Was durch die Klimaerwärmung droht, gab es in den vergangenen 10.000 Jahren bereits: Die Gipfel der Ostalpen waren in diesem Zeitraum schon einmal eisfrei, zeigen Analysen von Eiskernen aus den Ötztaler Alpen. Doch vor rund 5.900 Jahren wurde das Klima wieder kälter und die Gletscher begannen zu wachsen, berichten Forscher der ÖAW im Fachjournal "Scientific Reports". "Ötzi", der einige Jahrhunderte nach der beginnenden Abkühlung gelebt hat, musste sich daher warm anziehen.

Der derzeitige Abschnitt der Erdgeschichte wird Holozän genannt, eine seit rund 12.000 Jahren herrschende Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters. Innerhalb des Holozäns kam es in Europa wiederholt zu Klimaveränderungen. So zeigen etwa Bäume, die vom sich zurückziehenden Eis freigelegt wurden, sowie andere Klimaarchive ein sogenanntes Klimaoptimum vor etwa 6.000 Jahren. Die neuen Analyseergebnisse passen gut zu diesen bereits vorhandenen Daten.

Gletscher-Schichten datiert

Pascal Bohleber vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat am Gletscher der 3.518 Meter hohen Weißseespitze im Tiroler Kaunertal Bohrungen durchgeführt und zwei Eiskerne analysiert. Durch im Eis eingeschlossenen Kohlenstoff konnten die ältesten Schichten, die sich am felsigen Untergrund befinden, datiert werden. Demnach ist das älteste Eis im Gletscher rund 5.900 Jahre alt (Schwankungsbreite rund 700 Jahre). "Das legt nahe, dass der Gipfel davor eisfrei war", so Bohleber in einer Aussendung der ÖAW.

Die Wissenschafter gehen deshalb davon aus, dass die damaligen klimatischen Verhältnisse auch in hohen Lagen keine dauerhafte Vergletscherung ermöglichten, etwa weil es zu warm war. Erst danach müssen sich wieder bessere Bedingungen für das Gletscherwachstum eingestellt haben.

Gefährliche Alpenüberquerung

Die Bohrkerne wurden nur rund zwölf Kilometer entfernt von jener Stelle entnommen, an der 1991 die Gletschermumie "Ötzi" in rund 3.200 Metern Seehöhe gefunden wurde. Der "Mann vom Hauslabjoch" wurde auf etwa 5.100 bis 5.300 Jahre datiert, zu seinen Lebzeiten sind also die Gletscher in den Ostalpen wieder angewachsen. "Das hieß für die Menschen damals, dass die Überquerung der Alpen wahrscheinlich gefährlicher wurde", sagte Bohleber.

Die Weißseespitze liegt etwas höher als der Fundort der Gletschermumie und dürfte daher früher wieder vereist sein. Ob "Ötzi" im Eis starb oder er erst nach seinem Tod vom Eis eingeschlossen wurde, ist unklar. Das Eis, in dem der Körper konserviert war, wurde den Forschern zufolge nie datiert und ist heute nicht mehr vorhanden.

Beim Fortschreiten der aktuellen Klimaerwärmung wird die Weißseespitze schon bald wieder eisfrei sein. "Wir haben Glück, überhaupt noch Bohrkerne entnehmen zu können. Die Zeit rennt uns davon. Es gibt nur noch zehn bis zwölf Meter Eis, schon in wenigen Jahren könnte dieses Klimaarchiv verschwunden sein", erklärte Bohleber. Dass die Gipfel um die Weißseespitze im Holozän schon einmal eisfrei waren, bedeute aber nicht, dass es damals wärmer war als heute, betonte der Gletscherforscher. "Wir können auf Basis unserer Daten nur sagen, dass die Gletscher vor etwa 5.900 Jahren wieder zu wachsen begonnen haben. Was davor war, lässt sich aus Eiskernen nicht rekonstruieren".

Die Wissenschafter sehen die Warmphase vor 5.900 Jahren jedenfalls "gut gesichert, jetzt auch regional bis in die Gipfellagen", so Bohleber. Oberhalb von 4.000 Metern dürften hingegen die Gipfel der Westalpen vielerorts über das komplette Holozän hinweg vereist gewesen sein. Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist ungewiss. "Die Geschwindigkeit, mit der die Gletscher derzeit zurückgehen, ist dramatisch und sollte dringend weiter erforscht werden. Die Gletschervergangenheit des Holozäns ist ein wichtiger Hintergrund dafür", sagte Bohleber.