Ist der süüüß!

Halt! - Mit wie vielen "ü"s muss man "süß" diesfalls schreiben? Nur zwei zusätzliche sind für einen Wombat eindeutig zu wenig. Facebook-YouTube-Regel: Einfach den Finger auf dem "ü" lassen, bis er schmerzt. Oder mindestens zwölf Zeilen voll sind mit "ü"s.

Recht so! Denn heute ist Wombat-Tag. Da braucht es alle "ü"s der Welt, um das "süß" ü-mäßig so richtig zu versüßen. Zu zückern, sozusagen, kommt von Zücker - mit extra-süßem ü. Küsschenmündchen darauf!

Aber jetzt einmal im Ernst: Wieso sind manche Tiere Ü-Magneten und andere überhaupt nicht? Wer das beantworten könnte!

Die Erklärung mit dem Kindchenschema hat gewiss was für sich: Große Augen, fragender bis überraschter Gesichtsausdruck, eventuell Stupsnase als Draufgabe - schon reagiert Mensch mit Beschützerinstinkt. Der ist ihm aus Gründen der Arterhaltung angeboren. Bloß: Welche Tiere fallen da wirklich hinein? Katzen mit Sicherheit, auch Igel mit ihren Knopfaugen - und da ist es sogar gleichgültig, dass der Streicheleffekt weitestgehend unbefriedigend bis schmerzhaft ausfällt.

Ratten haben ihren Ruf ruiniert

Und sonst? Mäuse und Ratten haben süße Gesichter, aber sie haben durch Jahrhunderte ihren Ruf ruiniert, die einen als Getreideschädlinge, die anderen als Pestüberträger. Maras und ihre Verwandten, die Capybaras haben mit ihrer Hasenähnlichkeit und dem sanften Gesichtsausdruck schon weit bessere Karten. Beim Hund kommt’s auf die Rasse an. Möpse etwa kämen in Frage - aber die sind eine Qualzucht, und damit ist genau genommen gar nichts süß an ihnen.

Hundertprozentige Ü-Magneten sind Eisbärenbabys. Zum Beispiel - erinnert sich noch jemand an Knut? Am 23. März 2007 startete der Berliner Jungeisbär, gerade einmal 15 Wochen alt, seine Karriere als Medienstar. Jeden Samstag gab’s am frühen Vormittag eine Sendung mit dem tapsend tollenden weißen Teddy und seinem Co-Star, dem Tierpfleger Thomas Dörflein. Am 9. Juli desselben Jahres war schon alles wieder vorbei: Knut war zu groß geworden. Dann der tiefe Fall. Andere Medienstars erleiden durch Koks den Karriereknick, Knut durch Karpfen: 2008 verkostete er zehn der friedlichen Flössler, die vom Wassergraben die Algen abfressen sollten. Den Feuilletonisten blieb das Lachsbrötchen im Hals stecken. Tatsächlich: Eisbär kommt nicht von Eisbeere. Wobei Knut in den rund vier Monaten seines Ruhms mehr Bewusstsein für den Schutz der Arktis geweckt hat als Greta Thunberg in drei Jahren.

Wer kann solchen Knopfaugen widerstehen? - © apa/dpa/Patrick Pleul
Wer kann solchen Knopfaugen widerstehen? - © apa/dpa/Patrick Pleul

Doch zurück zum Knuddeleffekt. Das Geheimnis an ihm ist einfach: Projektion ist alles! Gerade das Beispiel Bär lehrt das, und es braucht gar nicht Knut zu sein. Kind kuschelt mit Teddy, denn Teddy ist lieb. Der Bär als Opapa-Ersatz. Onkel Bär. Nur, dass sich Opapa und Onkel Bär, wenn sie’s erwischen, auch an Bambi gütlich tun. Aber wenn der Mensch einmal ein Wesen zum Knuddeltier erkoren hat, bleibt er dabei - und im gegenteiligen Fall ebenso.

Mit aktuellem Vokabular gesagt: Es läuft eine anmimalische Diskrimierungskampagne - und die kann, womit der Scherz endgültig vorbei ist, zur Umweltkatastrophe führen. Der Knuddelfaktor und die Wichtigkeit für das Ökosystem sind nämlich nicht gleichbedeutend.

Eine Frage der Projektionen

Der Mensch projiziert in Tiere Eigenschaften hinein, die mit der Realität nichts zu tun haben. Tiere sind Tiere sind Tiere. Manche davon sind etwas schlauer als andere - insofern haben sie eine Gemeinsamkeit mit dem Menschen. Allesamt sind sie bestens an ihre Umwelt angepasst - anders als der Mensch, der, mit Hilfe seiner Intelligenz, die Umwelt seinen Bedürfnissen unterwirft; und sich fallweise durchmogelt, indem er ungute Aufgaben delegiert: Der Tiger tötet selbst seine Mahlzeit, der Mensch überantwortet das dem Fleischhauer und dem Schlachtbetrieb. Über den "Lungenbraten aus eigener Schlachtung" denkt man nicht nach. Und wenn doch, dann sind die Fleischlieferanten Schweine oder Rinder oder Hühner, und die sind schließlich dazu da. Das ist der Lauf der Welt.

Aber der Haifisch gilt als böser Killer. Warum? - Weil es der Mensch nicht einmal in den wenigen Einzelfällen verkraftet, in der Nahrungskette an erst an zweiter Stelle zu stehen. Nützt aber alles nichts. Eine Welt ohne Möpse kann überleben. Ein Meer ohne Haie nicht.

Apropos Schweine: Keine Chance auf einen Kuscheleffekt. Und dann kam 1995 der Film "Ein Schweinchen namens Babe": Ein süßes Schweinchen, das Dialekt spricht und das man am liebsten als Haustier hätte. Und diese Szene mit der fiesen Katze, die dem Schweinchen andeutet, was mit seiner Verwandtschaft geschieht! Babe ließ die Schweinefleisch-Industrie erbeben. Knapp darauf grassierte der Rinderwahnsinn in den Medien. Glück muss man haben als Schwarten- und Stelzenspezialist.

Als würde der Mara bitten, gestreichelt zu werden. - © apa/afp/Juan Mabromata
Als würde der Mara bitten, gestreichelt zu werden. - © apa/afp/Juan Mabromata

Um ein Haar wäre die Diskriminierung durchbrochen worden. Katzenkuschelrecht für Schweine! Hundestreichelrecht für Rinder! Aber es ist alles beim Alten geblieben - und damit auch bei der Diskriminierung der Nicht-Knuddeligen.

Und der Wombat? - Dass der nur ja nicht zu kurz kommt an seinem Ehrentag!

Patrick, der Wombat-Prophet

Patrick, der Wombat-Prophet, war in seiner Heimat Australien ein Star: Der älteste, größte und schwerste Wombat, der jemals in einem Zoo Quartier hatte. Mehr als 55.000 Menschen folgten ihm zu Lebzeiten auf Facebook. 2017 starb Patrick im Alter von 32 Jahren. Seine Facebook-Gemeinde ist weiter gewachsen, Stand in diesem Moment: 68.792 Follower.

Wobei dem Wombat ja auch wirklich alle Eigenschaften eines Ü-Magneten (wir erinnern uns: von "süß" mit einem geschätzten Dreivierteltausend "ü"s) eignen: Knopfaugen, Schnuppernase, und eine Form des Mauls, als würde er verschmitzt lächeln. Dazu der knuddelige Körperbau (an dem aber kein Gran Fett ist - alles Muskelmasse, wirklich, der Wombat flunkert in diesem Punkt weit weniger als der etwas zu voluminöse Feschak an der Bar) und das Fell, das zum Hineinwühlen einlädt.

Wer nun meint, dass solch ein Tier allein aufgrund seines Knuddelfaktors bestmögliche Überlebenschancen haben müsste, irrt: Der Wombat ist bedroht und steht unter strengem Schutz. Es waren nicht allein die von Menschen verursachten Ökokatastrophen in Australien, der Wombat wurde auch bejagt, weil er vorzüglich schmeckt. Da hätte nicht einmal eine Million "ü"s geholfen.

Immerhin hat Patrick the Wombat eine Sensibilisierung für seine Spezies bewirkt. Letzten Endes ist es doch egal, ob eine gefährdete Art geschützt wird aus objektiver ökologischer Notwendigkeit oder wegen des sentimentalen Knuddelfaktors. Womit wir wieder bei der Diskriminierung der Nicht-Knuddeligen wären. Es steht zu befürchten, dass selbst ein allfälliger Willy der Weiße Hai oder eine Hannerl Hammerhai kein grundlegendes Umdenken bewirkt. Hai bleibt halt Hai. Und Wombat der Knuddelkaiser. So süüüüüüüüüü...