Zoom-Fatigue beschreibt eine Form von Müdigkeit, die sich nach mehreren Video-Meetings pro Tag oder pro Woche einstellt. Betroffene sprechen von Überdruss, einem Gefühl des Ausgelaugtseins, sogar Erschöpfung. Statt Sitzung an Sitzung reiht sich Call an Call. Da dazu nicht einmal das Zimmer gewechselt werden muss, fallen sogar die Pausen aus. "Zwei Klicks - und der Bildschirm ist voll mit anderen Personen, aufgereiht wie eine antike Büstensammlung: Kopf und Oberkörper sind zu sehen, mehr nicht." So formuliert es das deutsche "Handelsblatt".

Das Institut für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen hat das Phänomen untersucht. Nach dem ersten Lockdown 2020, als digitale Arbeitswelten mit virtueller Kommunikation und Zusammenarbeit sich etabliert hatten, hat das Forschungsteam eine Befragung unter 422 Führungskräften durchgeführt. 60 Prozent gaben an, Zoom-Müdigkeit zu verspüren. Fast alle litten an Konzentrationsverlust bei virtuellen Meetings. Die Hälfte erlebten Ungeduld, Irritation und erhöhte Reizbarkeit und ein Drittel sprach von Kopf- und Rückenschmerzen, Seh- und Schlafstörungen.

Zu den genannten Gründen zählten das Gefühl, bei virtuellen Meetings "wie auf dem Präsentierteller" beobachtet zu werden und "keine Möglichkeit der kleinen Unaufmerksamkeiten zu haben". 70 Prozent machten fehlende non-verbale Hinweise als Belastungstreiber aus und 45 Prozent beklagten explizit das Fehlen von Gestik und Mimik. Weitere 52 Prozent vermissten den Small Talk beim Kaffee und die Tatsache, dass sich am Rande von Video-Meetings keine Gelegenheit zum Netzwerken ergibt. Stattdessen hantelte man sich nur von trockenen Inhalten zu mehr trockenen Inhalten.

Schmiere im Gesamtgefüge

Smalltalk und Networking wirken wie Schmiere im Gesamtgefüge. Ohne sie verhält sich die Gruppe irgendwann wie ein schlecht gewarteter Oldtimer: Die Gummidichtungen werden brüchig, der Motor stottert. Fehlende menschliche Interaktion oder die Abwesenheit der Schmiere ist laut den Studienautoren der wichtigste Belastungstreiber.

"Nach knapp zwei Jahren der Pandemie sind die Kraftreserven der meisten Menschen erschöpft", hieß es kürzlich zum Auftakt der ORF-Fernsehdiskussion "Im Zentrum". Die Maßnahmen, um die Corona-Pandemie einzudämmen, würden viele an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen, da neben wirtschaftlichen und persönlichen Perspektiven die zwischenmenschliche Kommunikation leidet. Kontaktbeschränkungen und Gesichtsmasken zwingen uns nämlich, weitgehend auf nonverbale Signale zu verzichten. "Ohne die Körpersprache entgeht uns ein wichtiger Teil der mitgeteilten Informationen", weiß der Berliner Mimik- und Körpersprachen-Experte Dirk W. Eilert. Wer die Brust herausstreckt, sendet ebenso eine Botschaft aus wie jemand, der die Sitzhaltung verändert, unvermittelt aufsteht, die Handflächen öffnet oder die Arme verschränkt, die Braue hochzieht oder die Lippen kräuselt.

Mimik, Gestik, Haltung, Bewegung im Raum, Berührung und Augenkontakt gehören seit Urzeiten zur zwischenmenschlichen Kommunikation. Beim Kennenlernen schätzen wir Andere innerhalb von Zehntelsekunden ein. "In dieser Kürze entscheidet das Emotionszentrum im Gehirn, ob jemand Freund oder Feind ist", sagt Eilert. Mimik und Körpersprache vermitteln die wahren Gefühle darüber, wie Menschen zu einander stehen. Die platte Büstensammlung in der Teams-Sitzung kann das kaum. Im Gegenteil zwingen uns virtuelle Meetings sogar dazu, einander eben nicht in die Augen zu blicken, sondern die Kamera des Laptops zu fixieren, um diesen Eindruck zu erzeugen.

Fairerweise muss angemerkt werden, dass eine Welt im Lockdown ohne Konferenz-Tools noch einmal einsamer wäre. Auf eine gewisse Weise jammern wir also auf hohem Niveau, denn letztlich bemängeln wir, das eine gute Technologie nicht perfekt ist. Dennoch sind echte Beziehungen ohne Körpersprache nicht denkbar. Wir Menschen sind soziale Wesen. Für einen gelungenen Start ins Leben sind persönlicher Kontakt und körperliche Zuwendung ganz entscheidend. "Liebe - ein Grundnahrungsmittel" titelt es das deutsche Fachmagazin "Das Gehirn" in einem Bericht zum Thema: Wer als Baby verlässlich Liebe zu spüren bekommt und sichere Bindungen entwickeln kann, gewinne dadurch langfristig auch an Freiheit. Denn die Bindung zur Mutter ermöglicht es, Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit zu entwickeln, Verhaltensweisen und Fertigkeiten zu erlernen, und soziale Einbindung hilft bei der Identitätsfindung. Wer wir sind, hat auch mit Zugehörigkeit zu tun. All dies finden Menschenkinder heraus, indem sie sich in Beziehung zu anderen setzen.

Beziehung gibt Identität

Was passiert, wenn jemand in Isolation aufwächst, zeigt das rätselhafte, erschütternde Beispiel Kaspar Hauser. Im Jahr 1828 tauchte ein verwahrlost aussehender Jugendlicher auf dem Nürnberger Unschlittplatz auf. Er konnte kaum sprechen, war mit vielen Verhaltensweisen nicht vertraut und wirkte geistig auf dem Stand eines Kleinkindes zurückgeblieben. Seine späteren Aussagen, er sei, solange er denken könne, bei Wasser und Brot ganz allein in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden, erregten enormes Aufsehen. Kaspar Hauser sei "weder verrückt noch blödsinnig", resümmierte damals Nürnbergs Bürgermeister, Jakob Friedrich Binder, "aber offenbar auf heillose Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt worden".

Auf der Liste der grausamsten Experimente aller Zeiten steht ein Versuch mit Affenbabys ziemlich weit oben. Ende der 1950er Jahre wollte der US-Psychologe und Primatenforscher Harry Harlow die Eltern-Kind-Beziehung besser verstehen. Allerdings herrschte damals die Auffassung, Zuwendung verderbe Kinder stärker, als dass sie ihnen nütze. Harlow trennte Rhesus-Äffchen direkt nach der Geburt von ihren Müttern und gab ihnen zwei Attrappen als Ersatz: Die eine aus Draht konnte die Äffchen über eine in Brusthöhe eingebautes Flasche ernähren. Die andere bot nichts zu Fressen an, bestand aber aus einem kuscheligen Stoffkörper. Wenn Harlow den Affenbabys Angst und Schrecken einjagte, begaben diese sich in den Schutz der kuscheligen Attrappe, die sie nie ernährte.

Nähe beruhigt das Gehirn

Berührungen bringen Mütter und Babys in Gleichklang, berichten Entwicklungspsychologinnen der Universität Wien. Durch engen Körperkontakt und Streicheln passen sich die Gehirnaktivitäten von Mutter und Kind an. Auch bei Paaren wurde eine Angleichung von Gehirnaktivitäten und Herzrhythmen bei liebevollen Berührungen beobachtet. Die Ergebnisse deuten laut Stefanie Höhl und Trinh Nguyen auf den biologischen Weg hin, über den "soziale Berührungen in die kindliche Entwicklung einfließen". Die Anpassung der Gehirnaktivitäten unterstützt somit kindliches Lernen und soziale Bindungsfähigkeit.

Schon eine kurze Umarmung kann auch bei Erwachsenen Glückshormone freisetzen. Körperkontakt beeinflusst die Gehirnaktivität und mildert zwischenmenschliche Konflikte ab, berichtet die Ruhr-Universität Bochum. Denn die Berührung löst auf unserem größten Sinnesorgan, der Haut, etwas aus, das das Gehirn veranlasst, Botenstoffe auszuschütten. Oxytocin entfaltet eine beruhigende Wirkung, unterstützt den Stressabbau und stärkt Bindungen, der Neurotransmitter Dopamin hellt die Stimmung auf. Auch die Herzen von Menschen, die sich regelmäßig umarmen, schlagen ruhiger. Ohne Berührungen aber verkümmert der Mensch. Die Blutdruckwerte steigen und die Zahl der Stresshormone schnellt nach oben, was bei dauerhafter Belastung das Immunsystem schwächt.

Zwar ist zu erwarten, dass auch der kommende Jahreseinstand mehr Abstand als Nähe bringen wird. Ein Trost: Persönlicher Kontakt zum Partner bleibt erlaubt, er lässt sich also gut nützen. Zwei britischen Studien zufolge fallen außerdem die Krankheitsverläufe bei der hochansteckenden Coronavirus-Variante Omikron weniger schwer aus als bei Delta. Der Spuk könnte also doch in absehbarer Zeit vorbei sein. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!