Kaum eine bundesweit tätige Organisation ist mit Covid-19 derzeit so öffentlichkeitswirksam tätig wie der Geschäftsbereich "Öffentliche Gesundheit" der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Mit 1. September hat der Infektionsspezialist Bernhard Benka die Leitung von Hygiene- und Mikrobiologie-Doyen Franz Allerberger übernommen. Das Credo der beiden Experten: Gesundheit durch Wissenschaft und evidenzbasierte Analyse.

"Im europaweiten Kontext hat die AGES eine relativ einzigartige Stellung. Sie lebt den Grundsatz 'One Health', weil sich alles unter einem Dach befindet. Gesundheit für Mensch, Tier, Pflanzen und Umwelt", sagte Benka. Öffentliche Gesundheit, Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Agrarwesen, Medizinmarktaufsicht, Forschung und Wissenstransfer würden zusammenspielen.

Überwachung, Analyse, Interpretation

Bernhard Benka ist Arzt, hat mehrere Jahre in Staaten wie Mexiko, Paraguay und Indien für "Ärzte ohne Grenzen" in Kampagnen zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten gearbeitet und kam Ende 2015 ins Gesundheitsministerium, wo er die Leitung der Abteilung für übertragbare Krankheiten, Seuchenbekämpfung und Krisenmanagement übernahm:"Da habe ich die AGES, jetzt auch speziell während der Pandemie, als engen Partner erlebt."

Das gelte beispielsweise besonders für die Überwachung von gesetzlich meldepflichtigen Infektionskrankheiten, aber auch für Laboranalytik und weiterführende Interpretation von Ergebnissen. Bereitstellung von wissenschaftlicher Evidenz und die Aufarbeitung der Faktenlage, um Behörden und Politik die Grundlagen für Handlungsentscheidungen zu bieten, seien Hauptagenden.

Wie lässt sich Prävention verbessern?

Die vom Gesetzgeber definierten Kernaufgaben des AGES-Geschäftsfeldes "Öffentliche Gesundheit" mit rund 200 Mitarbeitern, für die Benka in Zukunft verantwortlich zeichnet: Bekämpfung und Prävention übertragbarer Krankheiten durch Untersuchungen, Diagnostik und Begutachtungen (Rechtsvorschriften) und das Führen von Referenzzentralen und -Labors, von Melde-, Erfassungs- und Koordinationssystemen für die epidemiologische Überwachung. Das bedeutet auch die Bereitstellung der entsprechenden Expertise und von Kapazitäten an mikrobiologischen, serologischen und physikalisch-chemischen Untersuchungen. Hinzu kommen die epidemiologische Analyse von Krankheitsausbrüchen, Effektivität von Impfungen in der Bevölkerung und die Entwicklung und Etablierung neuer (Labor-)Methoden.

Anpassung an Klimawandel

Die Zukunftsthemen sind breit, bei weitem nicht auf den Fall einer Pandemie beschränkt. Benka: "Eine besondere Rolle wird die Anpassung an den Klimawandel spielen. Der Klimawandel spielt in alle Teilbereiche der AGES zusammen. Da sind wir im Stechmücken-Monitoring engagiert. Da geht es um das West Nil-Virus, das durch die heimische Hausgelse verbreitet werden kann, aber auch um die Asiatische Tigermücke, die das Zika-Virus, Dengue- oder Chikungunya übertragen kann. Ein anderer Bereich ist das Monitoring der Mortalität durch Hitzewellen. Die Klimaerwärmung mit steigenden Durchschnittstemperaturen lässt die Temperatur von Gewässern steigen. Hier kommt es vermehrt zu Verbreitung von Blaualgen. Das kann beispielsweise bei Hunden aber auch kleinen Kindern zu schweren Vergiftungen führen." Hier entwickle bzw. etabliere man Methoden zum Nachweis.

Was der neue AGES-Bereichsleiter außerdem als große Zukunftsaufgaben sieht: "Sicherlich den Auf- und Ausbau der Infektionsepidemiologie, vor allem auch der IT in diesem Bereich, also von Datenbanken und Bioinformatik." Hier seien AGES und Österreich bereits jetzt keinesfalls schlecht aufgestellt.

Neue Bereiche

Zwei neue Organisationsteile wurden unter Benka-Vorgänger Franz Allerberger vor kurzem neu geschaffen: ein Institut für Infektionsepidemiologie zur Epidemiebekämpfung und eine Abteilung für vektorübertragene Krankheiten. Zoonosen (z.B. Covid-19) und Klimawandel-bedingt "invasive" Insektenarten als Krankheitsüberträger sollen so kontrollierbar bleiben und bekämpft werden.

Wobei Österreich, so Benka, in Europa keinen Vergleich zu scheuen braucht: "Wir haben mit dem Epidemiologischen Meldesystem (EMS) in Europa eines der ersten elektronischen Überwachungssysteme etabliert." Das erfasse online beispielsweise jeden einzelnen Covid-19-Fall ohne Zeitverzögerung und kann auch mit SARS-CoV-2-Sequenzdaten verknüpft werden.

Seit einigen Wochen sei auch eine Verknüpfung des EMS zu den Impfdatenbanken geschaffen: "Ein Meilenstein, weil hier viele epidemiologisch wichtige Daten verarbeitet werden können. In Zukunft wollen wir speziell die Vakzinepidemiologie mit Modellierungen zur Wirksamkeit von Infektionsschutzmaßnahmen ausbauen", sagte Benka.

Der neue AGES-Bereichsleiter: "Mein Wunsch ist natürlich, dass die Covid-19-Pandemie schön langsam ein Ende nimmt. Aber "am Ende des Tages' stellt sich hoffentlich heraus, dass wir die Pandemie vergleichsweise gut im Griff gehabt haben."(apa)