Einerseits klettern die Fallzahlen europaweit auf Rekordwerte und werden Maßnahmen gegen die Pandemie laufend verschärft. Andererseits werden derzeit mehr Personen auf Covid-19 getestet als im Frühjahr und sind - nach wie vor - deutlich weniger Intensiv-Betten in den Krankenhäusern belegt.

Wie gefährlich ist das Virus Sars-CoV-2 jetzt, da der Winter kommt und, wie Kanzler Sebastian Kurz am Montag vor Journalisten betonte, eine "merkbare Corona-Müdigkeit" eingetreten ist? Steht eine doppelte Infektionswelle Influenza plus Covid-19 bevor?

"Ein Doppelwelle Influenza plus Covid-19 gilt es, zu verhindern. Ich empfehle eine Schutzimpfung gegen Grippe auch für Junge", betonte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen in der München Klinik Schwabing bei einem Webinar des Science Media Network Deutschland am Montag. Und: "Anfang des Jahres waren wir unsicher, wie wir Covid-19 im Vergleich zu Influenza einordnen sollen. Inzwischen gibt es gute Daten, was auch die Infektionssterblichkeit angeht", sagte er. "Schätzungen zufolge liegt die Infektionssterblichkeit bei der Grippe bei 0,05 Prozent. Bei Covid-19 aber müssen wir von circa einem Prozent ausgehen, eine gewisse Dunkelziffer miteingerechnet. Das heißt, man ist bei einer 20-fach höheren Sterblichkeit."

Entzündungshemmer könnten Sterblichkeit senken

Demgegenüber stünde zunehmende Erfahrung in der Therapie, wobei es auch hier Rückschläge gibt. Jüngstes Beispiel ist eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO, wonach das Medikament Remdesivir des US-Biotechkonzerns Gilead, das für ein Jahr zur Behandlung von Covid-19 zugelassen und binnen kürzester Zeit zum Mittel der Wahl wurde, keinen substanziellen Einfluss auf die Genesung habe. In der Studie sei die Wirkung von vier Medikamenten - neben Remdesivir die Malaria-Arznei Hydroxychloroquin, das HIV-Medikament Lopinavir/Ritonavir und der Wirkstoff Interferon - an 11.200 Patienten in 30 Ländern getestet worden, führte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, aus.

"Wenn die Frage, wie die Therapie mit Remdesivir einzuschätzen ist, vor einer Woche gestellt worden wäre, hätte ich gesagt, wir haben Remdesivir in der frühen und Dexamethason in der fortgeschrittenen Phase, und dass wir mit Remdesivir die Krankenhausaufenthalte verkürzen und die Zahl der Patienten auf Intensivstationen senken können", erklärte Wendtner. Die Studie relativiere dieses Bild, man hätte eine gewisse Ernüchterung zur Kenntnis zu nehmen. Die Daten "in ihrer ganzen Fülle" seien zwar noch nicht publiziert, jedoch würden sie von den Zulassungsbehörden bereits geprüft. Einstweilen solle das Medikament in Spitälern aber weiter zum Einsatz kommen.

Einer Überblicksstudie zufolge könnten auch Kortikosteroide - das sind Entzündungshemmer wie Cortison - die Sterblichkeit bei Covid-19 senken. Die WHO empfiehlt die Behandlung bei schweren Verläufen, rät jedoch bei leichteren Verläufen davon ab.

Die britische Universität Oxford bestätigte Weiters am Montag die Existenz von Langzeitfolgen nach Covid-19-Erkrankungen. Ersten Ergebnissen zufolge hätte eine große Zahl von Patienten, die aus Krankenhäusern entlassen worden seien, zwei bis drei Monate nach der Ansteckung immer noch Symptome wie Atemnot, Müdigkeit, Angstzustände und Depressionen. Die Wissenschafter fanden auch Auffälligkeiten in mehreren Organen. Sie vermuten, dass anhaltende Entzündungen eine Rolle spielen könnten.

Chronische Symptome

Wendtner bestätigt Fälle von Abgeschlagenheit und Atemwegsproblematiken über Wochen und Monate. "Man unterscheidet post-akut innerhalb von zwölf Wochen und chronisch ab drei Monaten. 30 Prozent aller Covid-Patienten entwickelt solche Symptome, bei Intensiv-Patienten ist die Quote sogar bei bis zu 80 Prozent anzusetzen", sagte er. Weiters würde "die Rate an Depression im Kontext von Covid-19 um einen Faktor drei" ansteigen: "Man muss Patienten, auch wenn sie virusfrei sind, unbedingt weiter betreuen."

Laut Experten-Berechnungen nähert sich Deutschland, das bei der Zahl der Neuinfektionen in Relation zur Bevölkerung derzeit noch hinter Österreich liegt, einem "Tipping Point", ab dem die intensivmedizinische Versorgung von Covid-19-Patienten und Patienten mit anderen Erkrankungen einem erneuten Stresstest unterzogen wird. Bleibt es bei der exponentiellen Verbreitung von Sars-CoV-2, könnte die Belastung der Krankenhäuser im Winter stark steigen. Das macht zwar die Krankheit an sich nicht gefährlicher, den Umgang mit ihr aber sehr wohl.