Ob Louis Daguerre ahnte, dass seine Erfindung ein wesentlicher Bestandteil zwischenmenschlicher Kontakte werden würde? Wohl kaum. Der französische Maler wollte sich als Bühnenbildner verwirklichen. Seine Szenerien, die mit Bild-, Licht- und Toneffekten bereits Anfang des 19. Jahrhunderts multimedial waren, suchte er mit der Camera obscura weiterzuentwickeln.

Bei dieser Technik wird in einem dunklen Raum durch ein Loch in der Wand ein Bild von außen ins Innere reflektiert. Den magisch wirkenden Effekt verstand der Erfinder Nicéphore Niépce auf einer Beschichtung aus lichtempfindlichem Asphalt zu fixieren. Die beiden Männer steckten die Köpfe zusammen, um zu erörtern, wie sie die neue Technik, die den Moment erstmals unvermittelt abbildete, kommerzialisieren könnten. Nach Niépces Tod veröffentlichte Daguerre 1839 sein Verfahren der Daguerreotypie. Die lupenreinen Direktpositive auf versilberten Kupferplatten gelten als erste praktikable Methode und damit als Anfang des Siegeszugs, den die Fotografie um die Welt antrat.

Heute ist das Knipsen allgegenwärtig. Was noch vor 50 Jahren das Privileg jener war, die sich einen Fotoapparat leisten konnten, ist jetzt jedem möglich, der ein Smartphone besitzt. In fast allen Kulturkreisen machen die Menschen digitale Schnappschüsse, sehen die Aufnahmen an, zeigen sie einander, freuen sich gemeinsam darüber und verschicken sie an Freunde, Familie, Kollegen oder Mitglieder von Neigungsgruppen, damit die sich auch freuen können.

Der Mensch ist ja grundsätzlich ein bequemes Tier. Wer den Lift nehmen kann, nimmt seltener die Stufen. Wer einen Fernseher hat, schaltet ihn ein, anstatt Bücher zu lesen. Und wer ein Smartphone hat, schleppt keine Mittelformatkamera mit, selbst wenn sie bessere Fotos macht. Das Gerät vereint zwei grundlegende menschliche Anlagen - Bewahren von Erinnerungen und Kommunizieren - in 140-Gramm. Und weil das alles so leicht ist, knipsen wir mit. Oder?

Fotos stehen für Beziehung

"Die Verfügbarkeit von Smartphones allein erklärt noch nicht die Beliebtheit der Fotografie", sagt der Biologe Kurt Kotrschal, Professor für Verhaltensforschung der Universität Wien und "Wissenschafter des Jahres" 2010. Zusammen mit dem Medienpädagogen Leopold Kislinger von der Universität Linz analysiert er im Fachjournal "Frontiers in Psychology", warum dem so ist. Demnach erfüllt die Fotografie nicht bloß das evolutiv angelegte Bedürfnis sich mitzuteilen, sondern sie trifft geradezu ins Herz dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Zu beachten sei dabei das, was wir ablichten.

"Zwei Drittel der Smartphone-Besitzer fotografieren vor allem Dinge, mit denen sie sich in Beziehung setzen", erklärt Kotrschal: "Wir Menschen sind extrem sozial orientiert und müssen uns immer mit der Welt sowie anderen Menschen und Arten emotional in Beziehung setzen, sonst bekämen wir ein mentales Problem. Wir müssen wissen, woher wir kommen und wo wir hingehören und wie wir zu anderen stehen. Das ist für Individuen und Gruppen überlebensnotwendig." Fotos stellen soziale Verbindung her und stärken sie, schreiben die beiden Forscher. Das Knipsen sei eine "menschliche Universalie" und damit ähnlich bedeutsam wie Sprache, Kochen oder Musik. Mehr noch: Sie ermögliche es Menschen, sich etwas aus ihrer Umwelt anzueignen. "Aus diesem Grund haben Personen mit animistischer Grundgesinnung keine Freude, wenn man den Fotoapparat auf sie richtet. Sie meinen, man raubt ihnen etwas", sagt der Verhaltensforscher.

Wer einen Bildausschnitt aussucht, gibt der Welt einen Rahmen. Die Auswahl der Perspektive legt fest, was an einem Motiv wichtig ist. Den Zeitpunkt, zu dem wir den Auslöser drücken, empfinden wir zumeist als den Höhepunkt einer Situation. Durch Fotografieren geben wir einem Ereignis in der Sekunde unseren subjektiv empfundenen Sinn, der sich im Foto transportieren soll. Wir bannen einen Moment unserer Wahl und machen ihn dauerhaft.

Wer ein Foto besitzt, hat Zugang zu einem Moment, der bereits verflogen ist, und damit eine gefühlte Kontrolle über diesen Moment, welche sehr real wird, wenn er das Bild zum Nutzen oder zum Schaden Anderer publik macht. "Über soziale Medien geben die Leute viel preis. Aber wenn sie zufällig auf einem Foto sind, regieren sie empfindlich. Auch das spricht dafür, dass Fotografie zur mentalen Grundausstattung des Menschen passt", so Kotrschal.

Laut ihren Autoren ist dies die erste Studie, die sich mit Fotografie, traditionell eine Domäne von Kunstgeschichte und Kulturkritik, mit naturwissenschaftlichem Zugang nähert. Der österreichisch-britische Kunsthistoriker Ernst Gombrich erörterte ihre Ausdrucksformen in Bezug auf die bildliche Darstellung und die Möglichkeit, Illusionen zu erzeugen. Die US-Kulturkritikerin Susan Sontag diskutierte unter anderem die Entstehung einer Ästhetik, die es vor der Fotografie gar nicht gab.

Der Welt einen Rahmen geben

Kislinger und Kotrschal sehen sie vielmehr als "Beispiel für Kultur-Ko-Evolution." Soll heißen: Die Fotografie füllt einen Platz, den die Evolution zwar bereits angelegt hatte, der aber erst vor rund 200 Jahren besetzt wurde. So gesehen passe sie "wie der Schlüssel ins Schloss".

Und dennoch haben wir viele Jahrtausende unserer Geschichte ohne die Fotografie verbracht. Um uns in Bildern mitzuteilen, malten wir. Malen ist zwar eine viel stärkere, größere Transformation als das Drücken auf einen Knopf, doch heute noch ist jedes Kind in der Lage, mit Papier und Farben umzugehen. Je älter wir werden, desto weniger Zeit nehmen sich die meisten dafür, Gemälde anzufertigen, und die, die es doch tun, verkaufen sie wenn es geht teuer. "Nicht alle können sich Gemälde leisten und nicht jeder versteht moderne Kunst. Doch selbst archaisch lebende Völker im Urwald begreifen sofort, wie man fotografiert", betonen die Wissenschafter.

Tatsächlich ist es nicht falsch, zu sagen, der Mensch sei ein Jäger und Sammler der Bilder. Denn Fotografieren erfüllt noch ein weiteres Prinzip, das in der digitalen Hast vielleicht untergeht. Es ist der Wunsch, Erinnerungen zu bewahren und abzuordnen. Fotos stehen für die Erinnerung an Erlebnisse. Früher wurden sie bei Dia-Abenden mit Familie und Freunden geteilt. Da wurde der Diaprojektor hervorgeholt, eine Leinwand aufgestellt und das Licht ausgemacht, damit (zumeist) der Vater erzählen konnte, für welche Ereignisse das Foto steht. Jedes Mal wenn der Projektor "klack!" machte, wusste man: Jetzt kommt das nächste Bild.

Fotos können Gelächter auslösen, eben weil sie nicht nur sprichwörtlich mehr sagen als 1.000 Worte. Wenn ich Freunden, die in London leben, erzähle, dass ich auf dem Donauturm war, sagt ihnen das wenig bis nichts. Wenn ich ein Foto schicke, sehen sie, dass der Donauturm hoch ist, mit wem ich dort was gegessen habe, was wir anhatten und wie die Stimmung war. Fotos sind die exaktesten Repräsentanten der Erinnerung. Jeder, der einmal mit Zeugenaussagen zu tun hatte, weiß, dass einem das Gehirn beim Erzählen Streiche spielt. Fotografien aber sind sogar so wirklichkeitsnah, dass sie im Notfall Echtes ersetzen. Während des Corona-Lockdown war das praktisch. Immerhin ermöglichten sie Kontakt durch Sehen.

Und dennoch lässt es sich auch heute noch blendend leben, ohne zu fotografieren. Und freilich überleben. Wenn jemand einen Flugzeugabsturz übersteht, dem ist es wohl herzlich egal, wenn seine Kamera bei dem Desaster kaputt geht. Und auch ohne das Prestigedenken, das Selfies an wichtigen Orten vermitteln, findet man wunderbar seinen Seelenfrieden.