Seit Beginn der Pandemie im März ist die Zahl der Fälle von Depression, Ängsten oder Schlafstörungen um das Drei- bis Fünffache gestiegen. Das berichtete kürzlich die Donau-Universität Krems. Hintergrund sind finanzielle Sorgen, Besorgnis um die eigene Gesundheit, Zukunftsängste, Jobverlust oder Einsamkeit. Die Universität Innsbruck und die Berliner Charité haben nun untersucht, wie Betroffene am besten damit umgehen können und warum der kommende Winter mit den geplanten flexiblen, lokalen Maßnahmen den seelischen Stress weiter erhöhen könnte.

Die Sinnforscherin Tatjana Schnell von der Uni Innsbruck und der Psychologe Henning Krampe von der Charité haben eine Studie mit mehr als 1500 Menschen durchgeführt. Eines der Ergebnisse: Sinnerleben ist ein Stresspuffer, aber Depressivität und Ängstlichkeit sind dennoch signifikant gestiegen. Das berichten die Forschenden im Fachjournal "Frontiers in Psychiatry".

Im Zeitraum von 10. April bis 28. Mai wurden 1538 deutschsprachige Personen vor allem aus Österreich und Deutschland über Online-Fragebögen zu ihren Lebensbedingungen, ihrer Wahrnehmung der Pandemie und Merkmalen der seelischen Gesundheit befragt. Schnell legte das Hauptaugenmerk auf die Aspekte Sinnerfüllung und Selbstbeherrschung. "Wir haben uns angesehen, welchen Einfluss der Faktor Lebenssinn für die Menschen in der Zeit des restriktiven Lockdown sowie danach hatte. Konnten Menschen, die einen starken Sinn in ihrem Leben empfinden, besser mit der Situation umgehen?", erklärt Schnell. "Unser zweiter Fokus lag auf der Frage, wie gut Menschen in der Lage waren, ihre Bedürfnisse einzuschränken und an die Ausnahmesituation anzupassen."

Ältere resilienter als Junge

Schnell und Krampe stellten fest, dass ältere Menschen eine besondere Resilienz während des Lockdown zeigten. Sie hatten mit deutlich weniger negativen psychischen Konsequenzen zu kämpfen als Jüngere: "Das Sinnerleben steigt mit dem Alter an; ältere Menschen sind oft besser in der Lage, andere Perspektiven einzunehmen und profitieren in ihrer psychischen Stabilität stärker von ihrer Lebenserfahrung", heißt es in einer Aussendung der Universität Innsbruck zu der Studie.

Auch hier hätte sich gezeigt, dass die Befragten allgemein eine größere psychische Belastung während der ersten Monate der Pandemie empfanden als davor, als die Welt noch die alte war. Zudem hätten jene, die in ihrem Leben einen starken Sinn sahen, von einer weniger starken psychischen Belastung berichtet. Auch die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, die im Hinblick auf die Einhaltung der Maßnahmen eine Ressource darstellt, erwies sich als dem psychischen Befinden zuträglich. Beide, Sinnerfüllung und Selbstbeherrschung, wirkten laut den Forschenden wie ein Puffer: "Sie schwächten den Zusammenhang zwischen Covid-19-Stress und psychischer Belastung ab", erläutert Schnell.

Für interessant befinden die Wissenschafter auch den Verlauf über mehrere Monate. Während des strikten Lockdowns wurden die Probleme offenbar als weniger schlimm empfunden als danach. Die Befragten gaben an, dass die Einführung der Lockerungen nicht etwa zu einer Verbesserung der psychischen Situation geführt habe, sondern im Gegenteil.

Laut den Forschern ist ein Zusammenhang mit der Eindeutigkeit der Situation möglich: Während der strengen Ausgangsbeschränkungen war die Lage für alle klar. "Es gab eindeutige Vorgaben und alle waren sozusagen im gleichen Boot. Diese ‚Wir packen das‘-Stimmung hat sich für Viele wohl eher positiv ausgewirkt", erklärt die Psychologin.

In den Wochen nach den Lockerungen registrierten Schnell und Krampe zunehmende Sinnkrisen, schwerere psychische Belastungen ein gesunkenes Sinnerleben und Defizite in der Selbstbeherrschung. "Wir gehen davon aus, dass die Selbstkontrolle bereits kurz nach dem Lockdown abgenommen hat, weil die Sinnhaftigkeit der Restriktionen weniger deutlich nachvollziehbar wurde."

In Österreich und Deutschland hätten die Maßnahmen außerdem derartig gut funktioniert, dass die Situation sich entspannt habe, was dazu verführt habe, ihre Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen. "Präventionsparadox" heißt dieses Phänomen. Hinzu komme derzeit eine weniger deutlich nachvollziehbare Kommunikation der Behörden.

"Wenn die Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist, ist es für viele Menschen schwer, Selbsteinschränkungen aufrecht zu erhalten", verdeutlicht Schnell und legt nahe: "Wer eine gesellschaftliche Akzeptanz anstrebt, sollte partizipativ agieren." Wenn Interessensgruppen und Minderheiten demokratisch in die Politikgestaltung eingebunden würden, hätte Selbstbeherrschung weniger mit Gehorsam als mit einer informierten, persönlichen Entscheidung zu tun.