"Wiener Zeitung": Sätze, Wörter, Bilder und Zeichen dienen der Verständigung. Wie wird aus ihnen Kommunikation?

Ruth Wodak: Kommunikation besteht darin, nicht nur die Welt zu erfassen und zu beschreiben, sondern auch mit anderen Menschen in Beziehung zu treten und Inhalte zu vermitteln. Soziale Medien haben dabei neue Bedingungen geschaffen: Jeder Mensch kann sich nun eine eigene Diskurswelt schaffen und darin verweilen. Echokammern bilden eine große Konkurrenz zu seriösem Journalismus. Politiker wie US-Präsident Donald Trump etwa brauchen praktisch keine Journalisten mehr, weil sie sich selbst als solche betätigen und alles andere als Fake News abstempeln. Wir müssen lernen, mit den sozialen Medien sinnvoll umzugehen.

Ruth Wodak, geboren 1950 in London, ist eine österreichische Sprachwissenschafterin und ehemalige Professorin für Sprachwissenschaften der Universität Wien und der Lancaster University. Sie ist Mitbegründerin der kritischen Diskursanalyse und hat bisher 43 Bücher veröffentlicht.privat - © Privat
Ruth Wodak, geboren 1950 in London, ist eine österreichische Sprachwissenschafterin und ehemalige Professorin für Sprachwissenschaften der Universität Wien und der Lancaster University. Sie ist Mitbegründerin der kritischen Diskursanalyse und hat bisher 43 Bücher veröffentlicht.privat - © Privat

Wie kann Kommunikation den gesellschaftlichen Zusammenhalt insbesondere in Zeiten der Corona-Krise befördern?

Wenn wir den Zusammenhalt in der Gesellschaft trotz physischer Distanz erhalten wollen, die übrigens keine soziale Distanz ist, weil wir uns ja nicht entfremdet haben, müssen wir wieder mehr miteinander interagieren. Sonst entgleiten wir in die Dystopie vieler paralleler Diskurswelten. Es muss darum gehen, neue Gesprächsformen zu entwickeln, indem man diskutiert, sich auseinandersetzt, argumentiert.

Wo gelingt das?

"Fridays for Future" ließ erleben, wie eine soziale Bewegung global wird. Zwar betrifft die Klimakrise uns alle, aber hier ist es einer Person (Greta Thunberg, Anm.), mithilfe anderer, gelungen, ein Thema auf alle Agenden auch mittels Social Media zu setzen. Jugendliche weltweit haben eine Plattform geschaffen, die über das Thema einen neuen Zusammenhalt hergestellt hat. Auch "Black Lives Matter" hat als anti-rassistische Bewegung globale Resonanz hervorgerufen. Wir sind mit widersprüchlichen Phänomenen konfrontiert - einer Polarisierung, die die Gesellschaft auseinanderbricht, und Themen, die viele Menschen zusammenführen. Die Zusammenführung beginnt meist lokal, indem wir Themen, die uns betreffen, miteinander diskutieren. Das ist das wichtigste Mittel, um Parallelgesellschaften entgegenzuwirken.

Demonstranten gegen Corona-Maßnahmen sehen aber recht verschieden aus: Menschen mit Aluhüten marschieren neben Personen im Look des rechten Lagers.

Gruppierungen gibt es schon lange. Außerdem sind trotz Corona andere Themen nicht vom Tisch, und je weniger planbar etwas ist und je weniger man weiß, umso mehr fürchtet man sich. Unsicherheit beflügelt Ängste. In der Corona-Krise wird das Angst-Potenzial mit unterschiedlichen Mitteln bekämpft. Bei uns gibt es mittlerweile wieder fast täglich Pressekonferenzen, die eine gewisse Routine und Struktur schaffen, in Deutschland teilt Virologe Christian Drosten täglich seine Expertise. Nichtsdestotrotz nützen verschiedene politische Gruppen die Krise aus. Rechtspopulisten hatten während des Lockdowns wenig Platz, Law and Order waren sowieso Programm und Grenzen wurden geschlossen. Die Themen kamen ihnen abhanden. Daher sind solche Demonstrationen eine Protestbewegung, die stark von Rechtsextremen instrumentalisiert wird.

Während des Lockdowns war von Angstmache durch die Bundesregierung die Rede, etwa als es hieß, dass jeder bald Corona-Patienten kennen würde. Angesichts der derzeit steigenden Infektionsraten scheint sich dieses Szenario langsam zu bewahrheiten. Ist der Vorwurf trotzdem berechtigt?

Im Frühjahr hat man nicht bloß Angst geschürt - wobei es ja durchaus berechtigte Angst vor dem Virus gibt -, sondern diese Angst dazu benutzt, um der Bevölkerung bestimmte Verhaltensregeln zu verordnen; wer diesen Regeln nicht folgte, sei ein Lebensgefährder und würde bestraft. Auch religiöse Frames wurden betont, etwa das Versprechen einer Auferstehung nach Ostern. In anderen Ländern war es anders. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel betonte, die Maßnahmen seien eigentlich undemokratisch, dass man ihnen aber bitte folgen möge; dies war eine sachlichere Kommunikation mit weniger Metaphorik und weniger Pathos. Frankreichs Präsident Macron wiederum zog in den Krieg gegen das Virus, Spanien und Italien marschierten mit Militär auf, in Neuseeland wandte sich Jacinda Ardern in der Rolle der besorgten Mutter an die Bevölkerung. Aber immer ging es darum, alle davon zu überzeugen, dass sie Anweisungen Folge leisten müssen.

Folgt die Art der Appelle bestimmten Mustern?

Natürlich wird bei rhetorischer Überzeugungsarbeit auf Muster zurückgegriffen, die einer gewissen nationalen Tradition entsprechen und daher greifen. In Österreich etwa vermuten Historiker einen Obrigkeitsgehorsam, der historisch auf die Monarchie zurückgeht, während Frankreich traditionell Zivilcourage kultiviert habe. Nach Angst im Frühjahr hatten wir im Sommer die Hoffnung, den Kampf mit dem Virus gewinnen zu können. Die Interdependenz von Angst und Hoffnung geht unter anderen auf Spinoza zurück: Ein Retter diagnostiziert, wie ein Problem zu lösen ist, und dann macht er uns Hoffnung. So sprach Kanzler Kurz von Licht am Ende des Tunnels.

Die rapide steigende Zahl der Neuinfektionen lässt befürchten, dass die Pandemie jetzt erst so richtig beginnt. Wie bewerten Sie die Kommunikation derzeit?

Momentan scheinen viele, darunter Experten und Expertinnen, Beamte, Eltern und Lehrkräfte verwirrt zu sein: Es gab viele Ankündigungen, etwa die Corona-Ampel, die nicht konkretisiert oder manchmal sogar am selben Tag zurückgenommen wurden. Eine Art Wettbewerb zwischen Kanzleramt und Gesundheitsministerium spielte sich ab. Jedenfalls ist von Hoffnung derzeit wenig zu spüren. Trotz gegenteiliger Beteuerungen befürchten viele Menschen einen zweiten Lockdown. Zudem wird die Covid-Krise auch im Wiener Wahlkampf von allen Parteien unterschiedlich instrumentalisiert.

Wie kann man die Gesellschaft über Kommunikation stärken?

Je mehr wir verstehen, desto besser können wir mit der Krisensituation umgehen. Je öfter wir erleben, dass die Politik nicht nur ankündigt, sondern auch erklärt, warum etwas anders gekommen ist als erwartet oder warum Fehleinschätzungen passieren, desto leichter können wir mit Unsicherheit leben. Bürgerforen könnten helfen, in denen Verantwortliche in kleineren Rahmen Rede und Antwort stehen, sodass uns allen das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht ein wenig weggenommen würde.