Leider sind viele der vorhandenen Daten nicht systematisch erhoben worden, sondern bieten überwiegend anekdotische Evidenz, also Belege aufgrund von Erfahrungsberichten aus Kliniken und Krankenhäusern, von Ärzten und Betroffenen. Dennoch zeichnet sich auf Basis der wenigen Studien ab: "Long Covid", die Vielzahl der verstörenden Symptome, die nach einer Erkrankung an Covid-19 bleiben, betreffen Frauen häufiger und in anderer Weise.

Im März konnte die sogenannte "Phosp-Studie" aus Großbritannien zeigen, dass Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die wegen einer Covid-Erkrankung im Krankenhaus waren, noch Monate danach überdurchschnittlich häufig Krankheitssymptome zeigten. Auf Platz eins das Long-Covid-Symptom schlechthin: chronische Müdigkeit, "Fatigue". Alexandra Kautzky-Willer, Gendermedizinerin an der MedUni Wien, ist nicht überrascht: "Frauen sind generell stärker betroffen von Fatigue, von Depressionen und Angststörungen", sagt sie. Dennoch sind die bisherigen Erkenntnisse alarmierend. Mit Long Covid zeichnet sich eine Gesundheitskrise ab, die weiblich ist und nicht zuletzt deshalb enorme soziale Folgen haben wird: "Es betrifft sehr viele, es ist mit Arbeitsunfähigkeit verbunden und hat ökonomische Auswirkungen, ganz abgesehen von der Belastung für die Frauen, die Familien und letztlich für das Gesundheitssystem", so Kautzky-Willer.

Eben nicht wie die Grippe

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 ist nicht mit der vertrauten Grippe vergleichbar: Wer mit einem Influenza-Virus infiziert war, ist nach 14 Tagen wieder völlig gesund. Wer an Long Covid leidet, das betrifft zwischen zehn und 25 Prozent der Covid-Erkrankten, also mindestens 60.000 Menschen in Österreich, hat über Wochen oder Monate zumindest eines von fünfzig Symptomen, die von Haarausfall über Herzmuskelentzündung bis zu Kopfschmerzen reichen und alle Organe betreffen können. Long Covid verlängert in gewisser Weise die akute Erkrankung. Auffällig sind die neurologischen Störungen. Fatigue dominiert: In einer Meta-Analyse berichten 58 Prozent von diesem Syndrom, das Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Depression umfasst. "Die Erschöpfung ist nicht durch Ausruhen oder Schlaf zu beheben", wie der Neurologe Markus Hutterer erklärt. Er arbeitet am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz. Das Spital wird ab Mai eine Patientenakademie zum Thema Long Covid abhalten.

Wie Hutterer meint auch Kautzky-Willer, dass gerade die psychischen und kognitiven Folgen von Covid-19 unterschätzt würden. Zwar sind Belastungsstörungen nach Aufenthalten auf einer Intensivstation bekannt, auch weiß man, dass nach Virus-Infektionen ein "postvirales Müdigkeitsyndrom" auftreten kann. Es kommt allerdings nicht mit dieser Regelmäßigkeit wie bei Sars-CoV-2 vor. Der pandemiebedingte Stress - psychische Belastungen durch Lockdowns, Homeoffice und finanzielle Sorgen - verstärken die Symptome. Für die Ursachenforschung heißt dies: "Mit Alter und Geschlecht allein kommen wir nicht weiter", so Kautzky-Willer. Die Ursachen liegen noch im Dunkeln: Sars-CoV-2 scheint die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, man weiß, dass das Virus Gefäßschädigungen und komplexe Immunreaktionen hervorruft.

Viele Gene, die für das Immunsystem relevant sind, liegen auf dem X-Chromosom. Frauen sind daher mit vielfältigeren Abwehrmechanismen ausgestattet. Sie erkranken seltener an Infektionen, sind aber anfälliger für Autoimmunerkrankungen. Sars-CoV-2 scheint nun aber die Neigung zu Autoimmunreaktionen zu verstärken. Der Neurobiologe Gregor Wenning von der Universität Innsbruck berichtet etwa, dass häufiger ein sogenanntes Posturales Tachykardiesyndrom (Pots) diagnostiziert werde, ein erhöhter Pulsschlag, der zu Ohnmacht führen kann, vornehmlich bei jungen Frauen. Kautzky-Willer sieht in dem Immunsystem- und Autoimmun-Konnex einen möglichen Ansatzpunkt, um zu erklären, warum Frauen von Long Covid stärker betroffen sind. "Man sieht, dass man nicht beide Geschlechter in einen Topf werfen kann. Wichtig ist, dass wir mehr Daten bekommen."