Seit Beginn der Corona-Pandemie ist Händehygiene das oberste Gebot. Sie gilt als wichtige Säule bei der Infektionsprävention. Das Bild des Alltags dazu sind detailreiche Waschanleitungen auf Toiletten und Desinfektionsspender wohin das Auge reicht. Doch nicht alles, was glänzt, ist Gold und nicht alles, was empfohlen wird, auch der Weisheit letzter Schluss. Denn übertriebene Händehygiene bzw. auch missverstandene Empfehlungen können der Haut stark zusetzen, erläutern der Genetiker und Experte für Infektionsprävention, Christoph Klaus, sowie die Dermatologin Mahitab Khalifa-Paruch, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Rissige, juckende, gerötete und schmerzende Hände sind die Folge. Doch das muss nicht sein.

Die Seife ist eine der wichtigsten Waffen in unserem Arsenal gegen Krankheitserreger, heißt es auch heute noch. Und tatsächlich. Sie killt Viren, darunter auch Sars-CoV-2, indem sie ihre Fettmembran auflösen kann. Allerdings schwemmt sie bei häufiger Anwendung auch die Körperfette aus der Haut.

Zunahme von Ekzemen

Exzessives Händewaschen verursacht eine Störung der Lipidbarriere in der Oberhaut. Dies führt zu erhöhter Empfindlichkeit der Haut gegenüber physikalischen und chemischen Einwirkungen, beschreibt die Dermatologin Khalifa-Paruch. Durch Seife werden körpereigene Fette aus der Haut abgetragen und dadurch können selbst sonst schwache Reizstoffe wie Duft- oder Farbstoffe verschiedener Produkte zu einer chronischen Kontaktdermatitis führen. In der Dermatologie spricht man auch von Waschekzemen. Bei den Betroffenen sinkt dann fatalerweise wiederum häufig die Bereitschaft, die Hände zu desinfizieren, betont die Medizinerin.

Ähnlich wie in Österreich hatte auch die dänische Gesundheitsbehörde aktiv mehrmals tägliches Händewaschen empfohlen. Eine Umfrage unter mehr als 31.000 Kindern im Alter zwischen fünf und 13 Jahren zeigte eine Zunahme von Handekzemen um 36 Prozent. Eine Forschungsgruppe aus Saudi-Arabien berichtet von rund 2.400 Erwachsenen einen Anstieg trockener, juchender und schmerzender Hände um 34,8 Prozent während der Covid-Pandemie.

Das rasche Aufkommen des Coronavirus brachte zu Beginn einen Mangel an Desinfektionsmitteln. In erster Linie waren medizinische Einrichtungen versorgt worden, Hamsterkäufe taten ihr Übriges. Eine Notfallverordnung hatte dazu geführt, dass praktisch jeder Desinfektionsmittel herstellen und in den Verkauf bringen durfte. "Viele der Produkte sind weit weg von einer Wirksamkeit oder dermatologischen Verträglichkeit", gibt Klaus zu bedenken.

"Hochwertige Desinfektionsmittel bestehen immer aus chemisch reinen Alkoholen und beinhalten immer zusätzliche Pflegekomponenten wie Dexpanthenol oder Vitamin E. Diese Produkte sind dafür bestimmt, auch zig-mal täglich angewendet zu werden, ohne die Haut zu schädigen", betont Klaus. Diese auf Wirksamkeit und Hautverträglichkeit geprüften Lösungen seien sogar der Seife vorzuziehen, denn: "Waschen macht sauber, desinfizieren macht sicher", lautet das Motto.

Alkohol ist essenziell

Mit guter Händehygiene lassen sich viele Erreger - vom Corona- bis zum Grippevirus - gut ausschalten. Denn diese werden nicht nur über die Luft übertragen, sondern beschreiten Kontaktrouten von kontaminierten Oberflächen über die Hände bis zum Gesicht, wo die Viren über die Schleimhäute in den Körper eindringen können.

Der Alkohol in den Produkten sei essenziell. Er hat die Eigenschaft, dass er im Virus unmittelbar die Proteine denaturiert - so wie ein Ei durch Hitze in der Pfanne zum Spiegelei wird. Damit seien die Proteine unwiderruflich zerstört und sie können sich auch nicht mehr zurückbilden, sprich, der Erreger kann sich nicht regenerieren. Zwar haben Mikroorganismen unterschiedliche Schutzmechanismen gegenüber Chemikalien oder Antibiotika, aber vor einer Denaturierung kann sich keiner schützen. Daher kann es auch keine Resistenz gegenüber alkoholischen Desinfektionsmitteln geben, so Klaus. Eine Übersicht über wirksame und verträgliche Desinfektionsmittel bietet die Österreichische Gesellschaft für Hygiene auf ihrer Homepage.

Die Experten empfehlen: Zuhause mit lauwarmem Wasser und milden Reinigungsmitteln die Hände waschen, unterwegs desinfizieren. Um Hautreizungen zu vermeiden, können Handcremen auf Basis von Fett und Harnstoff (Urea) verwendet werden. "Sie legen sich wie ein Schutzfilm auf die Haut, wodurch der Wasserverlust nur geringer stattfinden kann", erklärt Khalifa-Paruch. Zudem werde die Haut zur Selbstregeneration angeregt und kann den Wassergehalt und ihre Lipidschicht wieder selbst aufbauen. Beim Auftreten von Irritationen sollte ein Dermatologe zurate gezogen werden, um die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können, rät Khalifa-Paruch. Eine Therapie fortgeschrittener Ekzeme kann nämlich von langer Dauer sein.