Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie sind nicht wenige Arztpraxen ausgedünnt. Was wie ein Oxymoron klingt, wird bei näherer Betrachtung klarer. Obwohl eine hochansteckende Erkrankung die Runde macht, sind weniger Menschen beim Arzt anzutreffen. Oder auch gerade deswegen. Einige Mediziner sind mittlerweile dazu übergegangen, mit ihren Patienten per Videochat zu konferieren. Das bringt Vorteile, ist allerdings nicht in allen Fachbereichen und nicht bei jedem Krankheitsbild möglich. Wann Telemedizin Sinn macht und wie sie heute umgesetzt wird, darüber hat die "Wiener Zeitung" mit der Wiener Allgemeinmedizinerin Alexandra Lang-Adolph gesprochen.

Telemedizin "ist ein sehr gutes Angebot, wenn man sich - gerade in Zeiten wie diesen - den Weg ersparen kann und ärztlichen Rat bekommt, ohne eine Anfahrtsstrecke etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln in Kauf nehmen zu müssen. Manche Menschen sind derzeit besonders ängstlich, wenn sie auf der Straße unterwegs sind", betont die Ärztin.

Wie eine Studie der Universität Innsbruck und der Fachhochschule Krems ergeben hat, ist die Akzeptanz von Online-Rezepten und telefonischen Krankschreibungen sowohl unter den Patienten als auch den Ärzten hoch. 80 Prozent der Patienten gaben eine sehr hohe oder eher hohe Bereitschaft an, in Krisenzeiten telefonisch oder digital betreut zu werden. Auch die rund 20.000 befragten Ärzte sehen großes Potenzial für die telemedizinische Versorgung - vor allem in Pandemiezeiten.

Rezepte und Krankmeldung

Zwar sind virtuelle Arztbesuche nicht für jedes medizinische Problem geeignet, dennoch können viele gesundheitlichen Beschwerden mittels Videotelefonie besprochen und auch behandelt werden. Mittlerweile wurden auch schon eigene Apps ins Leben gerufen, über die Mediziner Konsultationen anbieten. Einmal angemeldet, startet der Videocall mit dem Arzt im Idealfall sofort.

"Wir können Rezepte für alle Medikamente, die sich in der grünen und gelben Verschreibungsbox befinden, ausstellen", skizziert Lang-Adolph, ärztliche Leiterin des Telemedizin-Anbieters "drd doctors online". Der Dienst kann als App heruntergeladen werden. Zudem können direkt Überweisungen zu einem Facharzt oder für Blutuntersuchungen an ein Labor getätigt werden und Krankmeldungen von bis zu drei Tagen erfolgen.

Körperliche Untersuchungen können selbstverständlich nicht per Videochat stattfinden. Deshalb hat die Telemedizin auch ihre Grenzen. Nämlich dann, wenn es um bestimmte Facharztbereiche geht, wo der direkte Kontakt mit dem Arzt notwendig ist. Dennoch sind laut der Umfrage der Universität Innsbruck Fachgebiete wie psychische Erkrankungen, Reisemedizin, Vorsorgemedizin, Impfauskunft, Dermatologie und das Einholen von Zweitmeinungen besonders für die Telemedizin geeignet. Auch für Kinder ist ein Dienst dieser Art mitunter sinnvoll. Werden Kinder krank, so fällt das nicht selten auf ein Wochenende. Ein Grund, warum wohl ein Ziel auch die Ausweitung der Ordinationszeiten sein sollte. Der drd-Dienst steht derzeit wochentags von 9 bis 17 Uhr zur Verfügung. Ein weiterer Anbieter ist etwa lilo.health.

Telemedizin als Zusatz

Der Einsatz von Apps ist in Österreich derzeit noch begrenzt. "Die eingefahrenen Kostenstrukturen im Gesundheitssystem und die verschiedenen Ansprechpartner sind für die App-Anbieter eine Markteintrittsbarriere", erklärt Christof Pabinger, Präsident der Telemed Austria in einer Aussendung. Die Plattform ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel, die Telemedizin in Österreich weiter voranzubringen.

Ganz so einfach ist die Umstellung von persönlicher Konsultation hin zum Videocall auch für den Arzt nicht. "Es bedarf eines besonderen Einfühlungsvermögens", betont Lang-Adolph. Man müsse sich auf den Patienten anders einlassen, wie wenn man ihm gegenübersitzt, und Mimik und Gestik gut beurteilen können. "Man muss gezielt Fragen stellen, um ein umfassendes Bild zu bekommen. Das bedeutet Übung für den Arzt." Dazu gibt es mittlerweile auch eigene Fortbildungen.

Die Online Doctors von drd sind unterdessen auch Kooperationen mit Wiener Apotheken eingegangen, die Kunden in separaten Räumen einen Computer zur Verfügung stellen, mit dem sie sich verbinden können. Das Rezept bekommt der Patient dann in die Apotheke seiner Wahl geschickt.

Als Arztpraxis der Zukunft sieht Alexandra Lang-Adolph die Telemedizin allerdings nicht. "Sie ist als Zusatz wichtig und gut, kann den Arzt per se aber nicht ersetzen." Vieles lässt sich auch auf die Ferne gut behandeln, doch gibt es Situationen, da ist es unumgänglich, dass der Patient einfach auch persönlich beim Mediziner anwesend ist.