Forschende der Universität Bern haben in einer Übersichtsstudie den Anteil der Covid-19-Infizierten bestimmt, bei denen die Krankheit ohne Symptome vorübergeht. Dieser beträgt bloß um die 20 Prozent oder ein Fünftel, wie sie im Fachmagazin "Plos Medicine" berichten.

Über das Ausmaß symptomfreier Infizierter waren sich die Experten bisher uneinig, denn der Teufel liegt im Detail: Wer als Infizierter einmalig symptomfrei getestet wird, kann später dennoch Symptome entwickeln. Man spricht in diesem Fall von präsymptomatischen Patienten. Ein PCR-Test auf die Lungenkrankheit Covid-19 zeigt die Präsymptomatik aber nicht an. Aufgrund dieser Problematik lagen laut dem Forschungsteam Schätzungen über Symptomfreie zwischen drei und 67 Prozent der Infizierten.

Die Epidemiologin und Letztautorin der Studie, Nicola Low von der Uni Bern, wertete mit ihren Kollegen 79 Studien aus, die Infizierte zwischen März und Juni über längere Zeit auf Symptome testeten. Laut den Forschenden blieben von 6.616 Personen nur 1.287 während der gesamten Krankheitsdauer symptomfrei. Bei 80 Prozent hingegen traten früher oder später Symptome auf.

Zwar untermauert die Überblicksstudie, dass der Anteil der asymptomatisch Infizierten in der unteren Hälfte der Erwartungen liegt. Ob das Anlass zur Hoffnung gibt, ist aber fraglich. Da nämlich weder Asymptomatische noch Präsymptomatische von ihrer Ansteckung wissen und sich infolgedessen nicht isolieren, verbreiten sie Covid-19 wohl weitaus öfter als jene, die zu Hause im Bett liegen, könnte man annehmen. Richtig? Low würde nicht unter allen Umständen zustimmen, zumal exakte Zahlen derzeit fehlen.

Um die Pandemie zu bremsen, sei es wichtig, generelle Maßnahmen, wie Maskentragen und Abstandhalten, konsequent einzuhalten, betont die Epidemiologin in der Studie: "Exakte Zahlen dazu, wie viele asymptomatisch und präsymptomatisch Infizierte das Virus Sars-CoV-2 verbreiten, sind aber dringend notwendig, weil der Erfolg der Maßnahmen davon abhängt", heißt es. Konkret: Wenn der Großteil der Ansteckungen von Personen mit Symptomen ausgeht, sollte die Strategie gegen Covid auf Testung und Isolation der Infizierten hinauslaufen. Wenn die meisten Infektionen jedoch auf Asymptomatische zurückzuführen sind, muss sich alles um physische Distanzierung, Abstandhalten und Finden von symptomfrei Infizierten drehen.

Da das Virus immer neuere Facetten zeigt, ist es aber nicht leicht, die Entwicklungen zu beziffern. Erst am Montag hatte eine Antikörper-Studie, die im Auftrag des Landes Niederösterreich in Reichenau an der Rax durchgeführt wurde, gleich zwei spannende Ergebnisse gebracht: Einerseits haben mehr Bewohner der Gemeinde Antikörper, als Infizierte bekannt waren. Andererseits haben jedoch nur zwei Drittel der Infizierten Antikörper entwickelt. Das heißt: Nicht alle, die erkranken, werden immun. Andere wiederum reagieren auch ohne Infektion mit Abwehrmechanismen.

Mit Grippe verwechselbar

Low und ihr Team wollen Studien zu asymptomatischen Krankheitsverläufen im Auge behalten. Seit der Fertigstellung ihrer Arbeit erschienen denn weitere 900 Studien, die ihnen zufolge relevant sein könnten. Inzwischen wisse man, dass das Spektrum der Symptome breiter sei als zu Beginn angenommen. Zu Husten und Atemnot kamen der Verlust von Geschmack- und Geruchssinn, Gliederschmerzen, der Befall anderer Organe und Abgeschlagenheit. Auch dass Covid-19 grippeartige Symptome an den Tag legt, macht es nicht leichter.

Mit dem Herbst rückt die Saison für Erkältungen, grippale Infekte und die Influenza näher. Das birgt für Diagnostiker Probleme. Zahlreiche Allgemeinmediziner halten eine Unterscheidung allein anhand der Symptome seriöserweise für unmöglich. Klarheit bringt letztlich nur der Test.

Das Hauptproblem seien auch hier asymptomatische Corona-Patienten, "die von der Gesundheitshotline mit Erkältungen anderen Infekten von den Mitarbeitern der Gesundheitshotline schon in ihre Ordination oder von Kollegen geschickt wurden", um sich beim Arzt dann als Corona-positiv zu entpuppen, berichtet eine Wiener Allgemeinmedizinerin, die nicht genannt werden wollte, der "Austria Presse Agentur".(est)