Mehr als 4.200 Corona-Neuinfektionen am Mittwoch in Österreich: Das sind in etwa so viele wie zuletzt im November 2020, bevor Österreich in einem sechsmonatigen Lockdown verschwand, da immer weniger Intensivbetten zur Verfügung standen. Schützt meine Impfung noch, mag man sich fragen, und kann ein Antikörpertest im Labor Antwort geben?

Ab einem Preis von rund 20 Euro sind Corona-Antikörper in Zahlen mit Erklärungen in englischer Sprache schwarz auf weiß zu haben. Im Befund steht dann etwa neben der Bezeichnung "Covid 19 IgG Antibodies" die Anzahl 1563 der Einheit AU/ml, oder neben "Internat. WHO Unit Sars-CoV-2" die Stückzahl "222 BAU/ml" mit einem Zusatz, der übersetzt lautet: "Ab einem Wert von 15 MAU/ml" korreliert das Ergebnis mit dem Neutralisationstest und indiziert das Vorhandensein von neutralisierenden Antikörpern gegen Sars-Cov-2". Das ist schon etwas wert. Doch was bedeutet es?

Gute Frage, meinen selbst Experten. Denn Antikörper-Test sei nicht gleich Antikörper-Test. Nicht alle zeigen dasselbe an und nicht alle geben Aufschluss, ob eine dritte Impfung nötig ist.

Puffer-Antikörper lassen sich im Blut schwer messen

"Nehmen wir an, ich atme eine gehörige Portion der hochinfektiösen Delta-Variante ein, die sich im oberen Respirationstrakt verteilt", sagt Lukas Weseslindtner vom Zentrum für Virologie der Medizinuniversität Wien, und erklärt: "Auf den Schleimhäuten der Atemwege von Geimpften befinden sich Konzentrationen von Antikörpern, die wie ein Puffer abfangen, was kommt." Wenn die Viruskonzentration für diese Antikörper zu hoch ist, käme es zwar zur Infektion. Zugleich würde jedoch ein Reservetrupp von Immunzellen einspringen, der die Krankheit abschwächt. "Diesen komplexen Vorgang bilden die Antikörper-Tests, die im Blut gemacht werden, nicht ab", sagt Weseslindtner: "Man kann dieses "Einspringen" zwar in der Forschung testen, aber es ist aufwendig, daher nicht massentauglich."

Die direkte Fähigkeit des immunologischen Gedächtnisses, anzuspringen, bildet ein Blut-Antikörpertest somit nur als Korrelat ab. "Aus den im Blut vorhandenen Antikörpern schließe ich, wie stark die ,Reservetruppe‘, das sind Gedächtniszellen des Immunsystems, ist", sagt der Virologe. Wenn jemand viele neutralisierende Antikörper im Blut besitzt, sei davon auszugehen, dass sie auch auf der Schleimhaut im Respirationstrakt aktiv sind und dass das Virus gegen diese Antikörper schlechter durchkommt.

Undifferenzierte Messung aller Antikörper

Doch es gibt noch ein zweites Problem. Die meisten Antikörper-Tests messen nämlich keine neutralisierenden Antikörper. "Meistens werden klassische Elisa-Tests gemacht, deren Ergebnis BAU-Antikörper (Binding Antibody Units pro Milliliter Blutserum) sind. Diese Tests messen alle Antikörper, die jemand jemals gegen das gesamte Spike-Protein von Sars-CoV-2 gebildet hat, ohne speziell darauf zu schauen, dass sie direkt vor der Krankheit schützen", sagt die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl, "Wissenschafterin des Jahres" 2020.

Das heißt: Aus dem BAU pro Milliliter-Wert lässt sich schließen, ob eine Impfung gegriffen hat, jedoch nicht, wie gut die Person gegen Covid-19 geschützt ist. Laut Experten liegt bei jedem Menschen ein anderes Mischverhältnis von neutralisierenden und nicht-neutralisierenden Antikörpern vor. Da BAU/ml nur die Mischung im Gesamten angegeben, kann jemand mit 220 unter Umständen Sars-CoV-2 sogar besser abwehren als jemand mit 500, "einmal abgesehen davon, dass die Tests von unterschiedlichen Herstellern verschiedene Werte ergeben", sagt Weseslindtner.

Was der BAU/ml-Wert wirklich heißt

Was heißt also der Wert "Internat. WHO Unit Sars-CoV-2 222 BAU/ml" jetzt wirklich? Zum einen etwas Gutes: Der Körper sollte ein immunologisches Gedächtnis besitzen, das einen Aufenthalt in der Intensivstation verhindert. Jede weitere Einschätzung ist allerdings schwierig. "Die WHO hat für den BAU/ml-Wert ein bestimmtes Blutserum als Eichmaß genommen. Allerdings messen die Tests den WHO-Standard in der Regel nicht mit. Es wird lediglich von der testeigenen Einheit umgerechnet. Dabei sind Antikörpermessungen, im Gegensatz zu Waagen im Supermarkt, für Abweichungen sehr anfällig", sagt der Virologe. Werden zusätzlich zur Standardeinheit testeigene Einheiten wie die eingangs erwähnten "Covid 19 IgG 1563 AU/ml" angegeben, wird dies oft nicht hinreichend im Befund erläutert.

So weit, so verwirrend. Doch es gibt einen Lichtblick. Die echte Schutzrate vor einer Infektion mit Covid-19 vermittelt ein Test auf neutralisierende Antikörper, der ausschließlich in Labors der Sicherheitsstufe L3 durchgeführt werden darf. L3-Labors dürfen mit infektiösem Virus arbeiten und dieses auch auf Antikörper loslassen. Getestete wissen nachher Bescheid, wie viele Antikörper, die die Ansteckung verhindern, noch im Blut-Serum vorhanden sind.

Auf die neutralisierende Wirkung kommt es an

Wie ist an einen solchen Test heranzukommen? "Wir messen im Labor, ob Ihre Antikörper Sars-CoV-2 neutralisieren, und zwar an 600 bis 800 Proben in der Woche", sagt Weseslindtner und verweist auf die Möglichkeit, sich am Institut für Virologie der Medizinuni Wien, bei der Ages oder an der Medizinuni Innsbruck dafür anzumelden.

Für alle anderen Labors biete sich außerdem die Möglichkeit von Surrogat-Neutralisationstests. Sie messen nicht Antikörper gegen das Spike-Protein, sondern die Bindung des Spike-Proteins an die menschliche Zelle, um sie zu knacken. Analysiert wird, ob die Antikörper diese Bindung und somit den Erstkontakt zwischen Virus und Zelle verhindern.

"Diese Tests, die prinzipiell jedes Labor machen kann, haben wir mit den Neutralisationstests verglichen, und festgestellt, dass sie genau so gut Aufschluss geben, ob jemand zum Beispiel gegen diverse Virusvarianten geschützt ist", sagt der Experte. Wer allerdings die Wahrscheinlichkeit senken möchte, dass das Virus den Körper kapert, soll sich sechs bis acht Monate nach der Grundimmunisierung ein drittes Mal impfen lassen, weil die Antikörperkonzentration selbst bei einem sehr guten Impferfolg erwiesenermaßen abfalle.