Lockdown und Social Distancing haben zu einem massiv eingeschränkten Bewegungs- und Aktionsradius des Menschen geführt. Wir verbringen viel Zeit zu Hause und kommen bis auf die notwendigen Kontakte kaum noch mit außerhäuslichen Lebensräumen in Verbindung. Bakterien, mit denen wir früher im Büro, beim Freundesbesuch oder im Restaurant konfrontiert wurden, sind uns mittlerweile nahezu fremd. Das hat Auswirkungen auf das Mikrobiom, also den persönlichen Bakterienhaushalt jedes Einzelnen. Ob es Folgewirkungen geben wird, ist noch nicht abschätzbar. Der Infektiologe Christoph Steininger von der Medizinuniversität Wien vermutet allerdings, "dass tatsächlich das Training unseres Immunsystems darunter leidet", wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erläutert.

Dadurch, dass wir immer wieder mit Infektionserregern konfrontiert waren, wurde der Körper praktisch trainiert und konnte gegenüber vielen Pathogenen auch eine gewisse Immunität bilden. Dieser sukzessive Aufbau des Abwehrsystems findet tagtäglich schon ab dem Kindesalter statt. Aber nicht nur das Immunsystem als solches verändert sich, sondern eben auch die gesamte bakterielle Zusammensetzung in unserem Körper. Durch Umwelteinflüsse jeglicher Art wird dieses Mikrobiom laufend modifiziert. "Dazu gehört auch sozialer Kontakt."

Hauseigene Bakterienkultur

Untersuchungen haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass etwa Personen, die im gleichen Haushalt leben, ein ähnliches Mikrobiom aufweisen. Werden die Berührungspunkte zu anderen Menschen maßgeblich weniger, reduziert sich daher auch die Vielfalt dieser Bakterienkultur. Das bedeute jedoch nicht, dass das Abwehrsystem selbst schlechter ist oder wird, räumt der Experte ein. Auch muss diese Entwicklung nicht krankhaft oder krankmachend sein. Aber in jedem Fall handelt es sich um eine stattfindende Veränderung.

Sieht man genauer hin, sind die Einflussgrößen noch viel weitreichender. Grundsätzlich verursacht auch eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine Anpassung des Mikrobioms. So wisse man definitiv, dass auch sportliche Aktivität oder Couch-Potato-Dasein einen Einfluss auf die Diversität der Bakterien im Darm haben, erklärt der Experte.

Mit den Maßnahmen, die im Zuge der Corona-Pandemie mittlerweile zum Alltag geworden sind, sind vielfach auch die Ernährungsgewohnheiten andere geworden. Die Gasthausküche hat schon seit einiger Zeit kaum noch einen Einfluss. Vielmehr entscheiden hauseigen Frischgekochtes oder Instantprodukte über die Bakterienzusammensetzung und damit auch über den Status unseres Immunsystems.

Grippe ausgeblieben

Seit Monaten lässt sich beobachten, dass die Menschen weniger krank sind. Die Konfrontation mit bösartigen Erregern wie etwa Grippeviren findet erst gar nicht statt. Schon im letzten Sommer war zu beobachten, dass sich die Influenza auf der Südhalbkugel einfach nicht präsentierte. Die Situation auf der Nordhalbkugel entwickelte sich wenig überraschend gleichermaßen. Die Kombination von Social Distancing, Masken und Grippeimpfung scheinen diesen Effekt erzielt zu haben, sagt Steininger. Zeitgleich bauen wir dadurch aber auch keine natürliche Immunität gegen Influenzaviren auf. Welche Auswirkungen das haben kann, lässt sich noch nicht beantworten.