Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen Familien vor enormen Herausforderungen. Die qualitative österreichweite Längsschnittstudie "Eltern und die Covid-19 Pandemie" läuft seit März 2020 und zeigt die Auswirkungen der Lockdowns auf Familien. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" spricht die Soziologin Ulrike Zartler von der Uni Wien über ihre Studie und die aktuelle Lage.

"Wiener Zeitung": Sie haben gleich zu Beginn des ersten Lockdowns, im März 2020, mit der Erhebung von Daten begonnen. War es Forscherneugier oder haben Sie schon geahnt, dass das Thema an Bedeutung gewinnen wird?

Ulrike Zartler ist Familiensoziologin an der Universität Wien. privat
Ulrike Zartler ist Familiensoziologin an der Universität Wien. privat

Ulrike Zartler: Das war Neugier als Forscherin - durchaus beeinflusst von Journalistenanfragen. Sie wollten wissen, ob es Studien darüber gibt, wie sich ein Lockdown auf Familien auswirkt. Es gibt zwar Studien über frühere Epidemien, aber es gab keine Daten über diese außergewöhnliche Situation. Ich dachte mir, wenn es keine Studie gibt, dann mach ich selbst eine. Nicht im Traum hätte ich - so wie viele andere - daran gedacht, dass das so lange dauern wird. Und dass wir uns ein Jahr später noch viel intensiver damit auseinandersetzen werden.

Welche Herausforderungen waren damals die größten für Familien?

Im ersten Lockdown war eine der größten Herausforderungen, die Umstellung organisatorisch hinzubekommen. Das Familienleben so zu organisieren, dass es ohne Kinderbetreuung, Schule, ohne Tagesstruktur, gewohnten Arbeitsplatz und räumliche Trennung von Beruf, Schule und Privatleben funktioniert. Familienorganisation ist ja schon in Nicht-Corona-Zeiten nicht gerade trivial. Die Eltern haben sich bemüht, viele Strategien entwickelt und sehr viel geschafft. Sie hatten viele Rollen zu bewältigen und vor allem die Frauen haben viel übernommen: Sie waren bzw. sind nach wie vor Mütter, Arbeitnehmerinnen, Lehrerinnen, Kindergartenpädagoginnen, Haushälterinnen, Köchinnen, Spielpartnerinnen für die Kinder. Das führte auch zu Konflikten. Eltern haben auch Ängste entwickelt. Einerseits die Angst vor Bildungsverlusten, aber auch vor psychischen Auswirkungen auf die Kinder.

Welche Herausforderungen sind es heute?

Die Motivation ist abhandengekommen. Ich mag nimmer, heißt es vielfach von den Eltern. Sie sind erschöpft. Diese Erschöpfung war schon im Frühsommer 2020 zu spüren. Trotzdem haben die Eltern einen riesengroßen Beitrag geleistet, dass die Gesellschaft während der Pandemie aufrechterhalten blieb. Sie mussten auch für emotionale Stabilität sorgen - nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder. Wir befinden uns in einem emotionalen Ausnahmezustand. Das Wesen einer Ausnahme wäre, dass es eben eine Ausnahme ist. Jetzt müssen wir überlegen, wie wir das weiter unter diesen Rahmenbedingungen, die wir zwar schon kennen, stemmen können, ohne "uns die Schädel einzuschlagen", wie es eine Mutter formuliert hat.

Sie sitzen heute auf einem enormen Datenschatz. Welche sind die zentralen Ergebnisse Ihrer Erhebung?

Es ist wichtig, den Beitrag der Eltern sichtbar zu machen. Sie waren und sind gefordert, ihren Alltag komplett umzustellen und unglaublich flexibel zu sein, gleichzeitig wird das meist nicht wahrgenommen. Es ist notwendig, den Eltern die entsprechende Wertschätzung zukommen zu lassen. Anerkennung kann auch ein Gefühl von Stärke, Resilienz und Zusammenhalt erzeugen. Oft haben Eltern ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn sie schulische Betreuung in Anspruch genommen haben. Das politische Signal war ja: Nur, wenn Eltern es nicht mehr aushalten, sonst bitte nicht. Im Zeitverlauf ist die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder umfassend zu betreuen, geringer geworden. Vor allem dann, wenn Urlaubstage fehlen und die Sonderbetreuungszeit aufgebraucht ist. Die Bedürfnisse der Kinder hatten eine hohe Priorität und wurden der Arbeit vorangestellt. Aber um den Preis, dass die eigenen Bedürfnisse massiv eingeschränkt wurden. Das betrifft Schlaf, Regeneration, Entspannung, aber auch Essen. Und einen großen Teil der Arbeit haben, teilweise unter schwierigen Bedingungen, die Frauen übernommen.

Gibt es Veränderungen, die das Familienbild der Zukunft prägen?

Die Geschlechterrollen haben sich nicht dramatisch geändert. Eher sehen wir eine Verstärkung hin zur traditionellen Aufteilung von Aufgaben. Was sich möglicherweise verändern wird, ist der Umgang mit Nähe. Wir haben alle gelernt: Wenn ich jemanden liebe, halte ich Abstand. Physischer Abstand bedeutet aber auch immer emotionaler Abstand. Da wird die Frage sein, wie schnell wir uns umstellen können. Auch wenn man an Vorbereitungen wie freiwillige Selbstquarantäne denkt, um ein Familienmitglied zu treffen. Heute ist es nicht so unbeschwert, zu sagen, das Wetter ist schön, besuchen wir die Oma. Entwickelt sich die Pandemie, so wie es aussieht, werden die Dinge womöglich so bleiben.

Hat sich der Wert von Familie durch die Pandemie gewandelt?

Wir hören von unseren Interviewpartnern und -partnerinnen schon, dass ihnen stark bewusst geworden ist, wie wichtig ihnen die Familie ist. Sowohl die eigenen Kinder als auch die Herkunftsfamilie, die man über viele Wochen oder sogar Monate nicht treffen konnte.

Was brauchen Familien jetzt?

Eltern mit Kindern brauchen vor allem klare Regeln - zumindest erkennbare Konzepte. Schule auf, Schule zu - da ist bei den Eltern durchaus der Eindruck entstanden, dass Konzepte fehlen. Sie brauchen auch Sicherheit in Bezug auf die rechtliche Ebene von Homeoffice, Pflegeurlaub, Kinderbetreuung. Dazu ist Verständnis von den Arbeitgebern nötig. Familien brauchen zudem materielle Absicherung. Absicherung und verlässliche Informationen sind auch für Kinder wichtig. Den Eltern ist es zunehmend schwergefallen, ihren Jüngsten diese Inkonsistenzen zu erklären. Der Job der Eltern ist es auch, ihre Jüngsten mit altersadäquaten Informationen zu versorgen. Aber nicht mit solchen, die Angst machen. Der emotionale Zustand der Kinder hat sich verschlechtert. Bettnässen, Albträume, Aggression und depressive Verstimmungen haben zugenommen. Wir brauchen ein therapeutisches Angebot. Therapieplätze sind absolute Mangelware. Wenn wir für Kinder und Eltern kein - vor allem niederschwelliges - Angebot haben, das jene unterstützt, die es brauchen, wird das Folgen haben.

Was hat sich als positiv erwiesen?

Es ist großartig, was die Familien geschafft haben. Sie haben einen großen Beitrag geleistet, jedoch zu einem hohen Preis. Sie haben ein ganzes Pandemiejahr als Familien erlebt, überlebt und sind mit den unglaublichen Herausforderungen gut umgegangen. Die Familien brauchen jetzt endlich die gesellschaftliche Wertschätzung und die Zusicherung, dass, wenn Probleme auftreten, es auch Lösungen gibt. Eltern haben nicht mehr die Möglichkeit, noch mehr kreative Lösungen zu suchen. Sie waren die große unsichtbare Kraft im Hintergrund. Nun ist es an der Zeit, sie vor den Vorhang zu holen.