Wie sieht Normalität unter Pandemie-Bedingungen aus? Wann könnte die Corona-Krise enden? Fragen wie diese thematisiert der deutsche Biochemiker Alexander Kekulé in seinem soeben bei Ullstein erschienen Buch, "Der Corona-Kompass". Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" eröffnet der viel zitierte Experte Perspektiven für die Zeit nach Corona.

"Wiener Zeitung": Österreich befindet sich im kompletten, Deutschland im teilweisen Lockdown. Hätten wir das tatsächlich mit mehr Disziplin verhindern können?

Alexander Kekulé: Lockdown ist die Ultima Ratio des Staates, wenn die Maßnahmen nicht funktionieren. Die Lage war tatsächlich so, dass alles schiefgegangen wäre, wenn wir jetzt keinen Lockdown gemacht hätten. Doch es gibt andere, kontinuierliche Konzepte, und da müssen wir dringend hin. Denn so schnell kommt der Impfstoff nicht, als dass wir bis dahin mit Öffnen und Schließen weitermachen können. Nach Weihnachten können wir nicht einfach von der Bremse gehen.

Bereits im März haben Sie im Interview vor einer besonders schweren zweiten Welle gewarnt. Fühlen Sie sich wie Kassandra?

Das nicht, aber ich habe den Staaten mehr zugetraut. Außerdem hat sich die Lage verändert. Einzelne Infektionsherde so wie im Sommer - beim Autozulieferer, beim Fleischfabrikanten - kann das Gesundheitsamt eingrenzen. Doch manche Menschen sind infiziert vom Urlaub zurückgekommen. Sie haben Covid-19 unter dem Radar in der Gesellschaft verbreitet. Auch in Clustern wurden einzelne Fälle nicht bemerkt. Nach und nach passierte eine Feinverteilung von diffusem Infektionsgeschehen, das kriegen Sie nicht mehr eingefangen. Sars-CoV-2 blüht in der Kälte auf, weil es sich physikalisch besser verbreiten kann, die Menschen sind in geschlossenen Räumen und viele haben die Maßnahmen einfach auch satt.

In Österreich besteht die Kritik, dass für die zweite Welle unzureichend vorgesorgt wurde, etwa indem zu wenig Personal zur Pandemiekontrolle aufgebaut wurde.

Demokratie ist langsam. Gerade in föderalen Systemen dauern Verfahren, weil viele Personen mitreden. Das Virus wartet aber nicht auf die Politik. Es ist tragisch, dass asiatische Länder, die rigider regiert werden, quasi entspannt durch die Pandemie segeln, während wir in Europa auf die Nase fallen, obwohl wir tolle Gesundheitssysteme und gute Fachleute haben, weil wir zu langsam sind.

Alexander Kekulé, geboren am 7. November 1958 in München, ist Biochemiker, Publizist und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle an der Saale. Zur Covid-19-Pandemie äußert sich Kekulé regelmäßig öffentlich, unter anderem im Podcast "Kekulés Corona-Kompass" des MDR. Sein Buch "Der Corona-Kompass" ist soeben im Ullstein Verlag erschienen. © Superbass, 2020-01-29-Alexander S. Kekulé-Maischberger-8331, beschnitten oben und unten, CC BY-SA 4.0
Alexander Kekulé, geboren am 7. November 1958 in München, ist Biochemiker, Publizist und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle an der Saale. Zur Covid-19-Pandemie äußert sich Kekulé regelmäßig öffentlich, unter anderem im Podcast "Kekulés Corona-Kompass" des MDR. Sein Buch "Der Corona-Kompass" ist soeben im Ullstein Verlag erschienen. © Superbass, 2020-01-29-Alexander S. Kekulé-Maischberger-8331, beschnitten oben und unten, CC BY-SA 4.0

"Das Virus überraschte Europa" nennen Sie ein Kapitel Ihres Buches. Warum überraschte? Schon im Jänner wusste man von dem Erreger in China. Wenn wir sofort den Flugverkehr eingestellt hätten, stünden wir heute anders da, oder nicht?

Ich habe schon am 22. Januar im ARD-Morgenmagazin Einreisekontrollen und intensive Testungen gefordert. Wenn man das konsequent durchgezogen hätte, hätten wir schon den ersten Lockdown nicht gebraucht. Südkorea hat sofort die Handbremse gezogen: Einreisekontrollen aus China, alle Einreisenden untersuchen und die Testkapazitäten hochfahren. In Deutschland sind wir bei nur 1,5 Millionen Tests pro Woche - weniger als die Hälfte dessen, was Fachleute gefordert haben - mit der Folge, dass wir Altersheime nicht absichern können.

Kann man das Virus wegtesten?

Wegtesten kann man es nicht. Aber statt ständig Gas zu geben und dann wieder zu bremsen, geht nicht. Es gibt ein kontinuierliches Modell, mit dem Virus zu leben und es laufend unter Kontrolle zu halten. Dafür müssen wir zuvorderst die Risikogruppen selektiv schützen. Wir brauchen Schnelltests für Besucher von Altersheimen und Konzepte zur Verteilung von FFP2-Schutzmasken. Schnell- und Gurgeltests müssen außerdem jedermann in der Apotheke für einen Euro Schutzgebühr zur Verfügung stehen. Der Staat soll die Tests kaufen und niederschwellig abgeben. Dass Gesunde sich testen, um mehr Sicherheit zu haben, ist epidemiologisch nur sinnvoll.

Licht am Ende des Tunnels scheint in Form dreier Impfstoffe und der Perspektive, dass sich das Coronavirus in absehbarer Zeit abbremsen lässt. Teilen Sie den Optimismus?

Ich war von Anfang an optimistisch und bei den Impfstoffen läuft es wie am Schnürchen. Insbesondere für die RNA-basierten Vakzinen von Moderna und Biontech bin ich zuversichtlich. Keiner wusste, ob die funktionieren. Dass es jetzt so mustergültig klappt, ist eine tolle Nachricht. Wenn alles im Plan bleiben sollte, werden wir wahrscheinlich im April in größerem Stil in Europa anfangen, zu impfen. Dennoch werden wir erst Ende des nächsten Jahres so weit sein, dass wir unsere Masken endlich wegschmeißen und wieder leben können wie vorher.

Wirklich, so lange noch?

Eine Pandemie wird bekämpft, indem möglichst viele Menschen immunisiert werden, und sei es auch nur für kurze Zeit, denn dann kann sich das Virus nicht mehr verbreiten. Aber es dauert, bis zwei Drittel der Bevölkerung durchgeimpft sind. Zuerst muss der Impfstoff produziert, dann verteilt und dann verabreicht werden. Anti-epidemische Maßnahmen, vom Lockdown bis zum Maskentragen, werden wir hoffentlich bei der Erkältungssaison kommenden Herbst nicht mehr brauchen. Ich hoffe, dass im Herbst 2021 dieses Coronavirus keine Rolle mehr spielen wird. Die größte Gefahr ist nur, dass manche Leute es jetzt wieder locker nehmen, weil der Impfstoff angekündigt ist. Gerade am Ende des Tunnels müssen wir uns noch mal am Riemen reißen und uns an Maßnahmen halten.

Für welche Verteilungsstrategie bei Covid-Impfungen wären Sie?

Alle Fachleute werden Ihnen auf Anhieb sagen, dass man zuerst Risikogruppen impfen muss und als Zweites die Leute, die in der ersten Reihe stehen in der Betreuung von Kranken und Alten. Dass dies am effektivsten ist, können Sie mit einem Excel-Sheet durchrechnen.

Wissenschafter weltweit ziehen am gleichen Strang, um Sars-CoV-2 besser kennenzulernen. Ist es ein komplexes Virus?

Dass dieses Virus vollkommen ungewöhnlich wäre und wir für die Pandemieabwehr ständig dazulernen, ist eine Ausrede von Politikern und einigen ihrer Berater, die sich am Anfang massiv geirrt haben. Dieses Virus ist ein Zwillingsgeschwister von Sars-CoV-1 aus 2003. Keine Epidemie ist so exakt erforscht wie die damalige. Das jetzt aufgetretene Sars-CoV-2 und als auch seine Verbreitungswege ähneln den geübten Szenarien fast wie ein Fall von "Copy and Paste". Länder, die von Anfang an angewandt haben, was sie gelernt haben, leben jetzt ohne Probleme. Hätten wir das auch gemacht, hätte es weniger Tote in Norditalien gegeben und keinen Lockdown.

Wenn alles so einfach ist, wie erklären Sie "Long Covid", also Fälle von schweren Nachwirkungen?

Auch das gab es bereits bei Sars. Langwierige Verläufe von Infektionen mit Sars-CoV-2 sind nicht die Regel. Wir beobachten sie derzeit nur häufig, weil Covid-19 häufig auftritt. Zudem werden unter dem Begriff "Long Covid" eine Reihe von Beobachtungen zusammengefasst, wie etwa Veränderungen der Lunge im Computertomogramm nach zwei bis drei Monaten. Solche sehen Sie nach einer schweren Influenza aber auch. Und dass Leute, die auf der Intensivstation beatmet wurden, drei Monate später sagen, ich fühle mich nicht ganz fit, bestätigt jeder Intensivmediziner. Wer maximal therapiert wurde, kann bis zu einem Jahr brauchen, um wieder ganz auf die Beine zu kommen.

Zur Zukunft: Werden wir pandemische Zeiten jemals wieder los? Welche Pandemie droht als Nächste?

Pandemische Perspektiven werden wir wohl nicht mehr los. Wir können aber aus Covid lernen, etwa indem wir Blutproben in Krankenhäusern systematisch untersuchen. Dann hätten wir eine Art Frühwarnsystem für neue Viren. Und wir könnten aufhören, uns der Natur gegenüber schlecht zu benehmen. Wenn wir Fledermäuse aus ihren Höhlen vertreiben, um unsere Städte auszudehnen, und die verscheuchten Tiere dann ihren Kot in den Fresströgen von Nutztieren hinterlassen, oder wilde Tiere auf Märkten verkaufen, um kulturellen Praktiken zu folgen und dabei die Hygiene missachten, hat das Folgen. Die Natur verzeiht uns nichts, wie die Pandemie dramatisch vor Augen führt.