Die jährliche Grippesaison lässt nicht mehr lange auf sich warten. Obwohl noch unklar ist, wie stark sie heuer angesichts der durch das Coronavirus ausgerufenen Maßnahmen hierzulande ausfallen wird, werden sich Influenza-Infizierte nicht gänzlich vermeiden lassen. Zur Impfung wird von Experten nach wie vor geraten. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Bemühungen der öffentlichen Gesundheit zur Bekämpfung der Influenza. Die Wirksamkeit der Vakzine sei jedoch "notorisch schlecht" und liege nur bei etwa 50 Prozent, schreiben US-Forscher im Fachblatt "Nature". Eine wachsende Zahl an Beweisen würde darauf hindeuten, dass eine Exposition gegenüber Influenzaviren in der Vergangenheit die Wirksamkeit des jährlichen Impfstoffs beeinträchtigen könnte.

Schon Ende Juli zeigten erste Daten aus China, Australien und Kanada "außergewöhnlich niedrige Influenzawerte". Die weltweiten Regelungen zum Social Distancing scheinen auch hier ihre Wirkung zu haben. Die Grippeimpfung ist eine zusätzliche Schutzmaßnahme. Doch offenbar nur bedingt. Der Problematik auf den Grund gehend, haben Forscher der Washington University School of Medicine in St. Louis einen neuen Ansatz entwickelt, um zu bewerten, ob ein Impfstoff jene Art von Immunzellen aktiviert, die für eine dauerhafte Immunität gegen neue Influenzastämme erforderlich sind. Mit ihrer Technik konnten sie zeigen, dass die Grippevakzine in der Lage ist, Antikörper hervorzubringen, die zumindest bei einigen Menschen vor einem breiten Spektrum von Viren schützen.

B-Zellwerkstätte Lymphknoten

Der Schlüssel zu einer dauerhaften Immunität liegt in den Lymphknoten, skizzieren die Wissenschafter. Während einer Infektion schwellen diese, da die Immunzellen in ihnen fleißig interagieren und sich vermehren, an. Ist eine Person zum ersten Mal einem Virus ausgesetzt, erfassen die Immunzellen dieses und befördern es zum nächsten Lymphknoten. Dort wird es sogenannten naiven B-Zellen präsentiert, wodurch diese entsprechende Antikörper zur Bekämpfung der Infektion produzieren. Sobald das Virus erfolgreich übertragen wurde, sterben die meisten Immunzellen, die an der Schlacht beteiligt waren, ab. Doch einige zirkulieren weiterhin als Gedächtnis-B-Zellen im Blut.

Ist eine Person ein zweites Mal einem Erreger ausgesetzt, reaktivieren sich diese Gedächtniszellen und produzieren wieder Antikörper, wobei naive B-Zellen umgangen werden. Dieser direkte Weg schafft schnell Schutz für Menschen, die mit genau demselben Stamm erneut infiziert wurden, ist jedoch nicht ideal für Menschen, die einen Impfstoff erhalten haben, der die Immunität gegen einen etwas anderen Stamm aufbauen soll, so wie das beim jährlichen Grippeimpfstoff der Fall ist, schreiben die Forscher.

"Zielt unsere Vakzine auf Gedächtniszellen ab, reagieren diese Zellen auf jene Teile des Virus, die sich gegenüber früheren Influenza-Stämmen nicht verändert haben", betont Studienautor Ali Ellebedy von der Washington University. "Unser Ziel ist es, unser Immunsystem mit den neuen Influenzastämmen auf den neuesten Stand zu bringen. Das heißt, wir möchten die Immunantwort auf jene Teile des Virus konzentrieren, die sich in diesem Jahr unterscheiden."

Neue Stämme erkennen

Um eine jahrelange Immunität gegen die neuen Stämme zu erreichen, müssen die Grippestämme aus dem Impfstoff zu den Lymphknoten gebracht werden, wo sie naive B-Zellen trainieren und langlebige, speziell zugeschnittene Gedächtnis-B-Zellen hervorrufen, die die einzigartigen Eigenschaften der Stämme erkennen können. Die Studie hat zwar gezeigt, dass der Influenza-Impfstoff beide Arten von Zellen aktivieren kann, "aber wir wissen immer noch nicht, wie oft das passiert", so Ellebedy. "Angesichts der Tatsache, dass die Wirksamkeit der Vakzine bei etwa 50 Prozent liegt, kommt dies wahrscheinlich nicht so oft vor, wie wir möchten." Es sei daher wichtig, neue Strategien in Richtung eines universellen Grippe-Impfstoffes zu entwickeln.