Wien. Im ersten Lockdown trug das Gefühl der gesellschaftlichen Verbundenheit dazu bei, dass sich Menschen an die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung hielten, zeigen erste Studienergebnisse. In die zweite, abgeschwächte Auflage gehen viele mit mehr Skepsis. Für den Psychologen Claus Lamm ist das Gemeinschaftsgefühl ein zentraler Schlüssel im Umgang mit den neuen Maßnahmen. Das gesellschaftliche Auseinanderdriften wirkt dem entgegen.

Nicht nur die Restaurants sind geschlossen. - © apaWeb /Barbara Gindl
Nicht nur die Restaurants sind geschlossen. - © apaWeb /Barbara Gindl

Lamm und zahlreiche Kollegen von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien starteten während des ersten Herunterfahrens des Alltags in Österreich und vielen anderen Ländern im April mehrere Untersuchungen zu den psychischen Auswirkungen, Wahrnehmungen und Einstellungen. Einerseits war dies eine siebentägige Tagebuchstudie in Österreich und Italien mit an die 800 Teilnehmern zum Sozialverhalten in Zeiten der sozialen Distanzierung. Andererseits beteiligte man sich an einer groß angelegten internationalen Untersuchung über Einstellung zu den Maßnahmen, Kooperationsbereitschaft, Risikowahrnehmung, Verhalten oder Glaube an Verschwörungstheorien, die in über 60 Ländern und mehr als 35.000 Personen durchgeführt wurde.

In Österreich wurde eine repräsentative Stichprobe mit 1.000 Personen befragt. Erste noch nicht in Fachzeitschriften vorgestellte und von Fachkollegen überprüfte Teilergebnisse zeichnen bereits ein vielfältiges Bild, so der Experte.

Komplexe Situation

Demnach halten sich "Personen, die sich selbst eher als Teil der Gesellschaft wahrnehmen, viel eher an Regeln. Ein Gefühl der Zugehörigkeit sorgt demnach für ein stärkeres Befolgen der Maßnahmen.

Genau diesem Punkt kommt nun große Bedeutung zu: "Das Gemeinschaftsgefühl nicht zu verlieren, ist - denke ich - eine ganz wichtige Herausforderung", sagte Lamm auch im Hinblick auf die politische Kommunikation. Die mittlerweile lange Dauer der Krise, das anhaltende Gefühl des Nicht-Bescheidwissens und die komplexe und unübersichtliche Situation an sich bringe das Gefühl mit sich, "dass die Gesellschaft ein Stück weit auseinanderdriftet". Der "starke Solidaritätsgedanke" des ersten Lockdowns erodiere stellenweise.

Das liege auch daran, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen recht unterschiedlich von den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen betroffen sind.

Dazu kommt eine Gruppe an Personen, die angesichts der Belastungen auf "einfache Lösungen" setzen. "Wir haben hier eine hochkomplexe Situation mit vielen, sich teils widersprechenden Informationen. Das legt natürlich die Tendenz nahe, es sich einfach zu machen" und alles mitunter als Erfindung, Humbug und Symptom von Zahlenmanipulationen abzutun. Leider ist die Realität jedoch kompliziert und das sollte auch deutlich so angesprochen werden.