Eine Impfpflicht sei aus wissenschaftlicher Sicht der einzige Weg, um die Pandemie mit dem Coronavirus zeitnah unter Kontrolle zu bekommen, sagt der Virologe Peter Palese im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der in den USA tätige österreichische Wissenschafter entwickelt einen Impfstoff gegen Covid-19, der auch für ärmere Länder leistbar sein soll. Das Interview wurde im Rahmen des Programmpunktes "Networking Hour" des Europäischen Forum Alpbach, dessen Medienpartner die "Wiener Zeitung" ist, geführt.

"Wiener Zeitung": Viren sind "schlechte Nachrichten, die in ein Protein verpackt sind", sagte Medizin-Nobelpreisträger Peter Medawar (1915-1987). Die Geschichte wartet leider mit einer ganzen Menge schlechter Nachrichten auf: Pocken, Masern, HIV, Polio, die Grippe. Wo reiht sich das Coronavirus in puncto Gefährlichkeit ein?

Peter Palese geboren 1944 in Linz, ist ein austro-amerikanischer Virologe. Er studierte an der Universität Wien Pharmazie und Chemie und kam 1971 an die Icahn School of Medicine in New York, wo er Direktor des Departments für Mikrobiologie ist. wiki commons
Peter Palese geboren 1944 in Linz, ist ein austro-amerikanischer Virologe. Er studierte an der Universität Wien Pharmazie und Chemie und kam 1971 an die Icahn School of Medicine in New York, wo er Direktor des Departments für Mikrobiologie ist. wiki commons

Peter Palese: Viren sind ganz anders als Bakterien. Sie sind 100 Mal kleiner, reagieren nicht auf Antibiotika und ob sie als Lebewesen einzustufen sind, ist nach wie vor fraglich. Obwohl in den letzten 18 Monaten 4,5 Million Menschen an Covid-19 gestorben sind, ist Sars-CoV-2 mit manchen anderen großen Pandemien aber nicht zu vergleichen. Die Pocken etwa forderten allein in den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts schätzungsweise 200 Millionen Menschenleben. Nichtsdestotrotz: Wir alle leiden an der Pandemie und müssen sie beenden und das haben wie bisher ganz gut gemacht. Niemand hat riesige Fehler gemacht, sondern alle haben ihr Bestes gegeben. Impfungen wurden schnell entwickelt und mit Hilfe von Lockdowns und Social Distancing haben wir Covid-19 besser unter Kontrolle als frühere pandemische Krankheiten.

Impfungen haben die Pocken ausradiert, Medikamente halten HIV in Schach. Was ist das optimistischste Szenario für den Ausgang der Coronavirus-Pandemie?

Wir haben sehr wirkungsvolle Impfungen, die die wichtigste Leistung des vergangenen Pandemie-Jahres sind. Bei einem effektiven Einsatz könnten wir eine Situation ähnlich der jährlichen Grippewelle erreichen. Wenn wir verstehen, dass die Impfung eine echte Pandemie-Kontrolle ist, bin ich optimistisch, dass wir die Lage nicht bloß in reichen Ländern, sondern überall bewältigen können.

Wie lange könnten wir brauchen, bis wir so weit sind?

Man sollte keine zeitlichen Prognosen anstellen, weil die Dinge immer anders kommen. Aber wenn einmal 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, werden wir mit dem Coronavirus ähnlich leben können wie mit der Grippe.

Impfgegner betrachten es als eine Frage der persönlichen Freiheit, ob sie sich impfen lassen oder nicht. Sollten wir, so wie bei den Pocken, eine Impfpflicht einführen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist nicht einzusehen, warum etwa Vertreter des Spitalspersonals Kollegen und Patienten gefährden dürfen, wenn sie sich nicht impfen lassen wollen. Eine Impfpflicht ist aus wissenschaftlicher Sicht der einzige Weg, um die Pandemie in absehbarer Zeit unter Kontrolle zu bekommen. Ich würde daher eine solche unterstützen, weil die Kosten viel zu hoch wären, wenn man sich nicht impfen lässt. Es sollte nicht erlaubt sein, andere zu infizieren, das ist nicht fair.

Österreich setzt auf regelmäßiges Testen. Eine sinnvolle Strategie?

Österreich ist, wie ich meine, führend in der Teststrategie, die notwendig ist, um die Infektionsraten zu überblicken. Für mich sieht es aber nicht so aus, als würde testen, testen, testen die Seuche verhindern. Wenn von Anfang an mehr Geld in schnell verfügbare Impfungen in ausreichender Zahl investiert worden wäre, wäre Österreich weiter.

Sie arbeiten an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York an einem Covid-19-Vakzin, das weniger als einen Dollar pro Dosis kosten soll. Wie funktioniert es und wie weit sind Sie damit?

Sowohl mRNA- als auch Vektorimpfungen funktionieren hervorragend. In den USA sind die von Pfizer/Biontec, Moderna und Johnson&Johnson zugelassen. mRNA-Impfungen kosten aber zwischen 25 und 50 Euro und müssen bei sehr tiefen Temperaturen gelagert werden. Reiche Länder können sich das leisten und die technischen Voraussetzungen bereitstellen, Niedriglohnländer nicht. Bei uns am Mount Sinai arbeiten drei Gruppen an einem kostengünstigen Impfstoff. Eine wird von Florian Krammer geführt, ein weiterer Österreicher, eine zweite von Adolfo Garcia-Sastre und eine dritte von mir. Wir haben uns zusammengetan, um einen Vektorimpfstoff zu entwickeln. Anders als bei Johnson&Johnson, AstraZeneca und den restlichen 60 Prozent aller Vektorimpfungen ist der Vektor bei uns kein Adenovirus. Adenoviren müssen in menschlichen Zellen heranwachsen, was die Dinge verkompliziert, auch weil manche Menschen immun gegen Adenoviren sind und diese Immunität die Wirkung des Impfstoffs verringert.

Bei Vektorimpfstoffen dienen gentechnisch veränderte, harmlose Viren als Träger, um das genetische Material eines Erregers in Zellen einzuschleusen. Das eingeschleuste Erbmaterial kann dem Körper eine Infektion vorgaukeln und löst die Produktion von Antikörpern aus. Welchen Vektor nutzen Sie?

Wir verwenden der Erreger der Newcastle-Krankheit bei Hühnern. Der Newcastler-Erreger schleust das Gen des Oberflächenproteins von Sars-CoV-2 in den Körper ein. Wir haben sehr überzeugende Studien an Mäusen und Hamstern gemacht und führen jetzt Studien der Phase I in Mexiko, Brasilien und den USA sowie der Phase II in Vietnam und Thailand am Menschen durch. In diesen Ländern werden Grippe-Impfstoffe erzeugt und wir könnten diese Produktionsanlagen auch zur Erzeugung der Covid-19-Impfstoffs verwenden. Eine Dosis sollte 30 bis 40 Euro-Cent kosten, die Lagerung ist bei Kühlschranktemperaturen möglich. Zwei Dosen sollten derzeit genügen. Wenn aber der Impfschutz mit der Zeit abnimmt und sich weitere Virus-Varianten in der Zukunft verbreiten, braucht man möglicherweise drei, vier, fünf oder sechs Impfungen über mehrere Jahre. Daher wollen wir unsere Impfung lokal herstellen zu niedrigen Kosten.

Die Universität Oxford stellte dem Pharmakonzern AstraZeneca die Bedingung, dass eine Dosis höchstens 2,50 Euro kosten dürfe. Trotzdem setzte sich in Europa der teurere Pfizer/Biontech-Impfstoff durch. Lässt der Pharmamarkt günstige Impfstoffe überhaupt zu?

Wir gleiten hier ein bisschen ins Wirtschaftspolitische ab, diese Frage sollten die beantworten, die sich besser auskennen. Es ist eine sehr komplexe Situation.

Das Coronavirus nimmt die Menschheit länger in Anspruch als angenommen, auch weil es laufend mutiert. Der Delta-Variante könnte eine Mutation folgen, die den Impfschutz durchbricht. Wie gut schützt Ihr Vakzin gegen Mutationen?

Es ist eine Situation des wachsamen Wartens. Momentan gibt es keine universelles Covid-19-Impfung, die gleich gut gegen alle Varianten wirkt. Aber wir können ein Vakzin produzieren, das gegen eine bestimmte Variante schützt, indem wir das neue Covid-19-Protein in den Vektor einsetzen. In den USA passieren derzeit 99 Prozent der Neuinfektionen mit der Delta-Variante. Optimalerweise sollten wir also die Variante zur Impfstoffentwicklung verwenden und mit der kursierenden Mutation impfen. Die Zukunft wird zeigen, ob und gegen welche Varianten wir Vakzine machen müssen.

Zahlreiche Experten warnen, dass diese bloß die erste Pandemie von vielen in diesem Jahrhundert sei. Was ist das Schlimmste, was Ihrer Meinung nach im Bezug auf das Coronavirus passieren könnte?

Natürlich gibt es weitere Viren im Tierreservoir mit dem Potenzial, auf den Menschen über zu springen und in ihm pandemisch zu grassieren. In der Geschichte hat sich nie die Frage gestellt ob, sondern immer nur wann die nächste Epidemie oder gar Pandemie kommt: Es wird neue Epidemien und Pandemien geben. Wir können uns nur mit einer robusten Infrastruktur und Forschung vor diesen Infektionskrankheiten schützen und sie überwinden.

Welche Viren bedrohen uns noch?

Es gibt einige, vor allem solche, die in verschiedenen Tierarten vorkommen. Ebola- und Marburg-Viren werden wahrscheinlich von Affen und Nagern auf den Menschen übertragen und können in ihm tödliche hämorrhagische Fieber auslösen. Zahlreiche Krankheitserreger leben in Fledermäusen und auch HIV, das wir derzeit medikamentös gut behandeln können, könnte dahingehend mutieren, dass es sich irgendwann leichter von Tier zu Mensch oder Mensch zu Mensch überträgt. Auf der anderen Seite kann es ganz anders kommen. Noch vor zwei Jahren hätte niemand angenommen, dass ein Coronavirus die Welt regiert. Wir sollten uns im Klaren sein, dass wir eine starke Forschung, eine effektive Pharmaindustrie und stabile Gesundheitssysteme benötigen, und zwar nicht nur in reichen Ländern, sondern überall auf der ganzen Welt.

Erwarten Sie weitere Lockdowns?

Covid-19 hat eine Saisonalität und verbreitete sich an sich im Sommer weniger stark. Aber wir sehen in der Nordhemisphäre eine vierte Welle seit August. Das ist drei Monate früher als angenommen und einer der vielen Faktoren, die wir noch nicht verstehen. Die Zahlen steigen und es bleibt zu hoffen, dass es die Impfraten im selben Ausmaß tun. Man muss realistisch sein: Wenn die Infektionsraten nicht sinken, werden wir weitere Lockdowns in zahlreichen Ländern haben.