Das menschliche Immunsystem ist von wesentlicher Bedeutung für die Gesundheit des Menschen. Es ist eines der komplexesten Systeme unseres Körpers und hält ihn fit. Ein geschwächtes Abwehrsystem macht krank oder lässt uns leichter krank werden. Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten, Gifte, aber auch krankhaft veränderte körpereigene Zellen haben dann leichteres Spiel. Die Mikroimmuntherapie richtet ihr Augenmerk auf genau dieses Schaltwerk des Organismus und wirkt Störungen in der Immunreaktion entgegen. Sie zielt darauf ab, überschießende Reaktionen herunter zu regulieren und unzureichende Reaktionen herauf zu regulieren. "Es geht darum, das Immunsystem wieder zu trainieren", erklärt die Ganzheitsmedizinerin Ilse Fleck-Václavik im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Hilfe zur Selbsthilfe

In der Therapie selbst kommen immunmodulierende Substanzen natürlichen Ursprungs zum Einsatz. So etwa Zytokine - also Proteine wie Interleukine, Interferone oder Wachstumshormone, die im menschlichen Körper dafür verantwortlich sind, die Immunantwort zu koordinieren. "Kommt es zu einer Entzündung, steigt ihre Anzahl an, um die humorale Abwehr zu lenken oder auch Zellen zu aktivieren, die dann wiederum an der Abwehr teilnehmen. Sie bilden ein Riesenorchester, in dem ganz viele Regelkreise möglichst harmonisch funktionieren sollten", skizziert die Ärztin.

Bei der Mikroimmuntherapie selbst werden Zytokine in niedrigen Dosierungen - low dose oder sogar ultra-low dose - angewendet, um dem Immunsystem eine Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. "Sie trainiert es quasi, wieder selbst effizient zu funktionieren", erklärt Katharina Krüger von der Medizinischen Gesellschaft für Mikroimmuntherapie (MeGeMIT). Diese Dosierungen kommen im Körper auch natürlicherweise vor und bringen den Organismus nicht aus dem Gleichgewicht, sondern in Balance.

Präventiv oder Therapie

Da das Immunsystem bei sehr vielen Krankheiten eine Rolle spielt, gibt es für die Mikroimmuntherapie ein großes Einsatzgebiet. So wird sie etwa bei Infektneigung und Infektionskrankheiten, chronischen Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Allergien, neurodegenerativen Leiden und auch Krankheitsbildern wie Depression oder Burnout unterstützend angewendet.

Die Modulation kann präventiv oder als Therapie zum Einsatz kommen, erklärt Fleck. Als Beispiel nennt sie Allergien. Beginnt man schon vor der Saison - also bevor noch erste Pollen auftreten -, ist das Immunsystem dann im Akutfall ausgeloteter. Startet man früher, lasse sich damit der schulmedizinische Medikamentenverbrauch reduzieren, weiß die Medizinerin aus Erfahrung. Ähnlich lässt es sich auch bei Menschen anwenden, die stark zu Infekten neigen. Der Herbst sei hierfür der optimale Zeitpunkt, um präventiv einzugreifen.

Diese Beispiele zeigen auch, dass die Mikroimmuntherapie grundsätzlich eine komplementärmedizinische Methode ist, von der die Patienten großteils nicht alternativ, sondern vielfach zusätzlich zur Schulmedizin profitieren. Vor einer Anwendung gelte es auch, Leiden oder Symptome, die den Patienten belasten, schulmedizinisch abzuklären, betont Fleck.

Gesundheit erhalten

Die verabreichten Immunbotenstoffe kommen in unterschiedlichen Kombinationen zum Einsatz. Die Dosis hängt von der gewünschten Wirkung ab, erklärt Krüger. Kaum eine andere Therapie wirke so direkt in das Immunsystem ein und sei dabei so gut verträglich. Die Mikroimmuntherapie bediene sich der Sprache des Immunsystems selbst, um die Immunreaktion ganz gezielt zu steuern. Durch die Botenstoffe, die in verschiedenen, aufeinander aufbauenden Sequenzen verabreicht werden, wird die natürliche Immunreaktion nachgeahmt und dabei korrigiert oder optimiert. Die sequenzierte Gabe ahmt die natürliche Funktionsweise des Immunsystems nach.

Die Mikroimmuntherapie wurde in den 1970er Jahren von dem belgischen Arzt Maurice Jenaer begründet. Er hatte vermutet, welche wichtige Rolle eine am Immunsystem ansetzende Therapie in der Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit spielen könnte. Der Therapieform kommt in der Ganzheitsmedizin eine immer größere Bedeutung zu.