzneimittelregister des Gesundheitsministeriums. Finanziert wurden die Arbeiten vom russischen Staatsfonds.

Die Entwicklung erfolgte am Gamaleja-Institut in Moskau, das in Russland einen ähnlich guten Ruf genießt wie in Deutschland das Robert-Koch-Institut. Das Vakzin soll eine robuste Immunantwort hervorrufen. An Nebenwirkungen wurde vor allem vorübergehendes Fieber genannt.

"Unser Impfstoff basiert auf zwei Vektoren - also modifizierten Viren, die das Genmaterial des Coronavirus in die menschliche Zelle bringen. In diesem Fall sind das Adenoviren, die eine sehr leichte Form der Grippe auslösen", erklärt der Chef des russischen Staatsfonds, Kirill Dmitrijew, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Bildhaft gesprochen funktionieren Vektoren wie ein Taxi, das das Genmaterial der Coronavirus-Zacken (Spike-Protein an der Virusoberfläche, mit dem es an die Zellen andockt) in die Zelle bringt. "Der Körper fängt dann an, die Zacken zu bekämpfen, und bildet Antikörper", so Dmitrijew.

Zwei im Abstand von 21 Tagen erfolgende Immunisierungen seien mit zwei unterschiedlichen Adenovirus-abgeleiteten Vektoren durchgeführt worden. Damit wolle man vermeiden, dass sich das Immunsystem gegen die Vektoren selbst wendet und somit den Effekt der Immunisierung einschränkt. Laut Dmitrijew handelt es sich bei dem Covid-Impfstoff um eine veränderte Version zweier früher in Russland entwickelter Vakzine gegen Ebola und Mers.

Beschleunigte Begutachtung

Kritik wird an der frühen Zulassung geübt, da noch keine Studie der klinischen Phase III an etwa 3000 Testpersonen auf Verträglichkeit und Wirksamkeit unternommen worden sei. Zu der Impfung würden nur rudimentäre wissenschaftliche Daten existieren. Anders als bei anderen, in Europa und den USA getesteten Vakzin-Kandidaten sei keine Publikation in einem Peer-geprüften Fachjournal bekannt. Laut Berichten wurde die Impfung bisher an weniger als 100 Freiwilligen aus dem Militär getestet.

"Russische Covid-19-Impfung eine Büchse der Pandora", titelte der Fernsehsender Bloomberg auf seiner Homepage: Die Zulassung könne "ein Risiko für Menschen darstellen". "Eine Impfung in Umlauf bringen zu wollen, bevor alle Testphasen abgeschlossen sind, ist problematisch", betont der US-Epidemiologe Anthony Fauci in der "Washington Post". "Es gibt über das Projekt keine genauen und verfügbaren Informationen", erklärt auch die Wiener Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt in der "Austria Presse Agentur".

"Die Arbeiten entsprechen im Wesentlichen dem, was die Universität Oxford macht und jetzt klinisch testet, indem sie Leute damit impft. Die Russen schlagen allerdings eine sehr schnelle Gangart ein", findet der Wiener Immunologe Rudolf Valenta, der teilweise in Moskau arbeitet: "Es ist ein mutiger Vorstoß, allerdings gibt es viele offene Fragen. Das Wesen der Russen ist, dass sie Entscheidungen treffen und handeln, nicht Dinge diskutieren. Aber rein sachlich betrachtet wird genau dieser Ansatz auch in den westlichen Ländern verfolgt."

Derzeit erhält Wissenschaft zu Covid einen beschleunigten Begutachtungsprozess. Pharmafirmen haben die Krankheit auch zum Anlass genommen, ihre Impfstoff-Kandidaten rasch in die klinische Phase zu bringen. Auch zu jungen Technologien, wie Impfungen mit Adenoviren, werden Erfahrungen gesammelt. Vor einigen Tagen befanden sich außerhalb von Russland Kandidat-Vakzine von Sinovac (China), der Universität Oxford (AstraZeneca) und Moderna (USA) in der Phase-III der klinischen Prüfung.(est)