Dass Kinder ausschließlich asymptomatische oder leichte Verläufe von Covid-19 erfahren, ist falsch. Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Abteilung Impfwesen im Gesundheitsministerium und Mitglied des Impfgremiums, erteilte dieser Annahme am Dienstag eine Absage: "Es gibt ein massiv relevantes Infektionsgeschehen in der Altersgruppe von fünf bis 18 Jahren, das auch symptomatische Erkrankungen und Spitalsaufenthalte", ebenso wie längerfristige Komplikationen verursachen könne, sagte Paulke-Korinek bei einer Pressekonferenz des Verbands der Impfstoffhersteller .

Insbesondere in den vergangenen Wochen war das Infektionsgeschehen bei Kindern in Österreich hoch. Am Dienstag stand im Dashboard der Ages eine Sieben-Tags-Inzidenz von 630 unter den fünf- bis 14-Jährigen einer über alle Altergruppen verteilte Inzidenz von 333 gegenüber. Der Hintergrund ist die Tatsache, dass die meisten Kinder noch nicht gegen Infektionen mit Sars-CoV-2 geimpft sind.

Zu den Komplikationen bei Kindern und Jugendlichen zählt eine überschießende Reaktion des Immunsystems, Hyperinflammationssyndrom genannt. Es ist medikamentös behandelbar, kann aber Langzeitfolgen nach sich ziehen. "Allein in Österreich wurden mit Stand September über 100 Kinder deswegen im Spital und schlimmstenfalls in Intensivstationen behandelt", so die Expertin. - "Bei manchen Kindern bilden sich Ausbuchtungen einer Koronararterie. Dadurch kann es passieren, dass die Kinder lebenslang gerinnungshemmende Medikamente einnehmen müssen", erklärte auch Florian Götzinger, Kinderarzt an der Klinik Ottakring, die Studien in diesem Fachgebiet durchführt.

Junge auf Intensivstationen

Weiters kann es auch bei Jungen zu Langzeit-Symptomen durch Long Covid kommen, die mit Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, Müdigkeit oder Atemnot einhergehen. "Selbst wenn wir bei nur zwei oder drei Prozent Long-Covid Fällen unter Kindern und Jugendlichen liegen, sind das unglaublich viele, die langfristig darunter leiden", sagte Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referates für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer.

"Seit ich an Covid-19 erkrankt bin, leide ich an Asthma und Konzentrationsstörungen, die ich davor nicht hatte. Vor Covid war ich gesund und sportlich", wusste Bundesschulsprecherin Susanna Öllinger zu berichten. "Die Schulen können nur offen bleiben, wenn sie sicher sind, und das lässt sich nur durch eine hohe Durchimpfungsrate lösen."

Verglichen mit anderen Impf-Präventarien käme Covid-19 weitaus häufiger vor, hob Paulke-Korinek hervor. Vergleiche: Rotavirus-Gastroenteritis sei eine weniger schwere Erkrankung als Covid-19. "Da aber Brechdurchfall für Babys ein furchtbarer Zustand ist, impft man sie." Masern und Keuchhusten kämen seltener vor als Covid-19 in der Pandemie, aber es würde dagegen geimpft. "Deswegen waren wir uns einig im Impfgremium, die Corona-Impfung für Kinder ab fünf Jahren Sinn hat. Wir empfehlen zwei Impfungen im Abstand von 21 Tagen, ganz besondere für Kinder mit Risiko oder solchen mit Risikopersonen in ihrem Umfeld", sagte sie. Doch das ist nicht alles. In diesem Winter droht nämlich auch noch eine weitere Gefahr. Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Referenzlabors zur Erfassung von Influenza-Infektionen in Wien, warnt, dass die Corona-Pandemie demnächst erstmals auf die Grippesaison treffen wird.

"Reisendes Virus"

Da im Vorjahr während des Lockdown die Reisetätigkeit stark eingeschränkt war, blieb 2020 die Grippewelle in Europa aus. Heuer besteht die Gefahr, dass Pandemie und saisonale Grippe aufeinander treffen. Laut dem europäischen Überwachungssystem "Sentinel" ist die Influenza derzeit zwar noch nicht in Österreich, "aber wir sehen Influenzavirus-Aktivität um uns herum. In Russland ist das Virus weit verteilt, in Schweden regional virulent und in Deutschland, Frankreich und Portugal beginnt es, zu kursieren", sagte Redlberger-Fritz. "Die Influenza ist ein reisendes Virus. Wenn mit dem Ende des Lockdown Reisende nach Österreich kommen, können wir erwarten, dass dir auch Österreich erreicht - es bahnt sich etwas an."

Auch Influenza-Patienten würden in Intensivstationen landen, sagte die Virologin und nannte Zahlen: "Pro Woche sind das in Europa in normalen Saisonen 400 Personen. Und obwohl die Grippesaison noch nicht begonnen hat, lagen in Kalenderwoche 48 insgesamt 41 Grippe-Patienten auf Intensivstationen, neun von ihnen waren in der Altersgruppe von null bis vier Jahren."

Spezifischer Booster

Doppelinfektionen mit beiden Viren zugleich sind bisher nur aus Einzelfällen zu Beginn der Pandemie in China bekannt. Der Verlauf gilt als besonders schwer, da das Immunsystem nicht damit zurande kommt, gegen beide Erreger zugleich anzukämpfen. Es kommt zu einem Zytokinsturm - also einer Überreaktion des Immunsystems, die in Lungenversagen enden kann. "Beide Erkrankungen lassen sich allerdings mit Impfungen verhindern. Medizinisch gesehen kann man beide Seren gleichzeitig verabreichen", so Redlberger-Fritz.

Wenig optimistisch blickt der Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in New York auf die ersten Daten zur Omikron-Variante. "Es breitet sich schnell aus" und scheine eine gute Fluchtvariante zu sein. "Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass es einen Omikron-spezifischen Booster brauchen wird." Es gebe aber Hinweise, dass Genesene und doppelt Geimpfte zumindest weiter gegen schwere Verläufe geschützt sind, sagte er am Montagabend bei einem von der Ages organisierten Online-Vortrag.

Zwei Dosen des Covid-19-Impfstoffs von Biontech und Pfizer scheinen einer Studie aus Südafrika zufolge immerhin einen deutlichen Schutz vor schweren Erkrankungen während der dortigen Omikron-Welle zu bieten.