Ab hier muss der Mensch allein klarkommen: Ein Hund vor einem Wahllokal in Harltepool, Großbritannien. - © Apa / Reuters / Lee Smith
Ab hier muss der Mensch allein klarkommen: Ein Hund vor einem Wahllokal in Harltepool, Großbritannien. - © Apa / Reuters / Lee Smith

Hunde bellen, zerkauen Schuhe, streiten sich mit Artgenossen, pinkeln dorthin, wo sie nicht sollen, ziehen an der Leine, wollen raus, wenn man gerade nicht kann, oder partout nicht raus, weil es gerade regnet oder die Sonne scheint, sie schnarchen und furzen, wenn Gäste da sind, und lernen schnell, Türen zu öffnen, aber kein Sitz oder Platz: Wer glaubt, Hunde seien stressig, liegt aber falsch. Wie eine Studie der Washington State University zeigt, wirken Hunde im Gegenteil beruhigend und machen einen deshalb sogar schlauer: Um leichter zu lernen und generell besser denken zu können, reicht es schon, regelmäßig mit einem Hund zu tun zu haben, mit ihm zu spielen oder ihn zu streicheln.

Magische Berührung

Cortisol ist ein Stresshormon, das im Blut nachgewiesen werden kann. Es signalisiert unmittelbaren akuten Stress und lässt den Blutdruck steigen, das Herz rasen und kann unter Umständen Angstgefühle verursachen. Bleibt der Cortisol-Spiegel erhöht, ist das auf Dauer schlecht, besonders für Herz und Seele, akut verlangsamt Cortisol das Denken.

Nun sinkt der Cortisolspiegel eines Menschen bereits ab, sobald die menschliche Hand einen Hund berührt: Patricia Pentry, eine der Forscherinnen der aktuellen Studie, wusste diese bereits aus einer ihrer früheren Studien, wo sie zeigen, dass schon zehn Minuten Streicheln ausreichen, um den Cortisol-Spiegel gestresster Studierender auf ein normales Maß abzusenken - zumindest für 35 Minuten.

Könnte der Effekt auch länger anhalten, wenn man die Zeit mit den Hunden verlängert oder regelmäßige Interaktionen ermöglicht? Pentry und ihre Forschungskollegen rekrutierten 309 Studierende und eine ungenannte Anzahl von Therapiehunden. Die Studierenden eines Colleges befanden sich in der jeweils stressigsten Phase kurz vor wichtigen Prüfungen. Während eines Zeitraums von drei Jahren wurden diese Studierenden nach dem Zufallsprinzip auf verschiedene Programme zur Vermeidung von Stress und Studienversagen, wie es sie in den USA an den Colleges häufiger gibt, verteilt. Die Teilnehmenden der "Hundegruppe" bekamen die Gelegenheit, regelmäßig mit den Therapiehunden zu spielen, sie zu streicheln oder einfach nur in ihrer Gegenwart zu sein. Andere Gruppen nahmen an Workshops zur Stressbewältigung teil, in denen man ihnen Techniken der Stressregulation erklärte, etwa, auf ausreichend Schlaf zu achten und sich erreichbare Ziele zu setzen.

Bei allen Teilnehmenden in der Gruppe mit den Hunden verbesserten sich die kognitiven Fähigkeiten. Die Studierenden konnten leichter planen, ihre Aufgaben besser strukturieren und organisieren. Sie konnten sich länger konzentrieren und waren sogar motivierter.

In der "Workshop-Gruppe" gab es keine vergleichbar guten Ergebnisse: Pentry vermutet, dass dies daran liegen könnte, dass die Workshops wie Unterricht erlebt wurden und daher noch mehr zum Stress beitrugen, statt ihn zu reduzieren, während mit den Hunden jeglicher Leistungsdruck schwand. Diese Wirkung hielt sechs Wochen lang an - messbar am niedrigen Cortisolspiegel. Studierende, die zusätzlich zum Prüfungsstress auch psychologische Erkrankungen hatten, profitierten dabei am meisten von den Therapiesitzungen mit den Hunden. Diejenigen, die ein hohes Risiko hatten, vor dem Abschluss abzubrechen, gelang trotz der Hürden ein Studienerfolg.

Die Liste der Vorteile und Wohltaten, die Hunde für den Menschen haben, wird also immer länger: Hundebesitzer haben ein längeres Leben, wer mit Hund lebt, lebt in der Regel gesünder und eventuell sogar in einer glücklicheren Beziehung und nun offenbar auch in kluger Gelassenheit.

Ob Hunde ähnlich viel von unserer Gesellschaft haben? Der Neurowissenschafter Gregory Berns hat sich dieser Frage in verschiedenen Studien, unter anderem mittels Magnetresonanztomografie immer wieder genähert. Er trainierte zahlreiche Hunde, damit sie lernten, ruhig in einer MRT-Röhre zu liegen, sodass ihre Gehirnaktivität aufgezeichnet werden konnte. In einem erstaunlichen Versuch ging es darum, herauszufinden, ob Hunde mehr Wert auf ein Leckerli legen oder auf ihren Menschen. Es ist nicht das Leckerli, das gewinnt. Präsentiert man den im MRT liegenden Hunden eine Belohnung in Form von Essen, sieht man die Belohnungszentren zwar aktiv werden, aber lang nicht so stark wie bei einem Lob durch ihren Menschen. Es ist für Hunde also vermutlich auch der Kontakt, der zählt.