Ansteckender, den Immunschutz zum Teil umgehend und mit besonders rasch steigenden Infektionszahlen einhergehend: Alles deutet darauf hin, dass die Omikron-Variante von Sars-CoV-2 schon bald eine fünfte pandemische Welle auslösen könnte, die auf geringen Immun-Widerstand trifft und der Welt große Probleme bereitet. Diese Sorge teilen Virologen, Immunologen und Simulationsforscher, die das Coronavirus studieren, Erkrankte behandeln und die Effektivität von Maßnahmen berechnen. Omikron könnte somit auch dem Jahr 2022 zähe Beschränkungen und strenge Regelungen auferlegen, um Todesfälle und erneute Überlastungen von Intensivstationen zu vermeiden.

Die neue Variante war bis Mittwoch Mittag in 57 Ländern, auch in Österreich, nachgewiesen worden. Erhebungen aus dem Vereinigten Königreich verdeutlichen, wie schnell Omikron die Welt einnimmt. Nur zweieinhalb Wochen, nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO sie zur besorgniserregenden Variante erklärt hatte, wurden am Dienstag 4.700 bestätigte Infektionen mit der Mutation gezählt. Laut Gesundheitsminister Sajid Javid sei Omikron für 40 Prozent aller Neuinfektionen in London verantwortlich. Er hält es für möglich, dass die Zahl der Neuinfektionen auf bis zu 200.000 Fälle pro Tag ansteigt, das wäre eine Vervierfachung. "Impfungen alleine werden kein Land aus der Krise führen", betonte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus im US-Nachrichtensender NBC.

"Omikron verbreitet sich in einer Geschwindigkeit, die wir von keiner anderen Variante kennen. Die Zahl der Infektionen verdoppelt sich alle zwei bis drei Tage", sagte Dirk Brockmann, Leiter der Projektgruppe Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten am deutschen Robert-Koch-Institut, in einem virtuellen Pressebriefing des "Science Media Center" Deutschland.

Brockmann sieht die Pandemiebekämpfung nahezu zurück am Start. "Die erste Welle im Frühjahr 2020 war dynamisch verwandt. Da kam ein neues Virus mit einer bestimmten Übertragbarkeit und es wurden sehr vehemente Maßnahmen getroffen, die die Welle gebrochen haben. Allerdings war der Wildtyp weniger leicht übertragbar", sagte er.

Im ersten Lockdown sank die lokale Mobilität um 60 und die über längere Entfernungen um 90 Prozent. "Für Omikron müsste ungleich mehr passieren, um das Ding auch nur zu entschleunigen, geschweige denn es zu brechen", so Brockmann. Eine Hoffnung bestünde darin, die fünfte Welle zeitlich hinauszuzögern - etwa bis eine angepasste Impfung erhältlich ist. Allerdings sei "Hoffnung nicht die Karte, auf die man setzen" solle. Vielmehr sei antizipatorisches Denken mit Erstellung eines Notfallplans, was bei welcher Kennzahl von Infizierten zu tun sei, erforderlich.

Dass die Welt jede mögliche Handlung setzen muss, um Schäden durch Omikron möglichst gering zu halten, bestätigte auch Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt: "Es reicht nicht, sich auf Booster-Kampagnen oder die Erstimpfungen zu konzentrieren", sagte sie und bezog sich dabei auf das "Schweizer-Käse-Modell" des britischen Psychologen James Reason. In dieser bildhaften Darstellung stehen die Löcher für menschliche Fehler und die Emmentaler-Scheiben für Sicherheitsvorkehrungen. Zu viele Löcher führen zum Zusammenbruch von komplexen Systemen.

Käsescheiben-Modell

Auf Corona umgelegt heißt das: "Es ist nicht sinnvoll, auf eine der Käsescheiben - Impfen, Boostern, Testen auch für Geimpfte, Masken tragen, Abstand halten, bei Symptomen zu Hause bleiben - zu verzichten. Sonst könnten plötzlich ganze Krankenhausteams ausfallen", sagte Ciesek. Womit bei einer fünften Welle die Maßnahmen zahlreicher werden könnten denn je. "Wir können nur hoffen, dass die Todesraten durch Omikron geringer sind, und alle Maßnahmen zur Anwendung kommen lassen, bis die Daten zu Pathogenität und Verläufen stabiler sind", summierte Ciesek.

Mit ihrem Team konnte die Virologin zeigen, dass die Immunflucht der neuen Variante und ihre schnelle Verbreitung zusammenhängen. Umgelegt auf die Wirksamkeit der derzeit vorhandenen Corona-Vakzine heißt das: "Bei zwei Mal Geimpften verschwindet der Schutz nach sechs Monaten. Nach Booster-Vakzinen liegt er je nach Impfung bei 58 bis 78 Prozent. Allerdings könnten sich selbst geboosterte Menschen mit Omikron infizieren."