Die Corona-Pandemie hält die Welt weiterhin in Schach. Wiewohl die Zulassungen der neuen Impfstoffe zuletzt die Hoffnung auf eine baldige Eindämmung der Virusverbreitung geweckt haben, hat die Information über die Streuung einer neuen Mutation von Sars-CoV-2 in Großbritannien am Wochenende für Beunruhigung gesorgt. Betroffen sind vor allem junge Menschen. Experten zufolge soll der veränderte Erreger ebenso schon in Italien, in den Niederlanden, in Belgien, Dänemark und in Australien nachgewiesen worden sein. Auch in Deutschland dürfte er schon angekommen sein. Ob die Variante tatsächlich deutlich ansteckender ist, wie es nach ersten Berichten geheißen hat, ist noch unklar. Mehr Daten seien nötig, um die Situation einschätzen zu können, betont Judith Aberle, Virologin an der Medizinuni Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". In Österreich wurde die Mutation laut Angaben des Gesundheitsministeriums bisher nicht nachgewiesen.

Erreger verändern sich laufend. Vor allem bei RNA-Viren sei das "ein ganz normaler" Vorgang, erklärt die Expertin. Bei der aktuellen Mutation zeige sich eine Reihe von Veränderungen im Oberflächenprotein (Spike-Protein) des Virus, aber auch in einigen anderen Bereichen. Die neue Variante unterscheidet sich insbesondere durch eine Mutation mit dem Namen N501Y am Spike-Protein. Diese stachelartige Struktur an der Virenoberfläche ermöglicht es, dass sich der Erreger an menschliche Zellen anheften kann, um in sie einzudringen.

Kann ein Zufall sein

Vor allem in der Gruppe der Unter-15-Jährigen wie auch bei den 15- bis 24-Jährigen zirkuliere das Virus sehr stark. Es sei allerdings noch nicht klar, ob dies auf sogenannte "Superspreading-Events" zurückzuführen ist oder darauf, dass das Virus möglicherweise infektiöser ist. "Die Verbreitung dieser Mutante kann ein Zufall sein und ist nicht zwingend ein Selektionsvorteil", betont Aberle. Auch gebe es keine Hinweise auf schwerere Verläufe.

Einzelne Veränderungen dürften sich weder auf die körpereigene Immunantwort noch auf eine Impfung auswirken, schätzt die Virologin. Da sowohl die Abwehrmechanismen des Menschen als auch die Vakzine gegen verschiedene Bereiche des Spike-Proteins gerichtet sind, spielen einzelne Mutationen "wahrscheinlich keine große Rolle".

Dass aber auch Impfstoffe adaptiert werden können, zeigt sich bei der Grippe. Diese Vakzine wird laufend an aktuell zirkulierende Varianten angepasst. Bei den neuen mRNA-Impfstoffen dürfte eine solche Veränderung zudem relativ einfach möglich sein. Denn sie enthalten keine vollständigen Viren, sondern nur eine genetische Baueinleitung für das Spike-Protein. Und diese lasse sich Experten zufolge auch an einen neuen Erreger anpassen.

Nun müsse allerdings im Detail untersucht werden, "welche Eigenschaften diese Virusvariante hat, ob es hier Veränderungen gibt, oder ob diese Mutationen keine Auswirkungen auf die biologischen Eigenschaften des Erregers haben", erklärt Aberle.

Kein Nachweis in Österreich

"Solch neue Sars-CoV-2-Varianten sollten kein Anlass zur Furcht sein. Gleichzeitig muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass wir uns nach wie vor im Auge des Sturms (= unberechenbare Pandemie) befinden und nie ausreichend Informationen in Echtzeit zur Verfügung haben werden", schrieb der österreichische Virologe Andreas Bergthaler von der Akademie der Wissenschaften am Wochenende auf Twitter. In Österreich wurde die UK Sars-CoV-2-Variante VUI-202012/01 (B.1.1.7 Linie) bisher nicht nachgewiesen, betont auch er. Einzelne andere Mutationen aber sehr wohl.



Auch sei noch unklar, ob es aufgrund der neu aufgetretenen Virusvariante vermehrt zu Reinfektionen kommen kann. Einmal infiziert, bildet der Körper nicht nur Antikörper, sondern auch Gedächtniszellen aus, die bei einem erneuten Kontakt mit demselben oder einem sehr ähnlichen Antigen aktiviert werden, um eine Immunreaktion auszulösen. Dem zellulären Immunsystem sei es nämlich möglich, schon im Gewebe, also in den Schleimhäuten in Nase und Rachen, in Aktion zu treten und die dort vorhandenen infizierten Zellen zu beseitigen - noch bevor das Virus weiter in den Körper eindringen kann, hatte Virologe Lukas Weseslindtner von der Medizinuni Wien schon im Sommer gegenüber der "Wiener Zeitung" erklärt.

Die Mutation war schon im September aufgetreten und habe sich nun zur "dominanten" Form von Sars-CoV-2 in Großbritannien entwickelt, so der oberste wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, Patrick Vallance.