Lockdowns bergen besondere psychische Risiken, wie Forscher der Universität Texas in einer neuen Studie zeigen: Besäufnisse werden generell  exzessiver, je länger ein Lockdown andauert. Genauer: Erwachsene, die auch vor der Coronapandemie schon dazu neigten, sich zu betrinken, trinken nun mit jeder Woche, die ein Lockdown länger dauert, bei jedem Besäufnis noch einmal um 19 Prozent mehr als normalerweise. Als "Besäufnis" definierten die Forscher einen Alkoholkonsum von fünf oder mehr alkoholischen Getränken bei Männern beziehungsweise vier und mehr Getränken bei Frauen innerhalb von zwei Stunden.

Die Studie, die heute im American Journal of Drug and Alcohol Abuse erschienen ist, umfasst 2.000 Studienteilnehmer aus den gesamten USA.

Lockdown als Stressfaktor

Die Forscher heben hervor, dass alkoholkranke Menschen durch den Stress von Lockdowns besonders gefährdet sind. Schwere Trinker und Trinkerinnen kommen auf sieben Getränke innerhalb von zwei Stunden.

Auch wer sich regelmäßig betrinkt, greift laut dieser Studie bei einem Besäufnis nun typischerweise zu vier alkoholischen Getränken innerhalb von zwei Stunden; wer dies nicht tut, belässt es bei zweien, so die Studienautoren der Health Science Center School of Public Health.

Im Haushalt lebende Kinder reduzierten das Risiko von Alkoholexzessen um 26 Prozent.

"Die Zuhause verbrachte Zeit ist ein Stressor, der auf die Trinkgewohnheiten wirkt. Die Covid-19-Pandemie hat diesen Stress möglicherweise verstärkt", erklärt die Epidemiologin Sitara Weerakon, die als Doktorandin an der Studie beteiligt war, in einer Aussendung. Sie plädiert dafür, den durch diesen Stress entstehenden depressiven Symptomen als Verstärker von Suchtverhalten mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Erhebung fand bereits Mitte März bis Mitte April diesen Jahres statt. Teilgenommen haben 1.982 Erwachsene aus den gesamten USA in einem Durchschnittsalter von 42 Jahren. Die Mehrheit der befragten Personen war weiß (89 Pozent) und weiblich (69 Prozent). Die Teilnehmenden hatten sich im Durchschnitt vier Wochen lang so gut wie ausschließlich zuhause aufgehalten, durchschnittlich 21 Stunden täglich.

Corona als psychosoziale Krise

Dass die Covid-19-Pandemie auch eine psychosoziale Krise ist, haben für Österreich auch Forscher um Michael Musalek vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien gezeigt. Sie ließen vom Gallup Institut 1.000 Menschen in ganz Österreich über ihre psychosoziale Befindlichkeit befragen. Diese Erhebung fand vom 15. bis 26. Mai 2020 statt nachdem der erste strikte Lockdown beendet und die Geschäfte sowie die Gastronomie wieder geöffnet waren.

Ein Viertel der Österreicher sei von der "psychosozialen Pandemie" betroffen, sagte Musalek anlässlich der Präsentation der Studie. Die psychischen Probleme würden viel länger anhalten als eine Infektion. In der Politik und den Medien seien die psychosozialen Folgen der  ein  zu wenig beachtetes Thema, sagte der Suchtexperte. (red, APA)