Vor 100 Jahren gelang in Kanada die weltweit erste Insulinbehandlung eines Menschen mit Diabetes Typ 1. Vor diesem Durchbruch lag die durchschnittliche Überlebenszeit eines Patienten nach Diagnosestellung etwa neun Monate. Seither hat die Diabetesbehandlung eine rasante Entwicklung erfahren. Heute haben Betroffene die Möglichkeit, ein nahezu ebenso normales Leben wie stoffwechselgesunde Menschen zu führen.

Es war der 23. Jänner 1922, an dem dem 13-jährigen Leonard Thompson als erstem Patienten erfolgreich Insulin gespritzt wurde. Im Februar darauf folgten sechs weitere Personen, die am Toronto General Hospital mit Insulin behandelt wurden. Die ersten Erfolge waren im Mai desselben Jahres beim Kongress der Association of American Physicians in Washington erstmals einer breiten medizinischen Öffentlichkeit präsentiert worden.

Entdeckung durch Banting

Weitere große Fortschritte folgten: 1924 kam die erste Insulinspritze auf den Markt, 1934 das erste Verzögerungsinsulin. Die in den 1950er Jahren üblichen Urinzuckerstreifen wurden in den 1960er Jahren durch Blutzuckermessstreifen ergänzt. Im Jahr 1983 wurden erstmals tierische Insuline durch Humaninsuline ersetzt. Bis dahin wurde das Hormon aus gereinigten und aufbereiteten Schlachthausabfällen hergestellt. Zu diesem Zeitpunkt gab es ausschließlich schnell wirksames Insulin. Über die Jahre wurden verschiedene Zusätze getestet, durch die dann auch langwirksamere Basalinsuline möglich wurden. Es war auch 1983, als die erste Insulinpumpe vorgestellt wurde. Heute nutzen mehr als 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen eine solche Pumpe, im Kleinkindesalter sind es mehr als 90 Prozent.

Dem allen zugrunde liegt die Entdeckung des Hormons durch den Chirurgen Frederick Banting sowie den Physiologen und Biochemiker Charles Best. Im Jahr 1921 war ihnen erstmals die Isolierung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden gelungen. Damit legten sie den Grundstein für die erste wirksame Behandlung.

Häufig schon im Kindesalter

Bei Typ-1 Diabetes kann die Bauchspeicheldrüse das blutzuckersenkende Hormon Insulin nicht mehr in ausreichender Menge oder gar nicht produzieren. Ein Insulinpräparat wird verabreicht, um den Mangel des körpereigenen Stoffwechselhormons auszugleichen. Auch bei Patienten mit Typ-2 Diabetes kann im Laufe der Erkrankung eine Insulintherapie notwendig werden. Dies ist dann der Fall, wenn eine nicht ausreichende körpereigene Insulinproduktion besteht und daher Ernährungsumstellung sowie körperliche Bewegung alleine oder die Behandlung mit blutzuckersenkenden Medikamenten nicht mehr zum Erfolg führen.

Der Typ-1 Diabetes tritt häufig schon im Kindesalter auf. Besonders Kleinkinder seien besonders gefährdet, sehr niedrige oder sehr hohe Blutzuckerspiegel zu haben, heißt es in einer Aussendung der Medizinischen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck. Die Kinder haben ausgeprägte Blutzuckerschwankungen, einen sehr geringen Insulinbedarf und ein unvorhersehbares Ess- und Bewegungsverhalten. Sinkt der Blutzucker zu stark und plötzlich, kann das zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen führen. Ein zu lange anhaltender hoher Blutzuckerspiegel kann lebensbedrohlich sein.

Moderne Technologien kommen auch ihnen bereits zugute. Die Kombination von Pumpen, Glukosesensoren und Handy-App zu sogenannten "Hybrid-Closed-Loop"-Systemen sei schon nahe an dem, was die Glukoseregulation bei Gesunden ausmacht. Von dem durch Künstliche Intelligenz gesteuerten System profitieren heute nicht nur Erwachsene, sondern eben auch Kleinkinder, deren Alltag damit deutlich erleichtert wird und die Blutzuckereinstellung verbessert. Das hat auch das kürzlich abgeschlossene EU-Projekt "KidsAP", an dem auch die drei heimischen Universitäten beteiligt waren, ergeben.

Algorithmus am Werk

Für die lückenlose Anpassung des Glukose- und Insulinbedarfs muss die Betreuungsperson des Kindes nur zu den Mahlzeiten Insulin verabreichen, zu allen anderen Zeiten arbeitet der Algorithmus von selbst, um den programmierten Glukosezielwert zu erreichen und stabil zu halten. Denn basierend auf vorhergesagten oder Echtzeit-Glukosewerten wird die abgegebene Insulinmenge automatisch angepasst.

Der an der Universität Cambridge entwickelten Algorithmus sei mittlerweile CE-zertifiziert und ab dem ersten Lebensjahr zugelassen, betont Sabine Hofer, Leiterin der Diabetes-Ambulanz an der Innsbrucker Uniklinik.