Wer die Impfung nicht will, kann ja die Krankheit probieren: Dieser Spruch, der in Social Media und Fernsehen kursiert, fasst die pandemische Lage ein Stück weit zusammen. Wer sich aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen nicht impfen lässt, riskiert einen schweren Verlauf von Covid-19 für sich und andere. "Viele Menschen übersehen, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass das Virus so bald verschwinden wird. Das bedeutet, dass jeder, der für Sars-CoV-2 empfänglich ist, sich irgendwann infiziert. Außer, man ist geimpft", schreibt der österreichische Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in Mount Sinai in New York City auf Twitter.

Doch wie oft müssen wir uns gegen Covid-19 impfen lassen, um dauerhaft immun zu sein? Ist eine ewige Impfkampagne der einzige Schutz vor einer ewigen Pandemie? Und wie häufig sind etwaige Nebenwirkungen wirklich? Die "Wiener Zeitung" hat nachgefragt.

  • Wie viele Menschen in Österreich sind schon
    geimpft?

Bisher (Letztstand 23. Juni) wurden in Österreich 7,1 Millionen Impfungen durchgeführt. 4,5 Millionen Menschen haben eine und 2,7 Millionen Personen alle beide Dosen der Corona-Schutzimpfung erhalten. Statistisch betrachtet werde alle 1,1 Sekunden eine Impfung verabreicht, heißt es auf dem "Impf-Dashboard" des Gesundheitsministeriums.

  • Das Coronavirus befällt uns in immer neuen
    Varianten. Wie oft müssen wir uns impfen lassen, um geschützt zu sein?

Von einer lebenslangen Schutzwirkung durch die Impfstoffe wird derzeit nicht ausgegangen. Wissenschafter diskutieren und Pharmafirmen rechnen damit, dass eine Auffrischungsimpfung gegen Covid-19 etwa ein Mal im Jahr nützlich ist. Allerdings fehlen Erfahrungswerte und Daten, weil die Pandemie bereits eineinhalb Jahre grassiert und Impfkampagnen erst seit wenigen Monaten laufen.

  • Warum ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen sich so rasch wie möglich impfen lassen?

"Je mehr Menschen weltweit geimpft sind, desto weniger sind Auffrischungsimpfungen ein Thema, weil eine zunehmend immune Bevölkerung dem Virus immer weniger Angriffsfläche bietet", sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, Professorin für Vakzinologie an der Medizinuni Wien. Experten gehen davon aus, dass eine Durchimpfungsrate von mehr als 70 Prozent der Bevölkerung die Pandemie abbremst. Laut dem Fachberater des US-Präsidenten, Anthony Fauci, sind jedoch 90 Prozent nötig, um die Zirkulation von Sars-CoV-2 vollständig zu unterbinden. Je länger die Menschheit braucht, um dorthin zu kommen, desto mehr Zeit und Gelegenheit hat das Virus, sich zu verändern. "Je länger ein Virus zirkuliert, desto besser passt es sich daran an, im Menschen zu überleben. Der Evolution folgend, entwickelt es ein immer besseres Schlüssel-und-Schloss-Prinzip für die menschliche Zelle", erklärt Wiedermann-Schmidt.

  • Wie lang bleibt man nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 immun?

Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Die Medizinuni Wien untersucht seit April 2020 Erwachsene, die Infektionen mit Covid hatten. "Neutralisierende Antikörper gegen die Krankheit bleiben unabhängig vom Schweregrad des Krankheitsverlaufs über einen Zeitraum von einem Jahr stabil im Blut", sagt Wiedermann-Schmidt. Eine kleinere Studie der Medizinuniversität Innsbruck unterstützt diese Annahme. Insbesondere geimpfte Genesene seien geschützt: "Man ist immun", sagt Studienleiter Florian Deisenhammer. Dem gegenüber stehen angelsächsische Studien mit größeren Samples, wonach Immunität gegen Covid-19 nicht von Dauer ist.

  • Werden Tests durch eine Impfung überflüssig?

Eine Impfung schützt individuell nicht hundertprozentig vor einer Infektion. Testet man vor dem Ablauf von etwa 14 Tagen nach einer Impfung positiv, deutet dies darauf hin, dass man sich unmittelbar vor oder nach der Impfung infiziert hat, da die bedingte Schutzwirkung erst nach etwa zehn bis 14 Tagen einsetzt. Die Impfung selbst kann keine Ursache für ein positives Ergebnis sein, auch nicht bei einem Antikörpertest. Die Antikörper, die nach einer Impfung gebildet werden, beziehen sich nur auf das Spikeprotein. Nach einer natürlichen Infektion sind auch Antikörper gegen andere Teile des Virus vorhanden.

  • Wirken die vorhandenen Impfungen auch gegen Mutationen wie Delta?

Ja, allerdings ist eine komplette Impfserie nötig, um genügend Schutz zu bieten. Es lassen sich laut der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) schwere Krankheitsverläufe durch Delta ebenso wirksam vermeiden wie solche durch Alpha. Zwei Dosen Pfizer/Biontech verhindern demnach in 96 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung. Für das Vakzin von AstraZeneca liegt die Quote bei 92 Prozent nach beiden Dosen.

  • In Großbritannien gibt es Delta-Neuinfektionen, obwohl 40 Prozent zwei Mal geimpft sind. Warum?

In Großbritannien steigt die Zahl der Neuinfektionen vor allem in der Altersgruppe zwischen zehn und 39 Jahren, in der die meisten noch nicht oder nur ein Mal geimpft sind. "Man sieht, wie sensibel das ganze System ist", sagt die deutsche Virologin Sandra Ciesek im Corona-Blog des Senders NDR. "Eine Studie der britischen Gesundheitsbehörden an jüngerem Pflegepersonal, das eine Impfrate von 95 Prozent hat, zeigt, dass diese Personen keinen Anstieg von PCR-Positiven mit der Delta-Variante hatten."

  • Ist damit zu rechnen, dass auf Dauer die 60-Jährigen zum zweiten Mal geimpft werden, noch bevor die 30-Jährigen ein Mal durch sind?

Ob Impfkommissionen empfehlen werden, ältere Menschen bereits im Herbst erneut zu immunisieren, machen sie von den Einjahresdaten zu den zugelassenen Vakzinen abhängig, die die Pharmafirmen im Laufe des Sommers veröffentlichen wollen.

  • Sind zwei Impfdosen verschiedener Hersteller besonders effektiv oder sogar schädlich?

"Ein heterologes Impfschema entspricht derzeit nicht der Zulassung. Aber es gibt zunehmend Studien zu diesem Thema, auch an unserer Universität. Die Immunantworten waren bisher sehr gut. Prinzipiell kann das eine gute Sache sein, aber um es breit anwenden zu können, müssen mehr Daten publiziert werden. Und dann sollte die Anwendung heterologer Impfschemata auch entsprechende Zulassung erhalten, denn sonst fällt es unter off label", betont Wiedermann-Schmidt.

  • Kommen Nebenwirkungen bei den Covid-Impfungen häufiger vor, als man angenommen hat?

"Was wir wissen, ist, dass die Reaktogenität der Covid-Impfstoffe höher ist als die von zahlreichen anderen Impfungen. Je jünger die Personen, desto häufiger ist mit Impfreaktionen zu rechnen", berichtet Wiedermann-Schmidt, Mitglied der Österreichischen Impfkommission: "Etwa 80 Prozent der Geimpften haben leichte Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Müdigkeit, manche auch Fieber als Reaktion." Allerdings verschwanden die Symptome normalerweise nach 72 Stunden. "Bei einem geringen Prozentsatz gab es länger Probleme, etwa indem die Betroffenen über Kribbeln und Empfindungsstörungen in den Extremitäten berichteten. Allerdings ist es schwierig, zu wissen, ob diese Nebenwirkungen häufiger auftreten als bei anderen Impfungen, weil man diesmal in sehr kurzer Zeit sehr viele Leute auf einmal geimpft hat."

  • Treten Nebenwirkungen bei jeder  Auffrischung der Impfung auf?

Wiederum fehlen die Erfahrungswerte, insbesondere für die neuen mRNA-Impfungen. Derzeit gehen Experten davon aus, dass sie schwächer werden, weil sich der Körper an die Substanzen gewöhnt, zumal Impfreaktionen vom angeborenen Immunsystem stammen. Zytokine können Entzündungsreaktionen hervorrufen. Bei den mRNA Impfstoffen kommt es eher bei der zweiten Impfung zu verstärkten Reaktionen, während bei den Vektor-Impfstoffen die Reaktionen bei wiederholter Gabe in der Regel geringer sind.

  • Können Covid-Impfungen bereits vorhandene, aber schlummernde neurologische Schäden auf den Plan rufen?

"Es gibt bisher keine Signale, dass Impfungen ein Trigger für neurologische Störungen sind, aber Reaktionen und Auswirkungen werden engmaschig beobachtet", sagt Wiedermann-Schmidt. Allerdings macht die Impfung selten etwas, was der Erreger nicht auch täte. Covid-19 ist eine Multi-System-Erkrankung. Mehrere Organe können betroffen sein.