Die am Vienna Biocenter im dritten Wiener Gemeindebezirk beheimatete französische Pharmafirma Valneva entwickelt einen inaktivierten Ganzvirus-Impfstoff gegen Infektionen mit Sars-CoV-2. Warum Totimpfstoffe, wie sie bereits gegen FSME, Tollwut oder die Grippe zum Einsatz kommen, als gut verträglich und breit wirksam gelten, erklärt der Bio-Ingenieur und Valneva-Austria-Chef Thomas Lingelbach (59) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Eine neue Welle der Pandemie scheint früher als erwartet zu starten - trotz Impfungen. 1.005 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden wurden am Freitag in Österreich gemeldet. Ein Vakzin mit abgetötetem Virus, auch Tot-impfstoff genannt, könnte die Strategie ergänzen. Sie starten eine zweite Studie der Phase III auf Immunogenität und Sicherheit an 150 älteren Personen und 600 Personen ab 12 Jahren in Neuseeland. Warum eine zweite Studie der finalen Phase am anderen Ende der Welt? War eine erste zu wenig aussagekräftig?

Thomas Lingelbach: Wir sind die Einzigen in Europa, die im Moment einen inaktivierten Ganzvirus-Impfstoff gegen Covid-19 entwickeln. Der Vorteil ist, dass man eine solche Impfung üblicherweise jedem geben kann, von Kindern über Erwachsene bis zu Älteren und Risikopatienten: Alle sprechen gut darauf an. Wir müssen für unseren Impfstoff diese klinischen Daten in allen relevanten Populationen generieren. Da wir uns aber inmitten der Pandemie befinden, können wir hierzulande keine Placebo-kontrollierte Studie machen.

Warum nicht? Placebo-kontrollierte Studien, bei denen man die Probanden 50:50 teilt, gelten als Goldstandard in der Medizin-Forschung.

Man kann mitten in einer Impfkampagne schon allein aus ethischen Gründen niemandem ein Placebo geben. Daher müssen wir mit einer anderen Methode die Wirksamkeit zeigen. Immuno-Bridging kommt auch bei den alljährlichen Grippe-Impfstoffen zum Einsatz. Dabei werden andere Parameter gesucht, an denen Wirksamkeit gemessen werden kann.

Bei Covid-Impfungen korreliert das Vorhandensein von neutralisierenden Antikörpern im Blut mit der Wirksamkeit. Statt eines Placebos brauchten wir ein vergleichbares Vakzin. In einer laufenden, randomisierten Doppel-Blind-Studie der Phase III in Großbritannien verabreichen wir einerseits 3.000 der 4.000 Probanden unseren Impfstoff und 1000 das Vakzin von AstraZeneca, das seinerzeit Placebo-kontrolliert getestet wurde. Wir zeigen die Wirksamkeit im Vergleich anhand von serologischen Testungen der neutralisierenden Antikörper-Titer im Blut der geimpften Probanden. Solange das Verhältnis größer oder gleich ist, zeigt das, dass unser Wirkstoff genauso gut oder besser wirksam ist.

Und warum eine zweite Studie der finalen Phase in Neuseeland?

In Großbritannien läuft eine Impfkampagne, weswegen ältere Menschen bereits vollimmunisiert sind. Für Junge ist AstraZeneca in England nicht zugelassen. Also können wir dort nur an 30- bis 55-Jährigen testen. Daher machen wir jetzt eine Studie in Neuseeland, wo die Infektions- und Impfraten so niedrig sind, dass wir genug Probanden in diesen Altersgruppen bekommen können.

Gibt es schon erste Erkenntnisse zur Wirksamkeit in der Phase III?

Noch nicht. Wir haben eine finanzielle Kooperation mit der britischen Regierung und deren Behörden führen die Testungen für uns durch. Wir sind an deren Kapazitäten gebunden, erwarten jedoch, die Daten Anfang Oktober bekanntgeben zu können. Ab September wollen wir ein Zulassungsverfahren im Rolling Review starten und die Phase-III-Daten nachschicken. Es ist schwer zu sagen, wann wir das Vakzin auf den Markt bringen, weil die verkürzten Zulassungsverfahren des Vorjahres nicht mehr durchgeführt werden. Aber wir haben von allen Behörden positive Signale, dass die Zulassung noch 2021 über die Bühne gehen wird.

Wie funktioniert eigentlich die Herstellung eines Tot-Impfstoffs?

Wir isolieren das Virus, so wie es ist, von Menschen, die infiziert waren, reinigen es auf und töten es chemisch ab. Heraus kommt ein Erreger, der nicht mehr infizieren kann, von seiner Struktur aber erhalten bleibt. Deshalb reagiert das Immunsystem so wie bei einer natürlichen Infektion.

Wie begegnen Sie dem Problem, dass Impfungen bei Varianten ein bisschen weniger gut wirken?

Das Studiendesign in Neuseeland ermöglicht es, jederzeit etwas hinzuzufügen. Wir wollen unter Umständen einen Varianten-Impfstoff machen, weil das Ganzvirus sich perfekt eignet. Letztlich isolieren wir das gesamte Virus in seiner naiven Form. Ob es aus Wuhan oder Südafrika stammt, ist der Technologie und dem Prozess egal.

Das Coronavirus plagt die Menschheit in fünf Varianten. Müsste man sich fünf Mal impfen lassen?

Nein. Wir müssen entweder einen Multivalenz-Impfstoff machen, wie Sie ihn von der Grippe kennen, in dem vier Virusstämme sind. Oder wir müssten sagen, die Delta-Variante ist so dominant und gefährlich, dass ein spezieller Impfstoff sinnvoll ist. Dazu benötigen wir Viren-Bänke: Man isoliert Erreger von Covid-Patienten und charakterisiert daraus Viren-Stämme für die Produktion. Wir machen derzeit ein Portfolio für solche Viren-Bänke von allen zirkulierenden Varianten, müssen aber erst entscheiden, ob wir in die Entwicklung hineingehen.

Ein Totimpfstoff holt Impfskeptiker noch am ehesten ab, weil er als verträglicher angesehen wird. Richtig?

Einige Skepsis ist darin begründet, dass es vor dem Corona-Impfstoff noch kein Vakzin auf Basis der mRNA-Technologie gab. (Die Wirkung von mRNA-Impfstoffen beruht auf Ribonukleinsäure, die ein Protein herstellt, das eine Immunreaktion auslöst, Anm.). Glücklicherweise funktioniert mRNA gegen das Coronavirus. Die Imfpstoffe sind toll, toll, toll, weil sie sehr wirksam sind, aber sie sind hochreaktogen und das macht manchen Angst. Inaktivierte Impfstoffe sind die Menschen dagegen gewöhnt: Die Zeckenimpfung, Hepatits, Tollwut, Grippe und viele andere wurden in den letzten 60 bis 70 Jahren milliardenfach verimpft und gelten als sicher, insbesondere auch für Kinder.

Wo wollen Sie das Vakzin erzeugen, wie viel davon in Wien und welche Vorverträge gibt es?

Wir stellen den Grundwirkstoff in Großbritannien her, füllen ihn in Schweden ab und machen die Qualitätssicherung, also alle Testungen und sämtliche Freigaben, in Österreich. In England bauen wir die Kapazitäten aus mit dem Ziel von mehr als 150 Millionen Dosen im Jahr. Für 2022 haben wir Vorverträge für 100 Millionen Dosen mit der britischen Regierung. Weiters stehen wir in fortgeschrittenen Diskussionen mit der EU-Kommission. Wir sehen unser Vakzin als komplementär im Setting der Auffrischimpfungen, weil man inaktivierte Viren geben kann, egal, was vorher verabreicht wurde. Wenn wir die jene Menschen abholen können, die derzeit noch skeptisch sind, wäre das eine tolle Leistung.

Experten sind sich einig, dass alle Menschen weltweit geimpft sein müssen, wenn wir die Pandemie besiegen wollen. Wie leicht ist das?

Man muss Impfstoffe haben, die bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad Celsius lagerfähig sind. Damit haben wir bei Totimpfstoffen überhaupt kein Problem. Und man muss in Ländern der Dritten Welt eigene Produktionen aufbauen. Ohne lokale Erzeugung würden uns die Kosten über den Kopf wachsen. Man kann keine Pandemie der Welt in den Griff kriegen, ohne die Welt zu adressieren. Wir führen Gespräche zum Technologie-Transfer.

Wie hat die Pandemie die Pharmaforschung verändert?

Ich mache seit 30 Jahren nichts anderes als Impfstoffe und in diesem Fachgebiet hat man schon immer global gedacht. Man kann noch so viele Flüge einstellen, Infektionskrankheiten kennen keine Grenzen. Es ist auch nicht die erste Pandemie. Aber wir haben alle gelernt, wie schnell man Dinge aufbauen und flexibel reagieren kann. Alles andere aber hat sich relativ wenig verändert.

Wann, denken Sie, wird der Ausnahmezustand beendet sein?

Wenn wir Impfquoten nördlich von 75 Prozent nicht erreichen und keine effizienten, sinnvollen Auffrischungsstrategien entwickeln, werden wir es nicht schaffen. Man muss den Titer der neutralisierenden Antikörper erhöhen und das geht nur, indem das Immunsystem immer wieder neu lernt. Erst wenn es auch neue Varianten adressiert, wären wir wieder in einer Normalität.