Die Neandertaler sind nicht wie bisher geglaubt eine rein europäische Entwicklung, erklärte der Wiener Anthropologe Gerhard Weber im Gespräch mit der APA. Er untersuchte mit Kollegen einen Schädelfund aus Nesher Ramla in Israel und fand heraus, dass es sich um einen sehr frühzeitlichen (archaischen) Vertreter der Gattung Homo, vulgo Mensch, handelte, der aber schon "auf dem Weg in Richtung Neandertaler war", sagte er. Die Studie erschien im Fachmagazin "Science".

Bisher hat man zu wissen geglaubt, dass die Neandertaler ausschließlich in Europa entstanden sind. "Sie entwickelten sich in Europa, parallel zum Homo sapiens in Afrika, aus einem gemeinsamen afrikanischen Vorfahren der Gattung Homo - dem Homo erectus", heißt es etwa auf der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Es gab zwar schon vor der aktuellen Studie Anzeichen, dass diese Geschichte nicht so astrein ist, aber sie wurden als Kuriositäten abgetan, und behelligten die Lehrbuchmeinung nicht.

Gemeinsames Erbgut

So haben Genetiker etwa Teile des Erbguts (DNA) von anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) im Neandertalererbgut gefunden und berechnet, dass es dort schon vor rund 200.000 Jahren eingeflossen ist. Damals gab es aber noch lange keine modernen Menschen in Europa und der Neandertaler ist wohl nie nach Afrika gekommen, wo er sich mit ihnen vermischen hätte können. Außerdem gab es Funde in Ostasien (Sambungmacan 3) und der Levante (Qesem Höhle), die "Neandertaleranklänge" haben, so Weber, der am Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien forscht.

Solche "Neandertaleranklänge" hat auch der aktuell veröffentlichte Fund aus Nesher Ramla - und zwar sehr deutliche. Israelische Forscher haben dort bei einer Ausgrabung in etwa acht Meter Tiefe ein fast komplett erhaltenes rechtes Schläfenbein, vier Fragmente des linken Pendants und einen gut erhaltenen Kiefer mit einem kompletten Zahn und mehreren Zahnwurzeln entdeckt. Sie ermittelten das Alter der Überreste, die wahrscheinlich von einem einzelnen Individuum stammten: 135.000 Jahre. Es handelte sich dabei um einen jungen erwachsenen Menschen, sagte Weber. Sein Geschlecht ist nicht zu eruieren.

Archaische Merkmale

Die Schädelfragmente (Scheitelbeine) haben noch sehr archaische Merkmale und recht wenige Neandertaleranleihen, erklärte der Forscher. Beim Kiefer wäre der Nesher Ramla-Mensch schon ein wenig mehr in Richtung Neandertaler fortgeschritten gewesen und der Zahn wäre schon "recht Neandertaler-artig", so der Anthropologe: "Das Individuum war noch kein klassischer Neandertaler, und schon gar kein moderner Mensch, sondern es sah noch archaisch aus aber mit einer Anzahl von Neandertaler-Merkmalen."

Wo genau die "klassischen" Neandertaler ihren Ursprung haben, lasse sich nicht genau sagen. Es gibt in Atapuerca in Spanien Ausgrabungen von "Vor-Neandertalern" (Protoneandertalern) genau so wie eben in der Levante, also im Gebiet rund um das heutige Israel sowie und Funde bis Südostasien mit Neandertaler-ähnlichen Merkmalen. "Der Neandertaler ist jedenfalls eine eurasische Story, die viel komplizierter ist, als wir früher angenommen haben, und keine schlichte europäische", sagte Weber.

Funde werden verständlich

Mit den neuen Befunden lassen sich jedoch alte Ungereimtheiten erklären. Die modernen Menschen aus Afrika können in der Levante auf die Nesher Ramla-Leute getroffen sein, mischten sich mit ihnen, und brachten so das Homo sapiens Erbgut sehr früh in die Neandertaler-Linie. Dass die Neandertaler-Vorfahren wohl in weiten Teile Eurasiens und nicht nur in Europa unterwegs waren, macht die Neandertaler-Anleihen in diversen Funden der Levante und Ostasien verständlich. (apa)