Es ist nicht nur, aber insbesondere in der Corona-Pandemie relevant: Spaziergänge, die in Zeiten von Lockdowns beliebt sind und regelmäßig unternommen werden, tun dem Gehirn und dem Wohlbefinden gut. Diese These belegt ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts (MPI) für Bildungsforschung und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Wer sich regelmäßig an der frischen Luft bewegt, bringe die grauen Zellen in Schwung und verbessere seine eigene Stimmung, heißt es in der Studie, die in der Fachzeitschrift "The World Journal of Biological Psychiatry" erschienen ist.

Bisher wurde angenommen, dass Umwelten uns nur über längere Zeiträume beeinflussen. Außerdem konnte ein Team der US Institutes of National Health (NIH) nachweisen, dass die Sterblichkeit sinkt, wenn Bewegung regelmäßig über eine zeitliche Dauer durchgeführt wird. Je mehr Schritte täglich gemacht werden, desto geringer die Sterblichkeit, berichten sie, dass der Effekt bei 4.000 Schritten beginne und 12.000 Schritte das Optimum seien.

Wer aber nur präziser denken oder sich bei Planungsaufgaben leichter tun will, profitiert bereits von kurzen Aufenthalten im Freien. Die Umwelt-Neurowissenschafterin Simone Kühn und ihre Kollegen haben eine empirische Studie mehrmals hintereinander durchgeführt und die Ergebnisse der Durchgänge miteinander verglichen. Die Forschenden untersuchten sechs gesunde, in der Stadt lebende Personen mittleren Alters regelmäßig für die Dauer von einem halben Jahr. Insgesamt wurden mehr als 280 Scans von ihren Gehirnen mittels Magnetresonanztomographie (MRT) gemacht. Der Fokus lag auf den letzten 24 Stunden und der Zeit, die die Teilnehmenden vor den MRT-Aufnahmen im Freien verbracht hatten. Zusätzlich wurden sie gefragt, wie viel Flüssigkeit und wie viele koffeinhaltige Getränke sie getrunken hatten, welchen zeitlichen Umfang ihre Freizeit ausmachte und wie viel körperlicher Aktivität sie nachgingen. Damit wollte man überprüfen, ob diese Faktoren den Zusammenhang zwischen Zeit im Freien und Gehirn verändern, berichtet das MPI in einer Aussendung. Um saisonale Unterschiede einbeziehen zu können, wurde auch die Sonnenscheindauer im Studienzeitraum berücksichtigt.

Regulation von Handlungen

Die Gehirnscans zeigten, dass die Zeit, die die Probanden im Freien verbracht hatten, sich positiv auf die Aktivität in der grauen Substanz des rechten dorsolateral-präfrontalen Kortex auswirkte. Dieser seitlich gelegene Teil des Stirnlappens in der Großhirnrinde ist an der Planung und Regulation von Handlungen sowie an der kognitiven Kontrolle, die das Verhalten vor allem bei ungeübten Handlungen steuert, beteiligt. Somit erhält das geflügelte Wort "das Gehirn auslüften", das häufig dann verwendet wird, wenn man bei konzentrierter Arbeit eine kurze Zerstreuung benötigt, eine wissenschaftliche Grundlage.

Viele psychiatrische Störungen gehen mit einer Reduktion der grauen Substanz im präfrontalen Bereich des Gehirns einher. Spaziergänge könnten diesem Prozess möglicherweise ein Stück weit entgegenwirken. "Die Erkenntnisse bieten neurowissenschaftliche Unterstützung für die Behandlung von psychischen Störungen", sagt Ko-Autorin Anna Mascherek. Etwa könnten Ärzte einen Aufenthalt an der frischen Luft als Teil einer Therapie verschreiben.

Simone Kühn und ihre Kollegen führten statistische Berechnungen durch, um den Einfluss von Sonnenscheindauer, Anzahl an Freizeitstunden, körperlicher Aktivität und Flüssigkeitsaufnahme auf die Ergebnisse zu überprüfen. Dabei konnten sie nach eigenen Aussagen belegen, dass Zeit im Freien unabhängig von diesen anderen Einflussfaktoren einen positiven Effekt auf das Denkorgan hatte.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich unsere Gehirnstruktur und unsere Stimmung verbessern, wenn wir uns an die frische Luft begeben. Es ist anzunehmen, dass sich dies auch auf die Konzentration, das Arbeitsgedächtnis und die Psyche auswirkt", wird Kühn, Leiterin der Lise-Meitner-Gruppe für Umweltneurowissenschaften, in der Aussendung zitiert. "Dies untersuchen wir in einer Studie, in der die Probanden zusätzlich Denkaufgaben lösen müssen und Sensoren tragen, die etwa die Lichtmenge messen, der sie am Tag ausgesetzt sind." Die Ergebnisse würden die bereits angenommenen positiven Effekte des Spazierengehens auf die Gesundheit belegen und sie um positiver Auswirkungen aufs Gehirn erweitern.