Es klingelt, summt, brummt, pfeift oder zischt und niemand, außer einem selbst, kann es hören. Die Rede ist von Tinnitus, einer Funktionsstörung des Innenohrs, die vermutlich in den Nervenbahnen generiert wird. In Umfragen geben zehn bis zwölf der Erwachsenen an, Ohrengeräusche , die über fünf Minuten andauerten, schon gehabt zu haben. Aber auch Kinder und Jugendliche sind betroffen. Genaue Zahlen, wie viele Menschen unter einer Dauerbelastung - über Wochen, Monate oder gar Jahre hinweg - durch Tinnitus stehen, gibt es nicht.

Mediziner und Hörakustiker stellten allerdings in den letzten Monaten fest, dass die Anzahl der Betroffenen um etwa 20 Prozent gestiegen sein dürfte. Die mit der Corona-Pandemie und all ihren Maßnahmen einhergehenden psychischen Belastungen, aber auch Covid-19 selbst dürften maßgeblich für den Anstieg verantwortlich sein, wie David Vogelhuber, Hörakustikmeister und Geschäftsführer von United Optics Vogelhuber, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erläutert.

Wo das Geräusch selbst entsteht, ist medizinisch noch gar nicht eindeutig abgeklärt. Eine Minderdurchblutung der feinen Gefäße im Innenohr könnten zu einer Unterversorgung des Systems führen mit entsprechender Reaktion, beschreibt die Wiener Allgemeinmedizinerin Sabine Dittrich. Auch massive Einwirkungen von außen, wie etwa extrem laute Konzerte, können ein Trigger für Tinnitus sein.

Geräuschfilter defekt

Für gewöhnlich filtert unser Gehirn Geräusche, die der Organismus selbst produziert. Man denke etwa an den Herzschlag. Sonst würden wir den ganzen Tag unseren Puls hören. Doch das Klingeln im Ohr ist davon ausgenommen. Es wird vermutet, dass ein hoher Stresslevel und damit eine gesamtheitlich starke Belastung zu diesem Symptom führen kann. Hinzu kommen mitunter hoher Blutdruck und Verspannungen. "Der klassische Patient ist der hausbauende Familienvater, der noch dazu mit massivem Stress in der Arbeit konfrontiert ist", sagt Dittrich. "Die meisten Tinnitus-Fälle treten zwischen 40 und 50 Jahren auf - in einer Lebensphase, die mit einer starken Belastung von Familie und Beruf einhergeht", bestätigt auch Vogelhuber. Die Corona-Pandemie mit all ihren Maßnahmen und damit Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele, dürfte das ihrige dazu beigetragen haben, dass die Anzahl der Fälle zugenommen hat, betonen beide Experten. Tinnitus ist aber mittlerweile auch als ein mögliches Symptom des Long-Covid-Syndroms zutage getreten.

Die erste Anlaufstelle beim Ohrensausen ist zumeist der HNO-Arzt - zu Recht. Denn vielen Betroffenen ist nicht bewusst, dass mit dem Tinnitus häufig auch ein Hörverlust einhergeht.

Mediziner konnten zuletzt zwei Trend beobachten: Einerseits hat sich bei einer großen Anzahl an Menschen die berufliche Situation mit einhergehenden finanziellen Verlusten verändert. Andererseits ist die Bereitschaft zur Prävention gestiegen. Im Fall des Tinnitus hat die Medizin kein Mittel zur Hand, das garantiert das Ohrensausen zum Verschwinden bringt. In der Schulmedizin gebe es gute Daten mit hoch dosiertem Cortison, das in den ersten 24 bis 48 Stunden des Auftretens, "sehr gut hilft", betont Dittrich. Zudem lässt sich komplementärmedizinisch Abhilfe schaffen. Mit orthomolekularer Medizin, Akupunktur oder Phytopharmaka konnten schon gute Ergebnisse erreicht werden. Die Lebenssituation und der Lebensstil sind ebenso wichtige Komponenten.

Vielfältiges Erscheinungsbild

Wenn der Tinnitus nicht zum Verschwinden gebracht werden kann, sei es wichtig, "den Patienten darin zu unterstützen", dass er damit leben kann. Viele Patienten sind damit einer vermehrten psychischen Belastung ausgesetzt. "Es ist nie Ruhe im Kopf. Aber wir Menschen sind so gestrickt, dass wir unsere Ruhephasen brauchen", betont die Medizinerin. Das Erscheinungsbild des Tinnitus ist sehr vielfältig und kann sich auch im Rahmen einer Therapie verändern. Die genaue Belastung des Patienten ist nicht messbar. Skalen, wie man sie aus der Schmerztherapie kennt, können über die Intensität Auskunft geben. Mit einem Tinnitus gehen häufig auch Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder bei Frauen ein unregelmäßiger Zyklus einher, weiß Dittrich. Es sei wichtig, sich das Gesamtbild anzuschauen. Vielleicht ist der Tinnitus noch ein zusätzliches Symptom und Warnzeichen des Körpers, um gehört zu werden, stellt die Medizinerin in den Raum.

Ein begleitender Hörverlust lässt sich durch Hörsysteme ausgleichen, betont Vogelhuber. "Bietet man dem Ohr die Geräusche wieder lauter an, wird der Tinnitus oft gar nicht mehr gehört." Hörsysteme mit eigener Tinnitusfunktion können sogar ein als angenehm empfundenes Geräusch simulieren und damit das Ohrensausen übertönen, so der Experte. Eigene Tinnitus Masker kommen auch ohne dem Vorliegen eines Hörverlusts erfolgreich zum Einsatz, betont der Hörakustiker.

Ziel ist es, dem belastenden Sausen den Garaus zu machen. Stressreduzierung beziehungsweise -vermeidung ist wohl das beste Mittel zur Prävention.