Überall auf der Welt, in Australien, in Mexiko, in Großbritannien, in Südafrika, in Nigeria und nun auch in Österreich sind Mutationen des Coronavirus aufgetreten, die eines gemeinsam haben: Sie machen das Virus ansteckender. Mutationen sind bei Viren normal. Aber: In diesem Fall passieren die Veränderungen scheinbar besonders schnell.

"Coronaviren mutieren eigentlich relativ langsam im Vergleich etwa zu Influenza-Viren", sagt Norbert Novotny, Virologe an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. "Im Durchschnitt kommt es alle vierzehn Tage zu einer Mutation." Unter den Bedingungen einer Pandemie gilt diese Regel nicht mehr: "Sars-CoV-2 kommt weltweit nun abermilliardenfach vor. Entsprechend häufen sich die Mutationen an." Weil die Mutationen das Virus ansteckender machen, wird sich die Mutationsrate weiter beschleunigen.

Die gute Nachricht: Eben weil alle bekannten Mutationen sich auf die Infektiosität beziehen, ist es unwahrscheinlich, dass das Virus schwerere Verläufe bedingt oder gar tödlicher wird. "Das Virus hat keinen Vorteil davon, wenn es tödlicher wird. Im Gegenteil: Das wäre auch das Ende des Virus."

Mutationen - der Weg zum Erfolg

Sars-CoV-2 ist aus der Perspektive des Virus auch ohne die erhöhte Ansteckung bereits eine Erfolgsgeschichte – von Anfang an. Im Winter 2019 hat es die erste Hürde geschafft und ist auf einem Lebend-Tiermarkt im chinesischen Wuhan auf einen vielversprechenden neuen Wirt übergesprungen: den Menschen. Der Mensch ist ein besonders guter Wirt. Seine Anzahl übersteigt die der Wildtiere bei Weitem und Menschen leben sehr dicht beieinander. Das sind ideale Bedingungen, um sich schnell zu verbreiten und schnell zu mutieren.

Das Virus hat auch eine weitere potenzielle Hürde erfolgreich genommen, nämlich die, effizient von Mensch zu Mensch übertragen werden zu können. Durch die Mutationen hat sich die Ansteckung des Virus, seine Infektiosität, noch weiter verbessert, und sie kann sich nur noch weiter verbessern, je mehr Wirte es gibt: Bei jeder Virus-Infektion werden Viren im Körper vermehrt. Jede dieser "Kopien" ist eine Chance für eine Mutation und damit eine bessere Anpassung an die neue Wirtspopulation. Auf diese Weise konnte die mutierte SARS-CoV-2-Variante in Großbritannien ihre Ansteckung um fünfzig bis sechzig Prozent erhöhen.

Bei der britischen Mutation handelt es sich um insgesamt vierzehn Veränderungen gegenüber dem mutmaßlichen Original, wie Nowotny erläutert. Einige dieser Veränderungen beziehen sich auf das berühmte Spike-Protein, mit dem SARS-CoV-2 an die Körperzellen, genauer: an die ACE-2-Rezeptoren, andockt. "Je leichter das Virus andocken kann, desto leichter wird ein Mensch infiziert."

Weltweit sind unabhängig voneinander Mutationen des SARS-CoV-2 Spike-Proteins entstanden, die die Infektiosität des Virus erhöhen. Das heißt alle Variationen beziehen sich auf das Spike-Protein und erhöhen die Ansteckung.

Keine Beeinträchtigung der Impfung

Eine gute Nachricht gibt es auch hier: Die Mutationen betreffen nur etwa ein Prozent des Spike-Proteins, also einen sehr kleinen Teil dieses speziellen Teils des Virus. Sie machen daher die Impfstoffe, die ebenfalls bei diesem Protein ansetzen, nicht unwirksam. "Die Impfung wirkt genauso gut", so Nowotny.

Dass Mutationen unbemerkt passieren, ist unwahrscheinlich. Die britische Virusvariante etwa war aufgeflogen, weil sich die 14-tägige Fallinzidenz im Südosten Großbritanniens verdächtig erhöht hatte. Forscher in Großbritannien vermuten, dass eine Blutplasma-Therapie bei einer Covid-19-Patientin die Mutation ausgelöst haben könnte. Über das an Antikörpern reiche Blutplasma, das der Patientin gegeben wurde, sei die Viruspopulation, die bereits in den Körperzellen der Patientin vorhanden war, unter Anpassungsdruck geraten.

Diese These ist allerdings bisher nicht belegt und lediglich eine Vermutung, wie auch Norbert Nowotny betont. Das Brisante an der These wäre, dass es sich bei dieser britischen Virusvariante dann um zielgerichtete Mutationen des Virus handeln würde, um dem mit Antikörpern gesättigten Umfeld zu entkommen. "Viren mutieren im Wesentlichen durch Versuch und Irrtum, nicht intentional", sagt Nowotny.

Sobald Virusmutationen bekannt sind, werden ihre genetischen Daten gespeichert. In Großbritannien werden zum Beispiel fünf bis zehn Prozent aller Covid-19-Erkrankungen sequenziert. Die Daten kommen in die öffentlich zugängliche GISAID-Datenbank, wo sie für weitere Forschung allen Wissenschaftern zur Verfügung stehen.

Ursachen der Pandemien bleiben bestehen

Werden Menschen in Zukunft mit Pandemien leben müssen? Nowotny erinnert daran, dass es alle zehn bis 15 Jahre zu Pandemien kommt, wie etwa zuletzt die sogenannte Schweinegrippe. Während die Impfungen eine beispiellose Erfolgsgeschichte seien, rührten sie allerdings nicht an den Ursachen von Pandemien: "Viele Pandemien sind Zoonosen, das heißt, sie haben ihren Ursprung in Wildtieren. Der Mensch drängt mehr und mehr in ihren Lebensraum vor und erhöht damit das Risiko für Zoonosen."

Auf Zoonosen gehen rund 60 Prozent aller Infektionskrankheiten des Menschen zurück. Nowotny nennt das Beispiel der Palmplantagen zur Palmölgewinnung, für die Urwald gerodet werde. "Ich hoffe doch, dass der Mensch aus dieser schwersten Pandemie seit 100 Jahren lernt."