An- und Entspannung kennzeichnen den Orgasmus. Der lustvolle Höhepunkt wird durch einen Reflex im Rückenmark ausgelöst, der über Sinneseindrücke wie Geruch, Bilder und Klänge sowie Berührungen oder Gedanken stimuliert wird. In dieser Erregungsphase schwellen Scheide und Penis an und die Herz- und Atemfrequenz erhöht sich. In der zweiten Phase verstärkt sich die Schwellung der Geschlechter. Die Vaginalwände werden intensiver durchblutet, die Klitoris färbt sich rot und Sekret wird abgesondert, das ein Eindringen des Penis erleichtert. Beim Mann erigiert das Glied vollkommen.

In der Orgasmusphase wird Sperma abgegeben. Daran sind Hoden, Nebenhoden und die Prostata beteiligt. Beim Mann dauert das einige Sekunden. Durch Muskelkontraktion der Vagina, Anus und Gebärmutter wird Sperma weiter in Richtung potenzieller Eizellen transportiert. Die Kontraktion der Frau kann mehrere Minuten dauern. Danach entspannt sich der Körper und die Genitalien schwellen ab. In dieser Refraktärphase ist der Penis nicht erregbar. Der Zustand dauert bei Männern einige Minuten bis zu einem ganzen Tag. Frauen hingegen können nach dem ersten Orgasmus weitere erleben.

Sexuelle Dysfunktionen

So weit das Vier-Phasen-Modell nach den beiden Wissenschaftlern William Howell Masters und Virigina Johnson aus den 1960er Jahren. Allerdings verläuft der Orgasmus bei beiden Geschlechtern nicht immer wie beschrieben.

In jeder Phase kann es zu sexuellen Dysfunktionen kommen. Um erneut einen Orgasmus zu ermöglichen, werden Spielzeuge der Erotikindustrie auch im medizinischen Bereich eingesetzt. Am stärksten bedingt die Psyche den Orgasmus, gefolgt von Beeinträchtigungen des Beckenbodens und der Nervenbahnen. "In gewissen Momenten hat man den Kopf überall, nur nicht beim Geschlecht. Das vergeht wieder. Wenn man aber will und es wochenlang nicht klappt, sollte man Hilfe holen", so Gossak, Physiotherapeutin für Urologie und Gynäkologie an der Universitätsklinik Wien (AKH).

Wer sein Geschlecht kennt, kann positiv auf den Orgasmus einwirken. "In der Physiotherapie lernen die Betroffenen, ihre Körpermitte zu spüren: Was ist das Geschlecht, wo kann ich anspannen und wo nicht", sagt Kathrin Gassner, Physiotherapeutin in der Abteilung Chirurgie am AKH. Auch nach Geburt, Operation oder Geschlechtsumwandlung ist es essenziell, die Wahrnehmung des eigenen Geschlechts zu schulen. Die Klitoris der Frau wird mit der Eichel des Manns verglichen. Ausgehend von der sichtbaren Spitze, zieht sich die Klitoris tief in das Innere der Frau hinein. "Somit sind klitoraler und vaginaler Orgasmus beides klitorale Orgasmen", so Gossak.

Je mehr die Frau über ihre Stimulationspunkte weiß, desto besser kann sie die beim Sex einbringen. Für Männer gilt: Je mehr Reibung, desto mehr Reize. Eine für den Mann empfundene enge Vagina wird als angenehmer empfunden als eine weitere. Manche sind mit weichen Berührungen reizbar, andere mit festen. Nebst der empfindlichen Vagina und dem Penis verlaufen sehr viele Nerven auch im Bereich des Damms und Afters, die manche zur Stimulation hinzuziehen.

Vibratoren lassen eigene Stimulationspunkte erkunden. Im Rahmen einer physiotherapeutischen Therapie schult der Vibrator die Wahrnehmung. "Beispielsweise konnte eine Patientin nach einer Operation mit starker Nervenbeeinträchtigung die Blase nicht leeren. Nach der Therapie war der Harndrang wieder spürbar", so Gossak. Auch dient es als Hilfsmittel, um herauszufinden, wie stark Reize überhaupt wahrgenommen werden. Werden diese nur in der höchsten Stufe des Vibrators erfahrbar, kann durch Sensibilitätsschulung stückweise auf niedrigere Stufen geschaltet werden. Eine gute Körperwahrnehmung reicht nicht immer aus. Frauen mit einer starken Beckenbodenspannung können den Penis schwer aufnehmen oder lösen damit Inkontinenz aus.

Mehr masturbieren

Generell beobachten die beiden Physiotherapeutinnen die vermehrte Tendenz zu Verspannungen, sei es im Rücken oder im Genitalbereich. Neben erhöhter Spannung im Beckenboden kann auch wenig Aktivität hinderlich sein. Wie die restliche Muskulatur wird im Alter auch der Beckenboden schwächer. Werden Organe von diesem Muskelverband nicht mehr in Position gehalten, kommt es zu Senkungen von Harnblase, Gebärmutter oder Scheidenwand. Rutscht die Gebärmutter komplett aus der Scheide, muss sie operativ fixiert werden.

Vorstufen äußern sich durch unvollständige Blasen- und Darmentleerung, einem Fremdkörpergefühl sowie Schmerzen im Lendenbereich oder während dem Geschlechtsverkehr. Im Rahmen der Physiotherapie können eingesetzte Pessare helfen, den Beckenboden zu stützen und die Organe in Position zu halten. Als zusätzliches Training können Liebeskugeln eingeführt werden. Der Beckenbogen möchte die Gewichte reflexartig zurückhalten. Je nach Muskulatur können fünf Minuten Training ausreichend sein. In Folge der Therapie können die Trainingszeit und das Gewicht der Kugeln gesteigert werden.

Sowohl für Frauen als auch für Männer ist Beckenbodentraining essenziell. "Wenn ich 75-Jährigen sage, sie sollen nach der Prostataentfernung dreimal die Woche masturbieren, schauen sie mich mit großen Augen an. Mit Sexualität haben sie seit Jahrzehnte abgeschlossen", so Gossak. Erektion ist dank nervenerhaltende Operationen nach wie vor möglich. "Noch vor der Katheterentfernung erzählen die Patienten freudig von ihrer Morgenlatte", ergänzt die Therapeutin. Für die Schwellkörper des Manns ist die nächtliche und morgendliche Erektion wichtig. Nur durch die regelmäßige Durchblutung bleib die Funktion erhalten. Eine Erektion während der Nacht, unabhängig von sexueller Aktivität, ist eine natürliche Erhaltungsmaßnahme. Liegt ein Durchblutungsproblem beim Penis vor, sind Penisring und Penispumpe förderlich. Um die Blutabfuhr zu verringern, wird ein Penisring aufgesetzt. Ist die Erektion nicht stark genug, kann mittels Penispumpe ein Vakuum erzeugt werden. Das Blut gelangt in den Penis und wird mit dem Ring dort halten. Die Therapeutinnen empfehlen weiche Materialien, die eigenständig entfernt werden können, ohne dass die Feuerwehr mit einer Flex anreisen muss, um Männer von Titanringen zu befreien.

Bei allen Hilfsmitteln gilt es auf Produkte zu setzen, die gut verarbeitet sind und keine Weichmacher enthalten. Derzeit gibt es keine EU-Norm für derartige Materialien. Neben Silikon finden sich Produkte aus medizinischen Stahl. Orgasmus und sexuelle Dysfunktion sollten kein Tabu mehr sein, jede und jeder hat ein Anrecht auf einen gelungenen Orgasmus.