Die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken oder sogar zu sterben, scheint bei der britischen Variante B.1.1.7 größer zu sein als bei anderen Varianten von Sars-CoV-2. Das legen die Ergebnisse einer Studie von Wissenschaftern der britischen Regierung nahe. "Das Risiko für Hospitalisierung oder Tod steigt um etwa 40 bis 60 Prozent", so der Epidemiologe und Berater der britischen Regierung, Neil Ferguson, gegenüber der "New York Times". Die sogenannte britische Variante scheint damit nicht nur ansteckender, sondern auch gefährlicher zu sein.

Ursachen für die erhöhten Risiken bei B.1.1.7 ungeklärt

Dieser Schluss des Beratungsgremiums der britischen Regierung "New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group" (Nervtag) basiert auf einer Analyse von Studien, die in den letzten Monaten in England, Wales und Schottland durchgeführt wurden, nachdem die Variante B.1.1.7 im November 2020 dort zum ersten Mal auftrat.

B.1.1.7 ist das Ergebnis von Mutationen des Coronavirus: Seitdem Sars-CoV-2 vor etwas mehr als einem Jahr auf den Menschen übergesprungen ist – man weiß noch nicht wo, wie und von welcher Tierart –, sind mehrere tausend Varianten entstanden. Forscher vermuten, dass die britische Variante für das Virus Vorteile mit sich bringt, weil sie leichter übertragbar ist und scheinbar auch den Antikörpern entkommen kann: Damit erhöht sich die Infektionsgeschwindigkeit und zugleich vervielfacht sich die Anzahl der Menschen, die infiziert werden können. Aus dem Grund ist zu erwarten, dass sich diese Variante durchsetzen wird. In Großbritannien ist sie bereits die dominierende Form von Sars-CoV-2.

Zwei Mutationen im Verdacht

Die Ursache für die leichtere Übertragbarkeit ist nach wie vor nicht geklärt, ebenso wenig weiß man, warum diese Variante häufiger schwerere Verläufe auslöst und auch häufiger tödlich ist, wie sich jetzt herausgestellt hat.

Im Verdacht stehen zwei Mutationen am Spike-Protein (S-Protein) des Virus, das sind die Stacheln, die den Coronaviren auch ihren Namen geben. Bei der einen Mutation, N501Y, wurde die Aminosäure Asparagin (N) durch Tyrosin (Y) ersetzt. Sie ist benannt nach ihrer Position (501). Die Mutation befindet sich am Spike-Protein und verändert die Gestalt und Zusammensetzung der Rezeptorfläche dieses Proteins.

Mutationen an Rezeptoren sind ein Problem, weil die vom Immunsystem gebildeten Antikörper darauf ausgerichtet sind, an dieser Rezeptorfläche anzudocken, um zu verhindern, dass das Virion wiederum an Körperzellen andockt. Antikörper müssen sich mit dem Virus verbinden können, um es unschädlich zu machen.

Die andere Mutation, die akut im Verdacht steht, das Virus gefährlicher zu machen, ist eine sogenannte Deletion, bei der die Aminosäuren nicht ersetzt werden, sondern ganz aus dem Protein verschwinden. In dem Fall ist es die Deletion 69 und 70 (69-70 oder 69/70). Auch diese Deletion befindet sich im Spike-Protein von Sars-CoV-2 und steht ebenfalls im Verdacht, die Chancen von Antikörpern zu verschlechtern, sich an das Virus zu binden. Sind die Antikörper derart wirkungslos, können sich die Viren leichter vermehren, die individuelle Viruslast steigt. Diese erhöhte Viruslast wird als eine Ursache für die schwereren Verläufe und die erhöhte Sterblichkeit vermutet.

Zwei Frauen in Schutzkleidung stehen an einem Krankenhaus-Bett mit einem jungen Mann. - © Reuters / Lim Huey
Die Ausgangslage bleibt laut den britischen Experten gleich: "Man muss darauf hinweisen, dass das absolute Risiko für einen Todesfall bei einer Infektion trotzdem niedrig bleibt." - © Reuters / Lim Huey

Unterschiedliche Zahlen zu Sterblichkeit und schweren Verläufen

Was die Wahrscheinlichkeit schwerer Verläufe und die Sterblichkeit (Mortalität) betrifft, schwanken die Zahlen der einzelnen wissenschaftlichen Einrichtungen in Großbritannien: Die London School of Hygiene & Tropical Medicine hat dem Bericht des Nervtag zufolge ein erhöhtes Krankheits- und Mortalitätsrisiko um den Faktor 1,58 berechnet, also um 58 Prozent. Das Imperial College London kommt auf eine um 36 Prozent erhöhte Sterberate, Wissenschafter der Universität von Exeter berichten eine um 70 Prozent höhere Mortalität (Faktor 1,7), Public Health England (PHE) kommt auf eine erhöhte Sterblichkeitsrate von 65 Prozent. Sicher scheint aber, dass B.1.1.7 wohl zu Recht als "Problem-Variante" (Variant of Concern) gilt.