Europäisches Forum Alpbach, diesmal anders: Die geplante Entwicklung einer Impfung gegen die Lungenkrankheit Covid-19 innerhalb von einem bis zwei Jahren wäre eine enorme Beschleunigung eines solchen Prozesses, sagte die Virologin Christina Nicolodi am Montag in einem vorlesungshaften Online-Vortrag zu Beginn der Gesundheitsgespräche. "Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffes zehn bis 15 Jahre", betonte die Wiener Expertin für regulatorische Angelegenheiten zu Arzneimitteln.

Mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 haben sich die Parameter jedoch verändert. Bis Montagmittag hatten sich insgesamt 23.447.224 Menschen mit dem neuen Erreger, der sich seit Dezember 2019 auf der ganzen Welt verbreitet, infiziert. Eine Impfung gilt als Schlüssel zur Eindämmung der Pandemie. Während erste Tests an Versuchstieren, erste klinische Tests an ein paar hundert Menschen und sogar die Entwicklung der Produktionsverfahren teilweise parallel ablaufen könnten, müssten Phase-III-Untersuchungen auf Sicherheit und Wirksamkeit an Zehntausenden Probanden durchgeführt werden, hob Nicolodi in dem Online-Vortrag hervor.

Ohne abgeschlossene Phase-III-Studie wird in westlichen Ländern kein Impfstoff zugelassen. Dort angekommen seien derzeit ein Virusvehikel-Vakzin der der Universität Oxford und mRNA-Impfungen der Firmen Moderna (USA) und Biontech/Pfizer (Deutschland/USA), sagte die Expertin. Derzeit befinden sich etwa 150 Covid-19-Impfstoffe in Entwicklung.

Die beschleunigte Zulassung eines Corona-Vakzins in Russland nach nur zwei Monaten klinischer Erprobung schürt bei Experten Sorgen. Sie warnen, dass eine nur teilweise wirksame Impfung den "evolutionären Druck" auf den Erreger steigern könnte. Ein unvollständiger Schutz könne dazu führen, dass das Virus den vorhandenen Antikörpern ausweicht und mutiert, erklärt Ian Jones, Professor für Virologie an der britischen Universität Reading. Dadurch könnten Stämme entstehen, die sich der Impfung entziehen. "In diesem Sinne ist ein schwacher Impfstoff schlechter als gar kein Impfstoff", betont der Experte.

Ähnlichkeit mit Antibiotika-Resistenz

Nach Einschätzung von Wissenschaftern ist ein ähnlicher evolutionärer Mutationsdruck bei Bakterien zu beobachten, die sich, wenn sie mit Antibiotika behandelt werden, weiter entwickeln und anpassen können, um den Medikamenten auszuweichen, also Resistenzen entwickeln.

Viren können ständig mutieren. In der Regel hat das geringe bis keine Auswirkungen auf das Risiko, das für Menschen durch sie besteht. Jones betont, dass impfstoffinduzierte Virusmutationen bei stark wirksamen Vakzinen selten vorkämen. Je wirksamer ein Impfstoff einen Erreger blockiere, desto geringer sei das Risiko, dass sich das Virus im Körper ausbreitet und "lernt", wie es sich den Antikörpern entzieht. "Aber wenn es eindringt und sich repliziert, besteht ein Selektionsdruck, um den Antikörpern auszuweichen, die durch den ineffizienten Impfstoff erzeugt wurden."

Die Entwickler des russischen Impfstoffes "Sputnik V" halten diesen für sicher. Die Ergebnisse der dazugehörigen Studien wurden allerdings nicht in einem anerkannten Fachjournal veröffentlicht. Russland will nach eigenen Aussagen in der kommenden Woche eine klinische Studie der entscheidenden dritten Phase mit über 40.000 Teilnehmern starten. Parallel solle das Vakzin bereits Personen aus Hochrisikogruppen verabreicht werden - noch bevor Ergebnisse vorliegen.

Bei Covid-19-Vakzinen ergibt sich laut Nicolodi noch eine Schwierigkeit: Bei Mers-, Sars-oder Dengue-Erkrankungen existiert das Phänomen, dass eine zweite Infektion einen schwereren Erkrankungsverlauf auslösen kann. Damit Impfungen mit zwei Teilimpfungen nicht diesen Effekt haben, sollte die Rate der schützenden Antikörper im Vergleich zu nicht spezifisch wirkenden Antikörpern höher sein. Und um hier sichergehen zu können, benötige man sehr große Probandenzahlen.

Die Situation rund um das Coronavirus ist übrigens laut der Europaregion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anders als im Februar dieses Jahres. Covid-19-Ausbrüche können mit intelligenten, lokalen Maßnahmen unter Kontrolle gebracht werden, betonte in Alpbach WHO-Europa-Generaldirektor Hans Kluge. In Österreich gab es binnen 24 Stunden 347 bestätigte Neuinfektionen.

US-Präsident Donald Trump war am Wochenende in die Kritik geraten, weil er Druck auf die Zulassungsbehörde Food and Drugs Administration (FDA) gemacht hatte, Behandlungsmöglichkeiten und Impfungen möglichst schnell zu genehmigen. Trump hatte wiederholt gesagt, er hoffe, dass es in etwa bis zur Wahl im November einen einsatzbereiten Corona-Impfstoff gebe.(est)