Reife Früchte duften, faules Obst stinkt. Frische Blüten können Nase und Sinne verzaubern, in einer Vase verschimmelte Schnittblumen hingegen stoßen sie ab. Mit seinem zielsicheren Urteil, was riecht und was stinkt, schützt der Geruchssinn uns vor Krankheiten.

Doch nicht nur die biologische, sondern auch die kulturelle Evolution nimmt Einfluss auf die Geruchswahrnehmung. "Gerüche gehen jedem nahe und sind sehr stark mit Emotionen verknüpft", betont die Kulturwissenschafterin Stephanie Weismann vom Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien in einer Aussendung des Wissenschaftsfonds FWF. Was wir als wohl- oder übelriechend wahrnehmen, ist außerdem ein Produkt der hygienischen und sozialen Verhältnisse der Epoche sowie das Ergebnis dessen, was in einer Gesellschaft als erstrebenswert gilt.

Wie Gerüche während des Kalten Krieges und nach der Öffnung ab 1989 in Polen wahrgenommen wurden, zeigt Weismann anhand eines Forschungsprojekts in der 350.000 Einwohner-Stadt Lublin. Die Firnberg-Stelleninhaberin des FWF hat mehr als 60 Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Jahrgänge 1950 bis 1975 gemacht und festgestellt, dass Gerüche sehr stark bewertet und mit sozialen oder politischen Umfeldern in Verbindung gebracht werden.

Während etwa die Parfummarke "Pani Walewska" für einen Boom im polnischen Kosmetiksektor der 1970er Jahre stand und zum Kult avancierte, hatten sowjetische Damenparfums damals in dem Land einen schlechten Ruf. "Oft bezeichnete man sie als ‚bessere Insektenvernichtungsmittel‘ und drückte damit auch implizit die gemischten Gefühle gegenüber der Sowjetunion aus", erklärt Weismann. "Speziell Waschmittel und Seifen von beiden Seiten des geteilten Deutschlands waren hingegen beliebt und prägten die Wahrnehmung vom ‚Westen‘. Die Waschmittelmarke Omo und die Seifenmarke Fa waren vielversprechende, verheißungsvolle Aromen", erläutert Weismann. Den sich anbahnenden gesamtgesellschaftlichen und politischen Wandel konnte man quasi riechen - ihr Duft bot Raum für Fantasien und Projektionen von einer besseren Welt auf der anderen Seite.

Bisher hatten Forschungen zur Geschichte der Sinneswahrnehmung vorwiegend westeuropäische und transatlantische Städte im Blick. Mit dem Fokus auf eine osteuropäische Stadt hat die die Geisteswissenschafterin Neuland betreten. Gerüche prägen demnach auch Klassifikationen, etwa bei Vorstellungen von "städtisch" oder "provinziell", "wir" oder "die Anderen". Sie erzählen über Selbstbilder oder Gefühle von Zugehörigkeit und Ablehnung.

Weismann untersucht auch den städtischen Innenhof der Zwischenkriegszeit und damit die Sozial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie will herausfinden, wie sich politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Prozesse "zu sinnlich wahrnehmbaren geruchlichen Erfahrungen verdichten" und wie die Geruchswahrnehmung für die politische und soziale Befindlichkeit steht.

Dafür hat die Forscherin Kommentare und Beschwerden der Stadtbewohner von Lublin über den Odeur ihrer Innenhöfe ausgewertet. Zentrale Quellen sind Dokumente der Sanitärkommission und Chronik-Berichte und Feuilletons der lokalen Tageszeitungen. Ihnen war zu entnehmen, dass es damals aus einer Mischung von Küchenabfällen, tierischen und menschlichen Fäkalien, sowie organischen Abfällen von Werkstätten, privaten Schlachtereien oder der Ledererzeugung roch. Im Innenhof wurden außerdem gerne Nutztiere, wie Schweine oder Hühner, gehalten.

"Geruchliche Missstände"

An diesen Praktiken und Geruchslandschaften hat sich während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wenig verändert. Aber wie wurden zunehmend anders wahrgenommen. "Plötzlich haben diese Zustände vielen Menschen gestunken. Es kam zu einer regelrechten Explosion an Beschwerden, Bitten und Anfragen. Auch Denunziationen nahmen zu", berichtet Weismann.

Mit der Ausrufung der Zweiten Polnischen Republik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stieg das Nationalitätsbewusstsein. Lublin wurde zur Landeshauptstadt. Viele fühlten sich jetzt als Großstädter. Die gewohnte Geruchskulisse wurde plötzlich als provinziell und rückständig wahrgenommen. Zudem waren nun jüdische Mitbürger olfaktorischen Ressentiments ausgesetzt. "Die neuen Beschwerden über geruchliche Missstände geben Auskunft über die Wohnverhältnisse und spiegeln politische Befindlichkeiten wider", berichtet Weismann. Das bis 2022 laufende Grundlagenprojekt zeigt, dass nicht nur soziale, sondern auch politische Lebensumstände die Geruchswahrnehmung prägen.