Alexander Fleming staunte nicht schlecht. Vor den Sommerferien hatte er an seinem Arbeitsplatz im Londoner St. Mary’s Hospital eine Agarplatte mit Staphylokokken beimpft und dann beiseitegestellt. Bei seiner Rückkehr am 28. September 1928 entdeckte der Mediziner, dass auf dem Nährboden nicht nur der Schimmelpilz Penicillium notatum wuchs, sondern sich in dessen Nachbarschaft auch keine Bakterien vermehrt hatten. Flemings Penicillin beendete das jahrtausendealte, insbesondere zu Kriegszeiten akute Problem, dass chirurgische Verletzungen selbst nach geglücktem Operationsverlauf aufgrund von Wundinfektionen zum Tod führen konnten.

Gegen die pandemisch grassierende, nicht bakteriell, sondern viral ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 gibt es vielleicht bald eine Impfung, aber noch keine Wundermedizin wie Penicillin. Im Gegenteil. "Wir haben fast nichts", sagt Markus Zeitlinger, Vorstand der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der Medizinuniversität Wien, zur "Wiener Zeitung". "Mittlerweile können wir eine Reihe von Viruserkrankungen heilen, vor allem chronische, aber eigentlich gibt es für keine einzige Infektionskrankheit viralen Ursprungs ein Mittel, das so potent ist wie Penicillin gegen Bakterien."

Das Virus als Bauanleitung

Bakterien haben ihren eigenen Stoffwechsel und vermehren sich selbständig. Ein Virus kann von alleine nichts. Es benötigt die Werkzeuge von Zellen, um sein Erbgut zu vervielfältigen. Ein Virus ist mehr oder weniger wie eine Bauanleitung: Wenn sie niemand liest, passiert nichts. Aus diesem Grund zwingt es die Zelle, die Bauanleitung zu lesen und es gut aufzustellen. "Wenn es schon in der Zelle ist, ist es zu spät", erklärt der Facharzt für Innere Medizin. Zum Vergleich: Gegen das HI-Virus, das Aids auslöst, wurde sehr wohl ein Medikament gefunden, aber anders als bei Sars-CoV-2 keine sinnvolle Impfung. Denn HIV mutiert sehr stark, es verändert sich sogar im Menschen. Allerdings dauert seine Reproduktion nicht Tage, sondern Jahre. In den ersten drei Jahren passiert den Infizierten wenig. Und das wiederum gibt der Medizin genug Zeit, um HIV mit Virostatika unter die Nachweisgrenze zu drücken.

"Corona hat eine andere Dynamik. Es vermehrt sich in den Zellen so rasch, dass sofort gehandelt werden muss", sagt Zeitlinger. Das Nukleosidanalogon Remdesivir wurde wegen seiner virostatischen Eigenschaften zur Behandlung von Covid-19 zugelassen und entpuppt sich hauptsächlich im frühen Stadium als sinnvoll. Vom routinemäßigen Einsatz bei schwer kranken Covid-19-Patienten rät die Europäische Intensivmedizin-Vereinigung ab. Bei ihnen wird in erster Linie auf bekannte Fiebersenker, Cortison und Sauerstoff gesetzt.

Silberstreif am Horizont

"Für die jetzige zweite Welle haben wir noch keine neuen, effizienten Drugs", betont Werner Lanthaler, Chef des deutschen Biotechunternehmens Evotec. "Antivirale Therapien im Sinne von bekannten Substanzen, die sich als sicher erwiesen haben, werden zwar auf Wirksamkeit gegen Covid getestet, weil die präklinische Entwicklung sonst zu lange dauern würde, aber sie stellen bisher keine großen Durchbrüche dar." Als Silberstreif am Horizont gelten vielmehr therapeutische Antikörper, von denen derzeit etwa zwei Dutzend klinisch getestet werden. Sie könnten den Durchbruch bringen, "weil sie alle einen sehr guten Grund haben, warum sie funktionieren könnten", sagt Lanthaler. Ein experimenteller Wirkstoff dieser Sorte hat nach eigenen Aussagen auch US-Präsident Donald Trump geholfen, von Covid-19 zu genesen.

Zur Erklärung des Wirkstoff-Prinzips in aller Kürze die Arbeit des Immunsystems: Das Virus nimmt eine Zelle in seiner Geiselhaft. Sie liest die Bauanleitung, reproduziert es, stirbt ab und setzt Viruspartikel frei. Die Fresszellen (Granulozyten und Makrophagen) vernichten die tote Zelle, schnappen sich die Fremdlinge und schütten Zytokine aus, um andere Immun-Zellen (Lymphzyten, T- und B-Zellen) mit Schlüsseln für alle möglichen Situationen zu rufen. Die Immunzellen mit den richtigen Schlüsseln docken an die Eindringlinge an, vernichten sie und signalisieren ihren Kollegen, welche Schlüssel sie millionenfach vermehren sollen. Es werden Antikörper generiert, die das charakteristische Spike-Protein des Virus versiegeln, Viren wie mit Fähnchen markieren, damit sie niemand übersieht, oder infizierte Zellen markieren, damit diese gekillt werden und keine weiteren Erreger freisetzen können.

Zwei Dutzend Studien

"Natürlich braucht das Immunsystem Zeit, um sich aufzubauen", betont Zeitlinger. "Aus diesem Grund habe ich kurz nach Ende der Erkrankung die meisten Antikörper."

Antikörper-Therapien kürzen diesen Prozess auf verschiedenen Wegen ab. Zum einen lässt sich das Plasma von Rekonvaleszenten, die eine breite Palette von ihnen gebildet haben, vermehren und in konzentrierter Form verabreichen. "Hierzu gibt es Heilversuche, aber noch keine randomisiert kontrollierten Studien im Bezug auf Covid", erklärt Zeitlinger.

Zum anderen lassen sich Antikörper über bestimmte Bakterien kultivieren. "Dann sind wir im Bereich monoklonale Antikörper. Für diese Arzneien nehmen wir nicht alle, sondern ein oder zwei Antikörper, mit denen der Mensch den Erreger bekämpft." Sie wirken zwar nur gegen zwei Aspekte der viralen Aktivität, können jedoch rasch hergestellt werden. "Vielleicht hilft das gut genug, um die Erkrankung frühzeitig abzufangen", meint der Internist. Derzeit werden diese Medikamente in Phase II-Studien an gesunden und kranken Probanden getestet. "Wenn eines wirkt, könnten die ersten Präparate Anfang nächsten Jahres zugelassen werden ", sagt Zeitlinger.

Und so könnte es bald nicht nur eine oder mehrere Impfungen, sondern auch einen oder mehrere Wirkstoffe gegen das pandemische Virus geben.