"Zucker" ist nicht "Zucker". Bei der Volkskrankheit gibt es - abseits der rohen Unterteilung in Typ-1-und Typ-2-Diabetes - nach neuesten Forschungen viele verschiedene Formen. Die moderne "Präzisionsmedizin" soll hier durch personalisierte Diagnose und Therapie die Gefahr für Betroffene reduzieren, hieß es aus Anlass des Deutschen Diabetes-Kongresses, wie der Präsident der Online-Veranstaltung, der Salzburger Spezialist Hendrik Lehnert, jetzt erklärte.

"Die Idee einer Präzisionsmedizin ist nicht neu. Schon immer war es das vor allem therapeutische Anliegen von Ärzten, die individuellen biografischen Charakteristika von Patienten zu erkennen und eine möglichst maßgeschneiderte Behandlung anzuwenden. Aber erst in den vergangenen Jahren (...) haben die Verfügbarkeit von 'Big Data', beispielsweise aus elektronischen Krankenakten, und von bioinformatischen Methoden dazu geführt, Erkrankungen in immer subtilere Cluster zu differenzieren und mit geeigneten genetischen und Biomarkern, bildgebenden Methoden und präziser Typisierung eine bessere Prävention, Therapie und Prognose zu ermöglichen", sagte Lehnert, Diabetologe und auch Rektor der Universität Salzburg. Der Kongress begann Mittwochnachmittag.

Sterblichkeit seit 2000 um 70 Prozent gestiegen

Seit jeher wird in der Diabetologie zwischen von Beginn der Erkrankung zu unterscheidendem "insulinpflichtigen" Typ-1-Diabetes (ehemals: juveniler Diabetes) und dem nicht-insulinpflichtigen Typ-2-Diabetes (ehemals: "Altersdiabetes) unterschieden. Doch die Vielzahl der Patienten spiegelt offenbar ein ganzes Bündel an verschiedenen Erkrankungsformen. In Österreich gibt es rund 800.000 Diabetes-Fälle. 300.000 Betroffene wissen nicht von ihrer Krankheit. Hinzu kommen noch geschätzte 700.000 Personen, die Frühdiabetes haben. Die Sterblichkeit an den Folgen der "Zuckerkrankheit" ist in Österreich seit dem Jahr 2000 um 70 Prozent gestiegen.

Sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetes kündigt sich durch die zunehmende personalisierte Medizin eine Revolution an, bei der Diagnose und Therapie immer genauer an die individuelle Erkrankungsform angepasst werden. Beim Typ-1-Diabetes mit rund zehn Prozent der Zuckerkranken, der auf der Zerstörung der Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse durch Autoimmunprozesse gegen die Beta-Zellen basiert, zeigt die Entwicklung von Antikörpern von Patient zu Patient unterschiedliche Charakterstika. Lehnert: "Für den Typ-1-Diabetes beispielsweise finden sich erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Zeitpunktes und des Auftretens und der Art der Antikörper." International wir nach Möglichkeiten geforscht, die immunologischen Prozesse, welche zur Zerstörung der Beta-Zellen verhindern oder zumindest verzögern sollen.

Echter Durchbruch rund um Typ-2-Diabetes

Einen echten Durchbruch haben vor allem deutsche Wissenschafter rund um den Typ-2-Diabetes erzielt. Der in Salzburg tätige Diabetologe: "Umfangreiche Studien innerhalb des Deutschen Zentrums für Diabetes konnten mithilfe von Clusteranalysen bei Patienten mit einem Typ-2-Diabetes nachweisen, dass unterschiedliche Subgruppen auch ein unterschiedliches Risiko für Diabetes-assoziierte Erkrankungen aufweisen." Typ-2-Diabetes macht rund 90 Prozent der Fälle von Zuckerkrankheit aus.

Weltweit für Aufsehen gesorgt haben dabei erst vor kurzem Wissenschafter um Robert Wagner von der Universitätsklinik Tübingen mit einer wissenschaftlichen Arbeit in "Nature Medicine" gesorgt. Die Autoren identifizierten unter Personen mit Hinweisen auf drohenden Typ-2-Diabetes sechs unterschiedliche Gruppen von Betroffenen. Die Wissenschaftergruppe hatte den Stoffwechsel von noch als gesund geltenden 899 Personen mit Prädiabetes detailliert untersucht.

"Wie beim manifesten (ausgebrochenen; Anm.) Diabetes gibt es auch im Vorstadium des Diabetes unterschiedliche Varianten, die sich durch Blutzuckerhöhe, Insulinwirkung und Insulinausschüttung, Körperfettverteilung, Leberfett sowie genetischem Risiko unterscheiden", hat Wagner zu der Studie erklärt. Drei der Gruppen zeichnen sich durch ein niedriges Diabetes-Risiko aus: Sie sind gesund, einer Gruppe gehören schlanke Menschen an. Diese haben ein besonders niedriges Risiko, an Komplikationen zu erkranken. Den vierten Subtyp bilden übergewichtige Menschen, deren Stoffwechsel jedoch noch relativ gesund ist.

Drei Gruppen haben offenbar erhöhtes Risiko

Die drei übrigen Gruppen gehen offenbar mit einem erhöhten Risiko für Diabetes und/oder Folgeerkrankungen einher. Personen mit einer zu geringen Insulinproduktion haben demnach ein hohes Risiko, zuckerkrank zu werden. Eine zweite Gruppe umfasst Personen mit sogenannter nicht-alkoholischer Fettleber. Auch sie haben ein sehr hohes Diabetes-Risiko, weil ihr Körper resistent gegen die blutzuckersenkende Wirkung von Insulin ist. Bei der sechsten Gruppe treten bereits vor einer Diabetes-Diagnose Schädigungen der Nieren auf. Bei diesen Personen ist auch die Sterblichkeit durch Diabetes besonders hoch. Die Zuckerkrankheit ist besonders durch die auftretenden Gefäßschäden (Herz, Nieren, Netzhaut, Beine etc.) langfristig gefährlich.

Jetzt kommt es darauf an, wie schnell Früherkennung und Therapie von Diabetes an diese Erkenntnisse in der täglichen Praxis der Versorgung der Diabetiker angepasst werden. Lehnert: "Zukünftig werden und müssen die immensen Fortschritte, die mit der Differenzierung des Prä-Diabetes und Diabetes in unterschiedliche Cluster mit zum Teil sehr unterschiedlicher Prognose erzielt worden sind, auch in unterschiedliche diätetische und medikamentöse Strategien übersetzt werden." (apa)