Wien. Vor vielen Jahren war Wilfried Feichtinger dem Tod schon einmal sehr nahe. Beim Kentern eines Schiffes auf dem Neusiedler See hatte er sich schon als außerhalb seines Körpers empfunden, eingebettet in tiefen Frieden und alles durchdringende Liebe. Das, so würde er später im privaten Kreis betonen, habe ihm die Angst vor dem Sterben weitgehend genommen. Donnerstagfrüh hat der weltweit anerkannte Wissenschafter die Schwelle zum Tod endgültig überschritten. Feichtinger hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Er verstarb im 71. Lebensjahr im Kreis seiner Familie in Perchtoldsdorf bei Wien.

Feichtinger verfolgte, was ihn begeisterte, mit Überzeugung, Akribie, Weitsicht und Umsicht. Dem "Vater" des ersten "Retortenbabys" in Österreich gelang es als einem der ersten Mediziner weltweit, das damals brandneue Fachgebiet der künstlichen Befruchtung durch In-
vitro-Fertilisation (IVF) zu verstehen und in Österreich zu etablieren. Er wurde am 19. Oktober 1950 in Wien als Sohn einer aus Russland emigrierten Mutter und eines aus dem niederösterreichischen Mistelbach stammenden Vaters geboren. Er wuchs zunächst in Wien und danach im Bezirk Mödling auf. Seine medizinische Laufbahn begann Feichtinger mit dem Studium der Gesamten Heilkunde an der Uni Wien. Unter der Leitung von Hugo Husslein absolvierte er seine Ausbildung zum Frauenarzt.

Der "Vater" vieler Väter

Nach der Geburt von Louise Joy Brown, dem weltweit ersten Retortenbaby, 1978 im britschen Oldham, flog er nach London, um die Methodik der Erfinder der IVF, Patrick Steptoe und Robert Edwards, kennenzulernen. In Wien stellte Feichtinger mit Unterstützung von Husslein einen Antrag beim Forschungsförderungsfonds für den Aufbau eines IVF-Programms an der Frauenklinik. Am 5. August 1982 wurde das erste mit IVF gezeugte Kind Österreichs, Zlatan Jovanovic, geboren. Der kerngesunde Knabe war für Feichtinger, Peter Kemeter und Stefan Szalay ein Riesenerfolg. Das Team war das sechste, dem eine künstliche Befruchtung gelang. Bei dessen zweiter Geburt handelte es sich um die ersten IVF-Zwillinge Europas.

Mitte der 1980er Jahre entwickelte der Universitätsprofessor eine Technik zur ultraschallgezielten Eizellenentnahme, die zur Methode der Wahl wurde. 1984 gründete er das private Wunschbaby Institut in Wien, das seit 2018 von seinem Sohn Michael geleitet wird.

In den 1980er-Jahren stand die IVF in der Kritik, da es keine Belege gab, dass die Zeugung von Nachkommen außerhalb des Körpers keine Schäden verursachen würde. Heute verhilft IVF Millionen von als unfruchtbar geltenden Paaren doch zu Kindern, und sie war die Voraussetzung für revolutionäre medizinische Entwicklungen. Ohne sie gäbe es keine Diagnostik von Eizellen auf genetische Erkrankungen im Frühstadium. Auch die Gen-Schere Crispr/Cas 9, deren Erfinderinnen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, könnte nicht angewandt werden.

Bei aller fachlichen Präzision war Feichtinger ein stets humorvoller, dem Leben zugewandter Mensch, der gutes Essen und Trinken ebenso schätzte wie geistreiche Konversation über praktisch alle Wissensgebiete. Er war in der Lage, die Fähigkeit zur hohen naturwissenschaftlichen Rationalität mit einer kreativen, mystischen Ader zu verbinden. Er war ausgeprägt musikalisch, spielte mehrere Instrumente und war ein passionierter Opern- und Operettensänger. Er sprach mehrere Fremdsprachen fließend, darunter Russisch, Englisch, Italienisch und Französisch. Journalisten vermochte der Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen sein Fachgebiet in leicht verständlichen Worten zu erklären, was ihn zu einem Vermittler von Wissenschaft machte und ihm eine Nebenlaufbahn als Autor ermöglichte. Zuletzt schrieb er in der "Wiener Zeitung" über Herdenimmunität, davor zusammen mit der Autorin dieser Zeilen das Buch "Kinderwunsch und Lebensplan" bei Kremayr&Scheriau, das bei Cambridge Scholars in englischer Sprache erschienen ist.

Wilfried Feichtinger hinterlässt seine Frau Brigitte, sieben Kinder und ebenso viele Enkelkinder.