Es begann ziemlich früh im Jahr. "Zu Beginn des ersten Corona-Lockdown im März waren die Patienten vorsichtig und extrem dankbar, dass wir trotzdem ordinierten. Doch dann machte sich allmählich Anspannung bemerkbar. Patienten aller Schichten und Altersgruppen - Schüler, Manager, Angestellte - hatten einen derart erhöhten Muskeltonus und Stress, ob privat oder beruflich, dass im Mund- und Kopfbereich Schäden entstanden", sagt Robert Klier, Zahnarzt mit Kassenpraxis in Wien-Döbling. Er erklärt: "Es spalten sich gesunde Zähne. Bei technischen Arbeiten platzt die Keramik weg. Wurzeln brechen. Die Leute sind so verspannt, dass es natürlich auf den Biss geht."

Verspannungen gehen auf den Biss. - © adobe stock/djma
Verspannungen gehen auf den Biss. - © adobe stock/djma

Kliers Corona-Bilanz vor dem Hintergrund 33-jähriger Ordinationspraxis: "Massive Verspannungen, wo eben auch Zähne brechen, haben sich seit dem Lockdown in meiner Ordination verdreifacht. Noch vor etwa zehn Jahren waren Knirscher-Schienen selten, heute rennt man uns dazu die Türe ein. Normalerweise halten diese medizinischen Behelfe, die Druck im Mund abfedern, mindestens zwei Jahre. Aber jetzt kommen Patienten, deren Schiene nach einem Dreivierteljahr komplett zerstört, zermahlen, zerbissen ist. Man merkt, was für Kräfte herrschen."

Klier steht mit seiner Beobachtung weder alleine da, noch beschränkt sich das Phänomen offenbar auf Österreich. "Wenn man bei Stress die Zähne überbelastet, können sie empfindlich werden und Sprünge bekommen. Ich habe seit März weitaus mehr Knirscher-Schienen angefertigt als üblich", bestätigt Georg Kuntzl, Zahnarzt mit Kassenpraxis in Wien-Margareten. Mehr Stress und weniger emotionaler Ausgleich durch Sport und persönliche Kontakte haben Auswirkungen auf Körper und Geist. Wer unter Druck steht und mit Sorgen zu kämpfen hat, neigt schneller zu Verspannungen in Wirbelsäule und Nacken. "Kaumuskeln, Kiefer, die Wirbelsäule und alles im Körper ist ein zusammenhängendes System", erklärt Kuntzl.

"Wenn die Sorgen vom Kopf in die Zähne wandern, kann der Druck zu Rissbildungen im Zahnschmelz führen", informiert auch die Gruppenpraxis "Das Zahnteam in Buer" im deutschen Gelsenkirchen. Und auch aus Belgien ist zu erfahren, dass die Zahl der Patienten mit Kieferschmerzen seit dem Ausbruch der Corona-Krise deutlich zugenommen hat. "Seit März sehe ich in meiner Praxis immer mehr Patienten mit Kieferproblemen", erklärte Fien Jonnaert, eine auf Kieferbehandlung spezialisierter Physiotherapeutin, diese Woche in einem Frühstücksradiomagazin der öffentlich-rechtlichen Flämischen Hör- und Fernsehfunks. Laut Jonnaert gibt es durchaus einen kausalen Zusammenhang mit den Ausprägungen des Lockdown, wobei die Entwicklung beim Pflegepersonal begonnen habe.

"Wenn sich die Wirbelsäule durch eine falsche Haltung aufgrund von Stress oder falschem Sitzen verbiegt, wirkt sich das auch auf das Kiefer aus. Ober- und Unterkiefer schließen und treffen sich im Millimeterbereich anders", erläutert dazu Klier.

Die meisten Menschen haben zu Hause keine professionelle Einrichtung für Homeoffice. Oft müssen der Küchentisch, die Couch oder das Kinderzimmer herhalten. Vorhandene Möbel sind in der Regel alles andere als ergonomisch geeignet. Laut einer Studie der Firma Aeris klagen mittlerweile 64 Prozent der Arbeitnehmer in Österreich, Deutschland und der Schweiz über gesundheitliche Probleme durch die Arbeit im Homeoffice. Vor allem Rücken-, Muskel- und Kopfschmerzen plagen die Homeworker. Für die Studie hat Aeris, Hersteller von Aktivstühlen und Bewegungslösungen für Büroarbeit, 2.000 Arbeitnehmer befragt.

Auch der Mund ist im Stress

Wolfgang Ertl, Physiotherapeut und Osteopath mit Praxis in Wien-Margareten, weiß von starken Verspannungen seiner Klienten insbesondere im Nackenbereich zu berichten und bestätigt, dass diese zu ebensolchen in den Kiefergelenksmuskeln führen. "Wenn die Muskeln im Kiefergelenk stark verspannt sind, passiert es, dass man knirscht, weil diese sich bei psychischem Stress stark anspannen. Das Kiefergelenk wiederum hängt mit der oberen Halswirbelsäule zusammen. Ist sie über Stunden in falscher Position, verspannt sich der Mundbereich mit."

"Man kann mit Berührung Verspannungen am Aufhängeapparat der Zähne erleichtern", sagt Ertl. Dennoch häuft sich Evidenz, dass Homeoffice dem Bewegungsapparat schadet. Langfristige Auswirkungen bleiben abzuwarten.