Der Blick auf die immer gleichen Höhlenwände könnte unsere entfernten Vorfahren entweder an und über den Rand des Wahnsinns oder zu kulturellen Höchstleistungen getrieben haben. Die Fähigkeit zum sinnvollen Nutzen der einst klimatisch erzwungenen langen Einengung könnte ein großer Innovationsmotor gewesen sein, so eine Theorie. Ein Wiener Wissenschafter hat das Konzept nun auf die Corona-Situation umgelegt und Spuren der "Höhlenkompetenz" im Heute gefunden.

Im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte ist der Mensch vermutlich mehrmals nur knapp dem Verschwinden entronnen. Genetische Untersuchungen legen unter anderem nahe, dass unsere Spezies in grauer Vorzeit neben den normalen Eiszeiten das eine oder andere Mal möglicherweise in Folge von Vulkanausbrüchen rapiden Klimaänderungen und folgenden Kaltzeiten ausgesetzt war, was ihre Anzahl stark dezimierte. Wissenschafter nennen das einen genetischen Flaschenhals. In diesen Zeiten war der Mensch besonders auf Höhlen als halbwegs sichere Zufluchtsorte und die clevere Nutzung der Umgebung angewiesen.

Die Perspektive einschränken

Gerade in der erzwungenen Einschränkung der Perspektive könnte sich Erstaunliches ereignet haben. Denn laut Paläoanthropologen dürften solche Phasen unsere Vorfahren technisch und kulturell vorangebracht haben, wie sich in eindrucksvollen Höhlenmalereien oder Werkzeug-Innovationen zeigt. Der Grund könnte darin liegen, dass sich "im Schutzraum das Bewusstsein geweitet" hat, wie es der Kommunikationswissenschaft Jürgen Grimm von der Universität Wien ausdrückte.

Die Fähigkeit, unter solchen Umständen nicht in rigide geistige Zustände wie Depression, Paranoia oder Verleugnung zu verfallen, sondern vielmehr geistig flexibler zu werden, bezeichnet er als "Höhlenkompetenz". Wer diese Fähigkeit nicht besaß, hatte vermutlich deutlich geringere Chancen, solche Zeiten zu überleben. Unter dieser "Höhlenpathologie" versteht Grimm auch die Neigung zu irrationalen Übersprungshandlungen und -gedanken.

Da die Coronakrise rasch Ausmaße einer existenzbedrohlichen "kapitalen Zivilisationskrise" angenommen habe, die mit starker, höhlenähnlicher Einengung einher geht, ging der Wissenschafter in einem fächerübergreifenden Forschungsansatz daran, nach dem archaischen, kognitiven Echo aus der Vorzeit zu suchen. Die Forscher haben dazu einen umfassenden, auf psychologischen Instrumenten basierenden "Höhlentest" entwickelt und diesen 607 Studenten im Rahmen einer Untersuchung im Sommer vorgelegt, um ihren Hypothesen nachzugehen.

Einerseits gebe es momentan einen Teil der Menschen, die "teils bizarren Verschwörungstheorien" zusprechen, auf der anderen Seite steht erstaunlich hohe Zustimmung "für eine Regierung, die mehr oder weniger durch die Krise holpert. Das ist auch ungewöhnlich", so Grimm. In der Untersuchung zeigte sich, dass unter den Befragten zwischen 20 und 30 Prozent eher in Richtung "Höhlenpathologie" und verschwörungstheoretische Anfälligkeit tendierten.

Die Mehrheit war aber eher geneigt, beim Umgang mit der Krise konstruktiv mitzuwirken "und zeigt immer noch diese Unterstützung - die ja auch mirakulös ist", sagte Grimm: "Die Idee für die Erklärung ist also, dass das die Mehrheit ist, die eben 'Höhlenkompetenz' hat." Die erscheine in dieser Situation fast wie "ein Geschenk der Evolution an uns", weil sie "aus einer existenzbedrohenden Situation erwachsen ist, aber unsere Kulturoffenheit definiert".

Im Rahmen der Studie habe sich gezeigt, dass dies vor allem mit Mitgefühl oder Empathie zusammenhängt. Zudem scheinen diese wenig verschwörungstheoretisch anfälligen Leute eher auch die Fähigkeit zu haben, "ihr Weltbild relativ differenziert zu gestalten" und die Einengung auch weniger als bedrängend erleben, so der Wissenschafter.

Erlebt man umgekehrt die Situation quasi als Gefängnis, "bin ich eingeschränkt, um damit in einer adäquaten und komplexen Weise umzugehen. Das sehen wir in der Studie auf allen Verhaltensebenen". Auch wenn die noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlichte Untersuchung nur unter Studenten und damit einer eher privilegiert-aufgeklärten, vielfach eher links orientierten Gruppe durchgeführt wurde, habe man ähnliche Ausprägungen bei der Verschwörungstheorie-Neigung gefunden wie etwa in repräsentativen Umfragen aus Deutschland.

Trotzdem werde diese recht laute Gruppe in ihrer Größe momentan stark überschätzt, so Grimm. Insgesamt zeige die Krise doch eher, dass man sie als Individuum oder auch einzelnes Land nicht in den Griff bekommen kann. "Es gibt schon so etwas wie eine Kosmopolitisierung der Gesellschaft durch die Krise", so der Forscher: "Das ist eigentlich auch meine Hoffnung."(apa)