Eine neuartige Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 könnte Menschen, die die Lungenkrankheit Covid-19 bereits überstanden haben, mehrmals infizieren. Das berichtet ein brasilianisch-britisches Forschungsteam anhand von Sequenzierungen der Erreger in Erkrankten in der Stadt Manaus, wo seit Mitte Dezember die Zahl der gemeldeten Fälle wieder stark ansteigt.

Zwischen März und November 2020 kam die P.1. genannte Variante in den Proben von Covid-Positiven nicht vor. Doch ab Mitte Dezember zeigte sie sich in 13 von 31 Samples. P.1. hat 17 Mutationen, mehrere davon am charakteristischen Spike-Protein, mit dem sich das Virus seinen Weg in die Zellen bahnt, und das der Ansatzpunkt für Impfungen ist.

Dabei schien Manaus, die Hauptstadt des großen brasilianischen Bundesstaats Amazonas, bereits auf dem Weg zurück zur Normalität. Der Virologe Nuno Faria vom Imperial College London hatte in einer Studie im Fachjournal "Science" berichtet, dass etwa drei Viertel der zwei Millionen Einwohner Covid-19 bereits durchgemacht hätten - mehr als genug für Herdenimmunität. Dennoch füllten sich die Spitäler wieder und wieder. "Es passte nicht zusammen", wird Faria zitiert. Er wollte wissen, ob Veränderungen im Virus-Genom an den hohen Infektionsraten schuld sind, und sequenzierte die neuen Proben. Die Ergebnisse publizierten er und sein Team auf der Website virological.org.

Laut den Forschern könnte die neue Variante P.1. einen Weg gefunden haben, bei manchen Menschen die natürliche Immunantwort zu umgehen. Diese hatte sich unter den Bewohnern von Manaus gegen Covid-19 bereits 2020 gebildet, weil die Lungenkrankheit dort besonders stark grassierte. Wenn sich die Annahme bestätigt, müssten bestehende Impfungen aufgerüstet werden, unterstreichen die Forscher.

Viren mutieren ständig, um möglichst viele Menschen zu infizieren. Für eine effiziente Verbreitung dürften sie den Wirt nicht umbringen, sondern müssen sich an ihn anpassen. Wenn P.1. tatsächlich dem Immunsystem ausweicht, wäre das eine Bedrohung unabsehbaren Ausmaßes für die Welt. Neue Impf-Mechanismen müssten erfunden werden - so das überhaupt möglich ist.

Warnung und Entwarnung

Die Perspektiven verdeutlicht die in England im Dezember entdeckte Variante B.1.1.7. Die Mutante dürfte "mit irgendwo zwischen zehn und 20 Prozent der Covid-Fälle bereits relativ stark" in Österreich verbreitet sein, betonte Oswald Wagner, Vizerektor der Medizinuniversität Wien, angesichts erster Untersuchungen positiver PCR-Tests in der Bundeshauptstadt in der "Austria Presse Agentur" am Montag. "Schon sehr große Sorgen" mache den Wissenschaftern, dass die Mutation "sehr wahrscheinlich" zu einer größeren Infektiosität führt, was "teuflisch" sei: Wenn das Virus um die Hälfte ansteckender ist, bedeute das bei gleichbleibender Gefährlichkeit binnen ein paar Wochen "eine Verfünffachung der Sterbefälle", sagte Wagner.

Der Virologe geht davon aus, dass sich in Europa vor allem die britische Mutation verbreiten werde, und nicht die Variante B.1.351, die derzeit vor allem in Südafrika zirkuliert, das ebenfalls wieder mehr und mehr Fälle zählt. Laut dem Bericht in "Science" konnte im Labor gezeigt werden, dass B.1.351 monoklonale Antikörper, die gegen Sars-CoV-2 ankämpfen, schwächt. Dem gegenüber steht eine Modellstudie der London School of Hygiene & Tropical Medicine, wonach die neuen Varianten zwar um die Hälfte ansteckender sind, das Immunsystem jedoch keineswegs besser im Griff haben.

"Grundsätzlich geben Impfungen dem Immunsystem einen Bauplan von Epitopen, das sind Zielstrukturen des Virus", erklärte der Wiener Genetiker Andreas Bergthaler kürzlich in der "Wiener Zeitung". Dagegen bilden B-Zellen Antikörper. T-Zellen werden instruiert, diese Zielstrukturen anzugreifen. "Derzeitige Impfungen beinhalten über 1.000 Aminosäuren mit vielen verschiedenen Epitopen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutante alle trifft, ist gering", betonte er.

"P.1 muss mit den steigenden Infektionszahlen in Manaus nichts zu tun haben. Vielleicht ist einfach die natürliche Immunität der Menschen abgeflacht", sagt Oliver Pybus, Epidemiologe an der Universität Oxford. Dennoch ist die brasilianische Variante wohl auch bereits in Europa.