Omikron "ist im Prinzip ein Monster". So charakterisiert der in den USA tätige österreichische Virologe Florian Krammer die neue Variante des Coronavirus. Auch wenn noch nicht genug Daten vorliegen würden und es daher schwierig sei, die Situation mit Omikron abzuschätzen, "schaut’s nicht gut aus", sagte er in einem Online-Vortrag, den die Kunstuniversität Linz organisiert hatte.

Grund seien Anzahl und Ort der Mutationen. Die derzeit vorherrschende, hochinfektiöse Delta-Variante weise zwei Änderungen in der Rezeptor-Bindungsdomäne auf. Omikron aber besitze 12 bis 13 seiner 35 Mutationen in diesem Areal der Virus-Oberfläche, über das es sich an die Zelle anheftet. "Deswegen sind wir da ziemlich besorgt", sagte Krammer: "Auf Basis bisheriger Analysen gehe ich davon aus, dass die Aktivität der neutralisierenden Antikörper verändert und auch bei Geimpften und Genesenen reduziert ist."

Die neue Variante verbreite sich zudem stärker als Delta. "Man muss davon ausgehen, dass es zu einer weltweiten starken Verbreitung kommt", sagte der Professor für Impfstoffkunde an der Icahn School of Medicine des Mount Sinai-Krankenhauses in New York: "Außerdem stimmt es nicht, dass Omikron nur leichte Verläufe verursacht. Die sichere Annahme auf der Basis von Spitalseinweisungen von Patienten mit dieser Variante ist, dass sie genau so gefährlich ist wie alle anderen."

Dass die Forschung wegen Omikron zurück an den Start müsse, hält er dennoch für unwahrscheinlich. Wer eine Grundimmunität gegen Corona habe, verfüge über Antikörper-produzierende Zellen, von denen durchaus "einige auch Omikron erkennen können". Mit einem spezifischen Booster würden diese Zellen reaktiviert, sodass sich in sieben bis zehn Tagen eine Schutzwirkung aufbauen könne. Für einen ausreichenden Schutz vor der Omikron-Variante sind nach Angaben der Impfstoffhersteller Biontech und Pfizer drei Dosen ihres Produktes nötig. Zwei Dosen würden nicht ausreichend vor einer Infektion mit der neuen Variante schützen. Die Unternehmen gehen allerdings davon aus, dass der Schutz vor einer schweren Erkrankung weiterhin gegeben ist. Biontech-Vorstandschef Ugur Sahin betont, dass es für Menschen, die sich gegen Omikron schützen wollen, ratsamer sei, sich jetzt boostern zu lassen und nicht auf eine mögliche Impfstoff-Anpassung zu warten.

Sorge um "Totimpfstoffe"

"Die Impfstoffe, um die ich mir Sorgen mache, sind solche, die nur einmal verabreicht werden, sowie inaktivierte Impfstoffe", erklärte Krammer in einer weiteren Online-Diskussion, organisiert vom deutschen Science Media Center. Solche Vakzine, auch "Totimpfstoffe" genannt, würden nicht unbedingt eine gute T-Zell-Antwort und nur niedrige neutralisierende Antikörpertiter hervorrufen. Beide Werte spielen Schlüsselrollen im Kampf gegen Sars-CoV-2. T-Zellen sind jene Zellen des Immunsystems, die erkennen, dass eine Körperzelle von einem Krankheitserreger befallen ist, und diese beschädigte oder kranke Zelle tötet. Neutralisierende Antikörper wiederum setzen sich wie eine Schutzhaube auf jene Stelle des Virus, mit der sich dieses sonst an die gesunde Zelle heftet, und blockieren es. "Ich würde annehmen, dass die Wirksamkeit der Immunantwort bei diesen Impfungen am stärksten abnimmt", warnte Krammer.

Datensätze aus den Laboren der Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt hatten gezeigt, dass Omikron in der Petrischale eine starke Immune-Escape-Variante ist. Daher müsse man sich auf weitere Sicherheitsnetze des Immunsystems verlassen können. "Je weniger Antikörper und je weniger T-Zell-Antwort man hat, desto leichter wird es für starke Escape-Varianten wie Omikron sein, eine Krankheit auszulösen. Nicht alle Impfstoffe sind gleich", erläuterte Krammer.

Was den weiteren Verlauf der Pandemie betrifft, könnte er sich durch die neue Mutation durchaus in die Länge ziehen. Der britische Infektiologe Jeremy Farrar sieht die Welt dem Anfang der Pandemie sogar näher als ihrem Ende. "Wir müssen Delta wie Omikron ernst nehmen. Es wäre schön, wenn die Pandemie bald vorbei wäre, aber Omikron könnte das Problem verlängern", sagt Krammer. "Es wird sehr, sehr schwierig sein, dieses Virus auszurotten", bekräftigt auch Annelies Wilder-Smith, Professorin für neu auftretende Infektionskrankheiten an der London School of Hygiene im Vereinigten Königreich. "Daher müssen wir alles tun, um Gesundheitssysteme zu schützen, Todesfälle zu vermeiden, Impfungen aufzurüsten und die Gesellschaft zusammenzuhalten. Das Thema wird uns noch viele Jahre beschäftigen."(est)