Der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt macht den Menschen Angst und paralysiert - und trifft zudem "einen schon durch die Corona-Pandemie angespannten Nerv", skizziert die Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die aktuelle Lage aufgrund der Geschehnisse. Für die Erwachsenen findet damit eine tiefe Grundverunsicherung statt. Aber auch für Kinder sei die Situation hochbedrängend. Die Einschätzungsfähigkeit der Geschehnisse ist allerdings von der Altersgruppe abhängig. Wesentlich sei, "dass wir uns ganz bewusst dieser Verunsicherung widersetzen", appelliert die Expertin.

Auf der Straße und in den in Sozialen Medien verbreiteten Videos waren kriegsähnliche Zustände mitzuverfolgen. Terroristen, die einfach durch die Stadt gehen und Passanten anschießen. Menschen, die verzweifelt versuchen, sich zum nächsten Häuserblock zu retten. Sowohl das hautnahe Erlebnis als auch die Videos und Berichte dazu machen Angst. Nicht nur beim Wiener Psychosozialen Dienst sind deshalb seit Montagnacht die Telefone heiß gelaufen, wie PSD-Chefarzt Georg Psota vermeldete. Das Personal wurde dort mittlerweile aufgestockt. Das dominante Gefühl bei den Anrufern sei Angst, und vielfach auch Panik. "Gerade in so einem schwierigen Jahr."

Gegenüber nicht einzuschätzen

Seit dem weltweiten Ausbruch des Coronavirus Sars-CoV-2 leben wir unter einer gewissen Grundangst, betont Leibovici-Mühlberger. "Im Rahmen dieser Verunsicherung kommt jetzt noch dieser unwahrscheinliche Schlag, dass wir realisieren müssen, dass sich in unserer Mitte Menschen und Menschengruppen befinden, die sich an keinerlei Regeln mehr halten - die jede Befindlichkeit und Fairness übersteigen und letztendlich wie wilde Tiere agieren", skizziert die Expertin.

Vor allem diese Einbettung in das Alltagsgeschehen und in die Situation der Normalität führe zu Paralyse und Schrecken. "Man weiß nicht mehr, wer uns auf der Straße begegnet. Ist das nicht nur jemand, der uns anstecken kann, sondern jemand, der uns völlig kaltblütig begegnen könnte?" Das führe dazu, dass wir unser Gegenüber nicht mehr einschätzen können.

Andererseits sei es wichtig, sich der Verunsicherung zu widersetzen. "Das einzige Gegengift gegen Terror ist Zusammenhalt. Zusammenhalt aus unserem Sein als Mensch", betont die Psychotherapeutin. Es gelte, den Blick auf den Kompass des Guten zu richten und eine wechselseitige Unterstützung zu leben. "Wir wollen eine positive Gemeinschaft leben, in der sich jeder frei bewegen kann und unsere Kinder keine Angst haben müssen."

Wie ein Videospiel

Kinder gehen abhängig von der Altersgruppe unterschiedlich mit Ereignissen wie jenem von Montagnacht um. Auf jüngere Kinder wirken die Bilder selbst nahezu wie ein Videospiel, so die Expertin. Sie können die Lage nicht einschätzen, reagieren allerdings mit ihren Orientierungspersonen, also Mutter oder Vater, mit. "Ist man als Mutter total panisch und vermittelt, dass man nicht einmal mehr zum Supermarkt gehen kann", dann sei das ein starkes Zeichen für junge Kinder. Dann bekommen der Entwicklungspsychologie entsprechend auch sie Angst.

Es gelte daher, den Jüngsten zu vermitteln, dass hochausgebildete Spezialisten wie die Exekutive, das Militär und die Rettungskräfte am Werk sind und hervorragende Arbeit leisten, dass das, was hier läuft, schrecklich ist und wir zusammenhalten müssen und vor allem zu Hause sicher sind. Die Psychologin plädiert dafür, mit den Kindern Dinge zu tun, die Nähe, Wärme, Zuversicht und Verbundenheit signalisieren. Etwa spielen, basteln oder ruhige, normale Normalität vermittelnde Dinge verrichten.

Die künftige Führung

Bei Jugendlichen wiederum sollte ein anderer Zugang gewählt werden und bei der Aufarbeitung die kritische Reflexion unserer Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Die Schule sei ein geeigneter Ort, um fächerübergreifend eine Diskussion auch über die Hintergründe dieser gesellschaftlichen Veränderungen zu starten. Wobei dabei derzeit aufgrund des allgemeinen Distance Learnings in den Oberstufen das direkte Miteinander dem zweidimensionalen Format wird weichen müssen. Wichtig sei es allemal, "denn die Jugendlichen werden die künftigen Führungspersonen in unserer Gesellschaft sein und eine schwierige Zukunft zu gestalten haben", betont Leibovici-Mühlberger.

Und "wir werden uns die Hände für die Zukunft schmieren müssen", um nicht nur Corona-Aufbau, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Aufbau leisten zu können. Corona, das als "Brandbeschleuniger für all diese Bewegungen zu sehen ist", habe schon gezeigt, dass es sich nicht nur um eine gesundheitliche Problematik, sondern auch um eine grundsätzlich ideelle handelt. Und das ist wohl seit dem Terroranschlag Montagnacht noch um einiges sichtbarer geworden.